Leiden mit Sechzig: Einmal Löwin, immer Löwin

Sechzig Porträts von Frauen, die mit den Löwen leiden: Eine Ausstellung wirft einen ganz besonderen Blick auf die Fans der Sechzger.
| Von Felix Müller
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Porträts von Löwen-Fans aus allen Generationen (von oben links) : Annika (35) mit Amelie (3), Leona (4), Michaelle (17), Katja (45), Rosemarie (47), Ida (17), Katja (45), Rosemarie (47), Isa (17), die Wirtin des Löwenstüberls Christl Estermann (73) und Heike (43).
Anne Wild Porträts von Löwen-Fans aus allen Generationen (von oben links) : Annika (35) mit Amelie (3), Leona (4), Michaelle (17), Katja (45), Rosemarie (47), Ida (17), Katja (45), Rosemarie (47), Isa (17), die Wirtin des Löwenstüberls Christl Estermann (73) und Heike (43).

Frauen, die rosa Fanartikel tragen, Fußballspieler süß finden, nur wegen ihres Partners ins Stadion gehen: Natürlich kennt Anne Wild (51) alle Klischees. Unfug, findet Wild, Fotografin und selbst seit Ewigkeiten eine Sechzgerin. Und hat sechzig Frauen, die Fans sind, porträtiert. Von heute an ist ihre sehenswerte Ausstellung im Farbenladen an der Hansastraße zu sehen.

Es sind eindrückliche Bilder von Fans – und rührende Geschichten von der Liebe zu einem Verein, die für Außenstehende (und den roten Teil dieser Stadt) kaum noch nachvollziehbar ist. Da schaut die vierjährige Leona schüchtern in die Kamera („Sind im Kindergarten viele Löwenfans? Nein. Der einzige bin ich“), da stimmt die 55-jährige Monica, eine Einmal-Löwe-Immer-Löwe-Kappe auf dem Kopf, vor der Kamera scheinbar einen Schlachtgesang an (und sagt im Interview, wenn sie Göttin spielen könne, würde sie Thomas Miller klonen). Da erzählen Frauen, dass ihnen ein Roter natürlich nie ins Haus kommen würde. Elisabeth (52) sagt: „Ich liebe erdigen Fußball. Also i habs gern, wenn die Trikots und Hosen dreckig san. Und deshalb geh i gern zu Sechzig.“ Immer wieder schwärmen die Frauen vom bodenständigen Arbeiterverein, an den sie für immer ihr Herz verloren haben.

Das Verbindende der Geschichten ist natürlich die Erkenntnis, dass die Frauen ganz genauso leiden wie die Männer. Genau darum ging es Anne Wild, die bei den „Löwen-Fans gegen Rechts“ aktiv ist und mit dieser Fangruppe die Ausstellung organisiert hat. „Die Idee ist, auch weibliche Fans sichtbar zu machen“, sagt Wild. „Vielleicht kann die Ausstellung den Verantwortlichen ja ein bisschen klar machen, was bei den normalen weiblichen Fans gar nicht ankommt. Sie brauchen keine rosa Fanartikel.“

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Ein paar Tage vor der Ausstellungseröffnung sitzt Wild mit Melinda im Café Mariandl im Bahnhofsviertel. Melinda (24) arbeitet als Assistentin in der Flugzeug-Industrie. Vor allem aber ist sie Löwen-Fan. Wild hat auch sie fotografiert. Zwischen den Spät-Frühstückern dieses Vormittags würden die beiden nicht auffallen, wie sie da Müsli essen und Cappuccino trinken. Aber an diesem Tisch geht es nicht um hippe Projekte, neue Bars und Kindererziehung. Sondern einzig und allein um Münchens große Liebe, den Stolz von Giesing: die Löwen.

Melinda ist in Unterschleißheim aufgewachsen, inzwischen wohnt sie, klar: in Giesing. Der Opa war Löwe, der Papa auch, als Kind stand sie im Olympiastadion auf den Stehplätzen. Schon als Jugendliche fuhr sie zu Auswärtsspielen, im Bummelzug acht Stunden einfach nach Aue, „für eineinhalb Stunden Fußball, das versteht ja kein normaler Mensch.“ Melinda schwärmt von den Auswärtsspielen, da seien nur Fans dabei, die richtig Stimmung machen wollen. Ihre Mutter hat immer gesagt, wenn die Spieler einmal die Strapazen einer solchen Reise mitmachen würden, würden sie anders spielen.

Ihr schönstes Erlebnis mit Sechzig: das Relegationsspiel gegen Kiel, 2. Juni 2015, eine volle Arena, Sekunden vor dem Abpfiff der Kai-Bülow-Treffer, der Sechzig in der zweiten Liga hält. Als ihr Vater später gehen wollte, hat sie ihm erklärt, noch bleiben zu müssen. Ein Klassenerhalt in der zweiten Liga war das Schönste, was sie mit Sechzig erlebt hat – anders als der Papa seinen Derby-Siegen, der Opa mit der Deutschen Meisterschaft 1966.

Die Vergangenheit: Sie ist es, woraus die Löwen-Fans ihren Stolz ziehen, das ist bei den Frauen nicht anders als bei Männern. Viel ist die Rede vom bodenständigen TSV, davon, wie schön normal es zugeht.

Wie das eigentlich noch zusammenpasst mit einem Club, der einem arabischen Investor gehört, mit einem leeren Stadion im Fröttmaninger Niemandsland, für das man dem roten Rivalen Miete überweisen muss? Das ist die große Frage, natürlich auch am Café- Tisch. Ob es eigentlich noch Hoffnung gibt für Sechzig? Da überlegen beide Frauen, die sonst nie um eine Antwort verlegen sind, lange. „Eigentlich nicht“, sagt Anne Wild schließlich. „Selbst wenn Sechzig Insolvenz anmelden müsste, würden die Anteile dem Investor gehören. Und selbst wenn er sie irgendwann verkauft...

Nein, ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass Sechzig wieder selbstständig wird.“

Sechzig soll nicht werden wie Hoffenheim oder RB Leipzig

Melinda erzählt, ihr Vater habe kürzlich gesagt, vielleicht lande man ja doch in der ersten Liga. Sie fragt sich, zu welchem Preis. „Das wären wohl nicht mehr die Werte, für die ich Sechzig liebe“, sagt sie. „Dann wären wir doch nur noch wie Hoffenheim oder Leipzig.“

Beide Frauen sagen, die Stimmung in der Arena sei nach dem Rückzug der großen Fan-Gruppen katastrophal. Natürlich gehen sie trotzdem weiter hin, was soll man auch machen? Das Fansein sucht sich ja keiner aus. „Wie im echten Leben auch“, sagt eine der Frauen im Ausstellungskatalog. „Höhen und Tiefen einfach – und da muss man durch.“ Ein paar Höhen, da wird wohl keine Löwin widersprechen, dürften es trotzdem mal wieder sein.

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