"Falsche Behauptungen": Bayerns Innenminister mit überraschender Ansage im Stadion-Streit

Nächste Woche wird bei der Innenministerkonferenz in Bremen über neue Maßnahmen zur Stadionsicherheit diskutiert. Im Gespräch sind personalisierte Tickets, eine Verschärfung der Stadionverbotsrichtlinien und der Einsatz von Gesichtsscannern und KI zur Vermeidung von Straftaten. Der Protest dagegen hat München längst erreicht, Hunderte blaue und rote Fans fuhren zu einer Großdemo nach Leipzig, in den Stadien ist das Thema allgegenwärtig und auch an Giesings Straßen sind im Alltag viele Plakate zu sehen. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Max Deisenhofer, selbst Löwe, hat beim Innenministerium die bayerischen Zahlen zur Stadionsicherheit abgefragt – und erklärt, warum er die Maßnahmen ablehnt. Inzwischen hat auch Innenminister Joachim Herrmann reagiert – und weist die Kritik der Fanszenen und Grünen entschieden zurück (siehe unten).
Zunächst zu den Zahlen für alle Spiele in Bayern der ersten Liga, zweiten Liga, und des DFB-Pokals. Das Schreiben des Innenministeriums liegt der AZ vor. Die Anzahl der verletzten Polizisten ging demnach von der Saison 2022/23 über die Saison 2023/24 bis zur Saison 2024/25 von 25 über 18 auf 15 immer weiter zurück, die Gesamtzahl der Verletzten stieg von 76 über 89 auf 93 an. Die Anzahl der Strafverfahren stieg bayernweit erst von 500 auf 525 und sank dann auf 482. Die Zahl der Zuschauer hat indessen weiter zugenommen. Inzwischen kommen pro Saison fast 3,5 Millionen Menschen in die Stadien, im Durchschnitt sind es bei den Spielen 23.192, zwei Jahre zuvor war dieser Wert noch bei 21.446 gelegen.

AZ: Herr Deisenhofer, haben Sie selbst eine Dauerkarte?
MAX DEISENHOFER: Ja. Seit der Rückkehr der Münchner Löwen ins Grünwalder Stadion habe ich eine Dauerkarte in der Westkurve.
Geben Sie die manchmal weiter, wenn Sie nicht können?
Ich stelle sie dann meistens in das Zweitticket-Portal der Löwen, sodass andere Fans eine Chance haben, den Spieltag mitzuerleben und der Platz nicht frei bleibt. Aber gelegentlich gebe ich die Karte selbst auch einfach an Freunde.
"Das gehört für mich schon auch zur Fußballkultur dazu"
Die NRW-Grünen melden in diesen Tagen alarmiert, die Dauerkarte sei durch Pläne der Innenminister in Gefahr. Ist das nicht ein bisserl übertrieben?
Das sei mal dahingestellt. Die unkomplizierteste Form, jemand anderem den Stadionbesuch zu ermöglichen, ist es natürlich, auch wenn man ganz kurzfristig nicht kann, jemandem vor dem Stadion noch kurz seine Karte geben zu können. Das gehört für mich schon auch zur Fußballkultur dazu. Wenn es nur noch personalisierte Tickets gibt, geht das nicht mehr. Auch wenn es inzwischen – wenn man es rechtzeitig weiß – schon auch gute Möglichkeiten gibt, sich einen anderen QR-Code mit dem eigenen Namen rauszulassen.
Also alles gar nicht so schlimm?
Ich halte das nicht für das größte Problem in dieser ganzen Diskussion, aber ein Mosaiksteinchen unserer Fußballkultur, der verloren gehen würde, ist es schon.

Wo sehen Sie größere Schwierigkeiten?
Am Stadioneinlass würde man viel zu viel Zeit brauchen, wenn man bei jedem immer Personalausweis und Ticket abgleicht.
"Gesichtserkennung? Man probiert es bei Fußballfans, dann wird es ausgeweitet"
Was stört Sie noch an den Plänen der Innenminister für den deutschen Stadionalltag?
Alles, was mit Scannen und Gesichtserkennung zu tun hat, ist im öffentlichen Raum schon eine problematische Grauzone und politisch zu Recht sehr umstritten. Da ist meine Sorge, dass man etwas bei Fußballfans ausprobiert, was später in den weiteren öffentlichen Raum ausgeweitet werden könnte. Meine Position ist klar: Die Bürger*innenrechte gelten auch im Stadion. Alles, was Kameras und KI koppeln würde, muss man auf jeden Fall verhindern. Dazu sind weitere schon bekannte Maßnahmen plötzlich wieder auf dem Tisch: Kollektivstrafen oder eine Stadionverbotskommission, die irgendwo in Deutschland angesiedelt ist und Verbote verhängt statt der Vereine vor Ort, die ihre Leute viel besser kennen.
Ihr Fazit?
Ich hoffe, dass von dieser ganzen Vorschlagsliste so wenig wie möglich umgesetzt wird.

Hunderte Münchner Fußballfans sind kurzfristig zur Groß-Demo nach Leipzig gefahren, in der Arena und im Sechzgerstadion haben viele Tausend Menschen, die sonst singen und brüllen, sich am Stimmungsboykott beteiligt. Waren Sie überrascht?
Ich war mir sicher, dass es jetzt Aktionen aus den Fanszenen geben wird. Das Ausmaß der Geschlossenheit hat mich aber schon überrascht, etwa, dass in den oberen Ligen von allen Heim- und Auswärtsfans die Aktionen unterstützt wurden. Das war bemerkenswert. Und dass in Leipzig eine fünfstellige Anzahl von Fans – auch sehr rivalisierende Fangruppen – gemeinsam für ihre Rechte demonstriert haben, auch.
"Ich nehme meinen Vierjährigen mit ins Stadion"
Zur Sicherheitssituation in München: Erleben Sie ein Sicherheitsproblem – oder dass sich Fans unsicherer fühlen als in der Vergangenheit?
Im Gegenteil. Mein Eindruck ist, dass das Sicherheitsgefühl besser geworden ist. Deswegen habe ich auch keine Sorge, meinen vierjährigen Sohn mit zu Fußballspielen zu nehmen. Das mache ich regelmäßig.

Wie ist die Faktenlage?
Die Zahlen für Bayern zeigen, dass die Straftaten in den letzten zwei Jahren nochmal zurückgegangen sind, bei gleichzeitig steigenden Zuschauerzahlen. Erfreulich ist auch, dass die Zahl der verletzten Polizeibeamten bei Fußballspielen recht deutlich zurückgegangen ist. Da decken sich die statistischen Zahlen in Bayern wie im Bund mit meiner persönlichen Wahrnehmung.
Löwenfans sind zuletzt auch negativ aufgefallen. Die Bundespolizei beklagt Vandalismus in Zügen nach Auswärtsfahrten.
Sachbeschädigung gehört nicht zum Fußball – und Rassismus erst recht nicht, wie beim Spiel gegen Cottbus. Das war aber ein Einzeltäter, der mit der Diskussion um organisierte Fanszenen und Gewalt nichts zu tun hat und das neue Präsidium hat hier zum Glück schnell und richtig reagiert.
"Die Staatsregierung? Nicht mehr nur die repressive Keule"
Ihre These: Ziehen die Innenminister ihren Plan durch?
Fußball boomt, der Stadionbesuch boomt. Gleichzeitig wird die Sicherheit immer besser, die Entwicklung bei den Zahlen ist richtig erfreulich. Das ist für mich auch das stärkste Argument gegen Verschärfungen. Die Zahlen der Innenminister selbst geben das gar nicht her. Deshalb bin ich auch ganz guter Dinge, dass es nächste Woche doch keine maßgeblichen Verschärfungen gibt. Wir fordern die Staatsregierung im kommenden Innenausschuss auch nochmal per Antrag auf, sich gegen Verschärfungen zu positionieren.
Wie sehen Sie die Position der bayerischen Staatsregierung, von Innenminister Joachim Herrmann?
Abwartend.
Das heißt?
Er wollte sich im Vorfeld nicht öffentlich äußern. Ich habe das Gefühl, dass sich etwas ein bisschen zum Positiven verändert hat. Man hat ja auch die sogenannten Stadion-Allianzen in Bayern ausprobiert, die wir schon lange gefordert hatten. Der Bedarf an Polizei wird reduziert, indem man die Fanprojekte und Fanlager zur Einschätzung vorab mit einbezieht. Man erhofft sich, Einsatzzeiten der Polizei beim Fußball zu reduzieren und setzt auch in Bayern nicht mehr nur auf die repressive Keule. Aber wie sich Innenminister Herrmann letztlich nächste Woche positioniert? Schwer zu sagen. Ich hoffe das Beste.

Was passiert in den Stadien, wenn die Innenminister die Maßnahmen durchwinken? Eine Eskalation der Proteste?
Ganz Europa beneidet uns doch um die Fankultur in Deutschland! Das ist es, was den deutschen Fußball neben dem Stadionerlebnis für Millionen Zuschauer auch bei der internationalen Vermarktung stark macht. Alles, was dieser einzigartigen Fankultur schadet und Fans das Stadionerlebnis vermiest, schadet am Ende auch der Bundesliga und dem Standort. Deshalb sollten wir lieber die Fanprojekte stärken, anstatt über neue Repressionen nachzudenken. Dann gibt es ganz sicher keine Eskalation.
Herrmann: Steht aktuell nicht zur Debatte
UPDATE 30.11. Inzwischen hat sich Innenminister Joachim Herrmann (CSU) doch noch geäußert. Und er weist die Sorgen der Fans und der Opposition weit von sich. Gesichtserkennung? Personalisiertes Ticketing? Das stünde aktuell gar nicht zur Debatte. Deshalb würde rund um die Stadien gerade eine "Gespensterdiskussion" geführt, teilte Hermann vor der am Mittwoch beginnenden Innenministerkonferenz in Bremen auf Anfrage mit.

"Es werden angeblich geplante Maßnahmen kritisiert und Ängste geschürt, die auf der bevorstehenden Konferenz in Bremen gar nicht zur Debatte stehen", sagte Herrmann: "Insbesondere Themen wie Gesichtserkennung im Stadion und personalisiertes Ticketing stehen nicht auf der Tagesordnung - entsprechende Beschlüsse sind weder geplant noch vorgesehen."
"Stehplätze sind ein fester Bestandteil der Fankultur, und über Kollektivstrafen für Fans wird ebenfalls nicht gesprochen. Ich halte es für unverantwortlich, mit solchen falschen Behauptungen Panik unter den Fans zu verbreiten und die Sicherheitsdebatte mit unbelegten Vorwürfen zu vergiften", sagte Herrmann: "Sicherheit in Fußballstadien ist kein Selbstläufer, sondern erfordert konsequente und wirkungsvolle Maßnahmen sowie eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten."
Die Wahrung der Sicherheit sei "ein fortwährender Prozess, denn neue Herausforderungen entstehen ständig und müssen entschlossen angegangen werden. Nur so kann der hohe Sicherheitsstandard im Fußball und in den Stadien auch zukünftig gewährleistet werden", sagte Herrmann.