Ex-1860-Trainer Köllner: "Sechzig hat nicht nur Volland und Niederlechner"

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AZ: Herr Köllner, der TSV 1860 ist mit sieben Punkten in die Saison gestartet. War das schon der Löwe, den Sie erwartet haben?
MICHAEL KÖLLNER: Von der Punkteausbeute auf jeden Fall. Sieben Punkte sind ein sehr guter Start. Gerade, weil mit Essen und Aachen zwei schwere Auswärtsspiele dabei waren.
Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?
Man sieht sehr deutlich, dass die Mannschaft ein völlig neues Gesicht hat und nun eine andere Qualität mit sich bringt. Da weiß man automatisch, dass es einfach auch noch Zeit braucht, bis sich das zu einer erfolgreichen Mannschaft zusammenfügt. Das sieht man in einigen Spielphasen, vor allem im Offensivspiel. Gerade auf beiden Flügeln muss man definitiv offensiv noch zulegen. Da kommt noch zu wenig. Mit dieser offensiven Wucht, die 1860 nun hat, geht es am Ende darum, dass man sich regelmäßig Chancen erarbeitet und erspielt. Die defensive Bereitschaft wird von der ganzen Mannschaft gelebt. Das ist richtig gut. Übergeordnet gilt es nun, dass die Mannschaft eine eigene Identität entwickelt. Das wird entscheidend für den Lauf der Saison sein.
Köllner glaubt nicht, dass Volland und Niederlechner dauerhaft herausstechen
Dass die Löwen so einen Saisonstart hinlegen konnte, liegt auch an der individuellen Klasse. Ist diese in dem Jahr der Trumpf des Löwen?
Momentan schon. Aber die individuelle Klasse hält normalerweise in der Dritten Liga nicht dauerhaft an. Auch ein Florian Niederlechner und ein Kevin Volland werden sich irgendwann an die Gruppe anpassen. Das ist leider so. Darum ist es von entscheidender Bedeutung, dass das Spiel der Mannschaft funktioniert. Sechzig hat ja nicht nur Volland und Niederlechner, sondern sie haben mit Sigurd Haugen, Patrick Hobsch, Maximilian Wolfram und David Philipp viele Spieler, die alle wissen, wo das Tor steht. Letztlich muss aber im Kopf der Leitgedanke verinnerlicht sein, dass Fußball ein Mannschaftsspiel ist.

Sie meinen, dass Niederlechner und Volland im Laufe der Saison nicht mehr so aus der Mannschaft herausstechen werden?
In der Dritten Liga wird einfach ein anderer Fußball gespielt. Du nimmst irgendwann den Fußball an. Das sieht man in vielen Bereichen. Es werden ihnen die Mitspieler fehlen, die auf diese Ideen eingehen; sie werden die Bälle selber nicht so bekommen, wie sie es in ihren letzten Vereinen gewohnt waren. Da musst du dich automatisch umstellen. Deswegen werden sie sich auf das Niveau der Liga anpassen. Aber keine Sorge, man wird immer noch ihre individuelle Klasse erkennen. Und ihr größtes Faustpfand neben ihrer fußballerischen Klasse ist ihr Löwen-Herz und sie werden dementsprechend alles für den Verein und für die Mannschaft geben.
Köllner schwärmt von Dulic: "Macht weiterhin einen sehr guten Job"
Welcher Löwe hat Sie in dieser bisher am meisten überrascht?
Sean Dulic macht weiterhin einen sehr guten Job. Auch die Art und Weise, wie er Fußball spielt, ist schon besonders. Der Junge spielt unbeeindruckt in der Mannschaft mit, als wäre er schon immer ein Spieler der Profimannschaft.
Am Samstag geht es gegen Stuttgart II. Warum darf man Zweitvertretungen auf keinen Fall unterschätzen?
Diese Saison zeigt ein anderes Bild. Normalerweise war es immer so, dass die Zweiten Mannschaften erst in der Rückrunde gezündet haben und sich an das körperliche Niveau angepasst haben. Erstaunlicherweise ist das in diesem Jahr nicht der Fall. Mit Hoffenheim II und Stuttgart II sind zwei Teams oben dabei, die nicht durch Zufall punkten. Sie sind körperlich schon jetzt in der Dritten Liga angekommen. Das kann zum einen daran liegen, dass das zwei außergewöhnliche Teams sind oder, dass die Liga nicht mehr so stark wie in den letzten Jahren ist. Ich glaube, dass es von beidem ein bisschen was ist. Von der Spielqualität ist in der Liga schon noch Luft nach oben. Der Nachwuchs des VfB ist gespickt mit qualitativ sehr guten Spielern, die die 3. Liga nur als Durchgangs- und Entwicklungsstation erleben werden. In der Breite wie in der Tiefe ist der VfB sehr, sehr gut besetzt und spielen auch bereits in den ersten Spielen einen sehr guten Ball. Gespannt bin ich vor allem auch auf den erst 17-jährigen Torhüter Florian Hellstern, der bis dato eine Topsaison spielt. Die Atmosphäre im ausverkauften Grünwalder Stadion wird eine echte Nagelprobe für ihn und seine Mannschaft.
Köllner warnt vor Stuttgart: "Der erste Gradmesser im Grünwalder Stadion"
Glöckner betitelte es als nächsten Meilenstein, wenn der Löwe gegen Stuttgart gewinnt. Sehen Sie das ähnlich?
Es wird auf jeden Fall ein schweres Spiel werden. Es ist der erste Gradmesser im Grünwalder Stadion. Osnabrück hat gerade offensiv nicht so viel gezeigt, dass ein Sieg in Gefahr gewesen wäre. Aber jetzt trifft man auf eine Mannschaft, die athletisch ein Top-Niveau haben, weil es junge, austrainierte Spieler mit einer sehr guten Qualität sind. Sie werden Sechzig auch mal am eigenen Strafraum unter Druck setzen, was man bisher noch nicht gesehen hat. Dann wird sich zeigen, wie die Mannschaft damit umgeht und ob sie trotzdem ihr Kombinationsspiel aufziehen kann.
Der Löwen-Kader ist üppig aufgestellt. Kann die Breite noch aufgrund des Konkurrenzkampfes zu einem Problem werden?
Das glaube ich nicht. Das musst du als Trainer moderieren können. Der Verein hat klare Ziele. Sie haben im Laufe der Vorbereitung auf allen Ebenen formuliert, dass sie in die 2. Bundesliga wollen. Jeder muss da seine Rolle in dem Mannschaftskonstrukt einnehmen. Das liegt in der Verantwortung des Trainers und des Managers, dass sie diese Rollenzuweisung klar vornehmen. Dann ist es kein Problem. Die entscheidende Frage wird sein: Reicht der Kader, um aufzusteigen? Reicht das, was sie auf dem Flügel zu bieten haben, um direkt aufzusteigen? Reicht das Zentrum im Mittelfeld, um direkt aufzusteigen? Darauf wird es ankommen. Ich glaube, im Sturm sind sie gut aufgestellt, aber im offensiven Mittelfeld würde dem Verein ein Box-to-Box-Spieler noch guttun. Genauso auf den Flügeln, wo man durch die Verletzung von Morris Schröter ein Vakuum hat.

Köllner würde 1860 gerne wieder in der 2. Bundesliga sehen
Heißt: Sie würden auf jeden Fall nochmal nachbessern?
Wenn die Finanzen das hergeben, dann auf jeden Fall.
Wenn wir nochmal auf Patrick Glöckner schauen: Wie bewerten Sie seine Arbeit bisher?
Grundsätzlich muss man sagen, dass man bei Sechzig nicht den einfachsten Job hat. Er ist mit sieben Punkten gut in diese Saison gestartet und hat vergangene Saison das Horror-Szenario Abstieg verhindert. Er hatte die Mannschaft vergangene Saison sehr schnell stabilisiert. Aber jetzt sind andere Qualitäten gefragt. Wenn du aufsteigen willst, musst du jetzt konstant punkten. Da brauchst du fast einen Zwei-Punkte-Schnitt. Das ist eine völlig andere Qualität. Aber ich hoffe, dass er das hinbekommt. Dass man sich Sechzig in der 2. Bundesliga wünscht, sehen viele Menschen so. Und ich natürlich auch.
Also wäre alles andere als der Aufstieg in dieser Saison auch eine Enttäuschung?
Natürlich. Wenn man solche Momente nutzen kann, dass Niederlechner und Volland zum TSV 1860 zurückkehren, ist das schon außergewöhnlich. Diese Story wird man in den nächsten Jahren kaum mehr schreiben können. Da müsste man schon die Bender-Zwillinge reaktivieren und hoffen, dass die nochmal angreifen. (lacht) Dieses Momentum, das der Verein durch diese beiden Spieler hat, muss man nutzen. Wenn man das am Ende nicht nutzen kann, wird das zu einer riesengroßen Enttäuschung führen.
Und wie geht es bei Ihnen weiter? Sieht man Sie in Zukunft wieder an der Seitenlinie?
Wenn etwas Passendes kommt, schon. Mit 55 Jahren ist man auch ein bisschen wählerischer. Da muss die nächste Aufgabe gut gewählt sein. Ich bin schon heiß, wieder etwas zu machen, aber es muss auch passen. Bisher hat die Konstellation noch nicht gepasst.
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