Interview

Ex-1860-Manager Reuter: Mit mir wäre der Bundesliga-Aufstieg drin gewesen

Ab Freitag ist Stefan Reuter ein echter Sechzger: Im AZ-Interview spricht der Weltmeister über die Stationen seiner Karriere, seine Zeit als Löwen- und FCA-Boss und die Verhandlungstricks von Uli Hoeneß.
von  Patrick Strasser
Spielte für Bayern und die Löwen: Stefan Reuter
Spielte für Bayern und die Löwen: Stefan Reuter © IMAGO/Sven Simon

AZ: Servus, Herr Reuter. Am Freitag feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Zwickt es nun hier und da zwangsläufig immer mehr nach insgesamt 20 Jahren Profifußball?
STEFAN REUTER: Im Gegenteil! Dank einer neuen Hüfte und einer OP an der Innenseite des rechten Knies habe ich wieder richtig Energie, bin fit und mache fast jeden Tag Sport. Mir geht’s echt gut. Ich spiele zwar nicht mehr Fußball, aber ich gehe joggen, Skifahren, spiele Golf. Ich mache relativ viel und habe - toi toi toi - überhaupt keine Probleme mehr. Jahrelang wusste ich nach einer Golfrunde über 18 Löcher gar nicht, wie ich mich überhaupt hinsetzen sollte, weil mir alles weh getan hat. Das ist komplett weg. Morgens, wenn ich aufstehe, bin ich einfach fit und ausgeruht. Das ist top. Außerdem hält mich mein erster Enkel seit Februar auf Trab.

Mit anderen Worten: Reuter ist jetzt Opa - aber noch lange nicht in Rente. Sie haben im September 2023 nach fast elf Jahren als Geschäftsführer Sport beim FC Augsburg aufgehört und sind bis zum Ende Ihres Vertrags Mitte 2026 in eine beratende Funktion gewechselt. Sind Sie weiter tatendurstig und offen für neue Aufgaben?
Ich bin grundsätzlich offen für alles und gerade dabei, die Selbstständigkeit wieder richtig mit Leben zu erfüllen und aufzubauen. Ich bin auf unterschiedlichen Ebenen im Fußball, sowohl was Spieler, Vereine und auch Investoren betrifft, beratend tätig. Ich habe in meiner Karriere als Spieler und Manager so viel erlebt und lernen dürfen. Von daher ist es ganz spannend, diese Erfahrungen weiterzugeben und im Thema zu bleiben. Und das werde ich sicher noch viele Jahre machen und mit Leben zu füllen.

Ex-Löwe Reuter im AZ-Interview: Er hatte zuletzt Kontakt zu zwei Klubs

Dabei hätten Sie in jüngster Vergangenheit beinahe eine leitende Funktion in einem Verein übernommen.
Richtig, ich hatte mit zwei Klubs über Monate einen richtig guten Austausch. Aber das hat sich dann zerschlagen und wer weiß, für was es gut ist. Die Tendenz geht jetzt dahin, das auf selbstständiger Basis zu machen - was auch Vorteile hat. Du kannst leben, wo du möchtest, dir deinen Kalender auch ein bisschen freier einteilen. Ich bin beim FCA auch aufgrund der gesundheitlichen Thematik mit meinen Gelenken aus der Geschäftsführung ausgeschieden, dazu mussten meine Eltern über Jahre gepflegt werden. Meine Geschwister und ich, wir haben uns in den letzten Jahren intensiv gekümmert, das war mir sehr wichtig. Mittlerweile sind meine Eltern gegangen - beide. Von daher war es super, dass wir in Augsburg die Lösung gefunden hatten, dass ich beratend dabeigeblieben bin. Das ist zum 30. Juni ausgelaufen.

Geboren in Dinkelsbühl im Landkreis Ansbach in Mittelfranken, sind Sie mittlerweile in Augsburg sesshaft geworden.
Meine zweite Frau Annette hat ihr Architektur-Büro in Leipheim, ihre Eltern leben in Günzburg. Meine Kinder leben in München, da ist Augsburg mittendrin. Die Stadt gefällt mir richtig gut, hat eine gute Größe, eine schöne Altstadt. Man hat trotzdem die Nähe nach München, auch in die Berge. Eine Entfernung, die gut zu machen ist. Das nenne ich Lebensqualität. Wir haben hier ein schönes Haus gebaut, fühlen uns wahnsinnig wohl. 200 Meter entfernt beginnt der Wald. Da gehe ich nahezu täglich laufen - und das tut mir richtig gut. Die Kinder sind aus dem Haus, meine Gelenke gemacht. Von daher steht dem nichts im Wege, dass ich mich wieder jeden Tag mit Fußball beschäftige.

Mit Blick auf Ihre Spielerkarriere: Welcher Schritt war der wichtigste, der alles andere bedingt hat? Welche Entscheidung war wegweisend?
Dass ich die Chance bekommen habe, in Nürnberg Profifußball zu spielen. Ich hätte eigentlich noch ein Jahr Jugend spielen dürfen. Aber Trainer Heinz Höher hat mich zu den Profis hochgezogen, weil es dort einige Verletzte gab. Viele hatten die Sorge, dass es runtergeht in die Dritte Liga. Wir sind in der Saison mit einer sehr jungen Mannschaft am letzten Spieltag sensationell aufgestiegen, im Heimspiel gegen Hessen Kassel. Am Ende der ersten Saison nach dem Aufstieg in die Bundesliga standen wir auf Platz 12, sind im Jahr darauf Neunter geworden, haben uns dann als Fünfter für den Europapokal qualifiziert.

Der damalige Nürnberg-Trainer Heinz Höher und Stefan Reuter.
Der damalige Nürnberg-Trainer Heinz Höher und Stefan Reuter. © imago images/Rust

1988 dann der Wechsel zum FC Bayern.
Ein großer Schritt, ein Meilenstein. Ich habe vom ersten Tag an gespürt, dass dort eine ganz andere Erwartungshaltung, ein höherer Druck herrscht. Ich war erst 21. Viele in Nürnberg hatten mir gesagt: Bleib’ hier, du bist das Gesicht vom Club und kannst dort noch viele Jahre spielen. Ich wurde schon zu Nürnberger Zeiten Nationalspieler, habe mir daher Bayern zugetraut.

Reuter: Heynckes "hat mir und meinen großen Stärken vertraut"

Trainer Jupp Heynckes hat auf Ihre Schnelligkeit, auf den "Turbo" auf der rechten Seite gesetzt.
Er hat mir und meinen großen Stärken, ich war schnell und ausdauernd, vertraut. Das hat mir immer Selbstvertrauen gegeben, mich durchzusetzen. Ich war vom ersten Tag an Stammspieler und habe nahezu alle Spiele gemacht. Die drei Jahre waren eine richtig gute Zeit, wir sind mit einer relativ jungen Mannschaft 1989 und 1990 Meister geworden, kamen zweimal ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister. Das Gerüst der Weltmeister von 1990 bestand aus sechs Bayern-Profis.

1990 gewann Stefan Reuter mit Deutschland die WM in Italien.
1990 gewann Stefan Reuter mit Deutschland die WM in Italien. © imago/Pressefoto Baumann

Und doch lockte die italienische Serie A, Juventus Turin.
Damals war die italienische Liga etwas ganz Besonderes, das große Ziel. Außerdem konnte man dort mehr Geld verdienen als in Deutschland. Ich habe mit Uli Hoeneß verhandelt, einen langfristigen Vertrag bei Bayern zu unterschreiben, mich dann aber für Juve entschieden. Ein paar Monate später rief er an, sagte mir, ich solle zurückkommen. Sie hätten jetzt entschieden, mir das gleiche Gehalt zu bezahlen. Doch ich habe mich wahnsinnig wohl gefühlt in Italien.

So kam Reuters Wechsel von Juventus zu Dortmund zustande

Wenn da nicht die damalige Ausländer-Regelung der Serie A gewesen wäre.
Richtig. Die Vereine durften beliebig viele Ausländer verpflichten, aber nur drei im Spieltagskader stehen. Ein Schwachsinn. Ich habe bei Juve zwar alle Spiele gemacht, erlitt dann meine erste Knieverletzung. 1992 bekam ich ein Angebot von Borussia Dortmund, einen Vierjahresvertrag. Das war für mich eine gute Absicherung. Präsident Gerd Niebaum und Manager Michael Meier haben mir mit Trainer Ottmar Hitzfeld aufgezeigt, dass sie eine Mannschaft aufbauen wollen, die um die Meisterschaft spielen kann. So kam es auch. Bis Mitte der 90er hatten wir wirklich eine außergewöhnliche Mannschaft, sind zweimal Meister (1995 und ‘96, d.Red.) geworden, haben 1997 die Champions League und den Weltpokal gewonnen. Ich glaube nicht, dass ich woanders so lange gespielt hätte. Ich war ja dann fast 38, als ich aufgehört habe.

1997 gewann Reuter mit dem BVB im Münchner Olympiastadion die Champions League.
1997 gewann Reuter mit dem BVB im Münchner Olympiastadion die Champions League.

Zurück zu Ihren Anfängen bei Bayern 1988. Wer hat damals den ersten Kontakt zu Ihnen hergestellt?
Uli Hoeneß. Er hat mich zu sich nach Hause, damals in Ottobrunn, eingeladen. Zum ersten Gespräch fuhr ich mit meinem Vater hin.

Ohne Berater?
Ja, ich hatte nie einen Berater. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich ganz gut für mich sprechen kann. Nach meiner aktiven Zeit habe ich Uli Hoeneß gefragt: Was fehlt mir, um im Management eines Fußballvereins zu arbeiten. Er sagte: Stefan, setz’ dich einfach auf die andere Seite vom Schreibtisch. Du hast deine Gespräche immer selbst geführt, hast dich vernünftig artikulieren können, hast immer klare Vorstellungen gehabt. Dass ich nach meiner aktiven Zeit ins Management gehe, ist bei Bayern entstanden. Weil mich beeindruckt hat, wie Hoeneß Verein und Mannschaft führte. Das Zusammenspiel zwischen Hoeneß und Trainer Jupp Heynckes fand ich super.

"Du weißt, was er mir gerade geboten hat?"

Steckte der Manager Reuter schon im Fußballer Reuter?
Ich glaube schon. Das hat mir zum Teil auch mein Vater mit auf den Weg gegeben. Er war Betriebsleiter in der BayWa und besaß eine gewisse Bauernschläue. Nach dem ersten Treffen mit Hoeneß war ich Feuer und Flamme, hätte sofort zugesagt. Mein Vater riet mir, über solche Entscheidungen schläft man eine Nacht. Ich antwortete ihm: "Du weißt, was er mir gerade geboten hat"? Darauf meinte mein Vater:" Meinst du im nächsten Gespräch ist es weniger?"

Nach Ihrem Karriereende beim BVB haben Sie ab Sommer 2004 ein paar Monate als Assistent der Unternehmensführung mit dem Aufgabengebiet Sponsoring gearbeitet. Warum hat der nahtlose Übergang nicht geklappt?
Nach der Ära von Niebaum und Meier sollte es einen Umbruch geben hin zum Duo Michael Zorc und mir. Aber das hat sich anders entwickelt. Ich bin damals aus Dortmund weggegangen, ohne zu wissen, was meine nächste Aufgabe sein wird. Dann kam die Anfrage vom TSV 1860 im Winter 2005/06. Uli Hoeneß und Karl Hopfner (langjähriger Geschäftsführer des FC Bayern, d.Red.) konnte ich jederzeit anrufen und nach ihrer Meinung fragen. Das hat mir geholfen und Sicherheit gegeben, ins kalte Wasser zu springen und den Job bei 1860 zu machen.

Der damalige 1860-Manager Stefan Reuter mit Karl Hopfner und Uli Hoeneß.
Der damalige 1860-Manager Stefan Reuter mit Karl Hopfner und Uli Hoeneß. © Imago

Bei 1860 kann das Wasser eiskalt sein.
Für mich war es Learning by doing. Die Erfahrungen, die ich als Geschäftsführer Sport dort sammeln durfte, waren für meinen weiteren Weg mega. Ich hatte mit Dr. Stefan Ziffzer einen sehr erfahrenen Geschäftsführerkollegen. Es hilft enorm, wenn du von dem Erfahrungsschatz eines langjährigen Managers profitieren kannst und jeden Tag im Austausch bist. Wir haben um die Lizenz gekämpft und überlegt, wie wir den Verein auf stabile Beine stellen können.

Reuter trauert dem verpassten Bundesliga-Aufstieg hinterher

Es waren intensive, wilde Zeiten. Für Sie als ehemaligen Bayern-Spieler war es stets schwierig, das gesamte Löwen-Umfeld zufriedenzustellen. Im Februar 2009 trennen sich die Wege.
Wenn man sich den Zweitliga-Kader von damals anschaut und diesen noch zwei, drei Jahre hätte zusammenhalten können, hätten wir in die Bundesliga aufsteigen müssen. Da waren die Bender-Zwillinge, Timo Gebhart, Manuel Schäffler und andere - ein Ausnahmejahrgang. Die Jungs hätten wir einfach zusammenhalten müssen. Ich bin fest davon überzeugt, wenn ich länger geblieben wäre, wäre das auch gelungen. Aber man wollte damals bei 1860 einen anderen Weg einschlagen. Schade, es wären ganz andere Möglichkeiten da gewesen.

Sie mussten fast vier Jahre auf Ihre nächste Chance warten, dann meldete sich kurz vor Weihnachten 2012 der FC Augsburg.
Die Aufgabe war für mich wahnsinnig interessant und reizvoll. Aus heutiger Sicht war der FCA ein absoluter Glücksfall für mich - und ich wahrscheinlich für Augsburg umgekehrt genauso. Der Verein ist heute stabil und gesund, man hat sich gut aufgestellt. Mit großer Freude gehe ich zu den Spielen ins Stadion.

Zum Abschluss eine Schnellfragerunde mit Bezug zu Ihren Ex-Vereinen in Deutschland. Steigt der 1. FC Nürnberg auf?
Ja!

Gewinnt der FC Bayern die Champions League?
Ja!

Wird Borussia Dortmund Deutscher Meister?
Nein, das glaube ich nicht. Die Bayern packen’s.

Steigt der TSV 1860 aus der Regionalliga Bayern in die Dritte Liga auf?
Das glaube ich nicht. Da sehe ich zu viele Fragezeichen und zu viele Dinge, die geklärt werden müssen, um für finale Stabilität zu sorgen.

Erreicht der FC Augsburg einen europäischen Wettbewerb?
Davon träumt man in Augsburg. Ein einstelliger Tabellenplatz ist auf alle Fälle drin. Wenn es am Ende ein Platz im internationalen Wettbewerb wird, wäre es ein außergewöhnliches Jahr für den FCA. Darüber würde ich mich freuen.

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