Der zerplatzte Thoma-Traum: Der Anfang vom Ende beim TSV 1860

Vor genau einem Jahr verkündete der TSV 1860 ein vermeintliches Giesinger Märchen. Die AZ zeigt die Irrungen um Phantom-Geldgeber Thoma, Investor Ismaiks Abschied und eine denkwürdige Warnung.
Matthias Eicher
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Am 5.Juli 2025 verkündete der TSV 1860 den Ausstieg von Hasan Ismaik.
IMAGO/Ulrich Wagner 2 Am 5.Juli 2025 verkündete der TSV 1860 den Ausstieg von Hasan Ismaik.
Noch-Investor Hasan Ismaik.
IMAGO 2 Noch-Investor Hasan Ismaik.

Rückblende: Am 5. Juli 2025 sendet der TSV 1860 eine Pressemitteilung, deren Titel schon wie ein Giesinger Märchen klingt. "NEUER GESELLSCHAFTER LÖST HASAN ISMAIK AB. HASAN ISMAIK ÜBERGIBT DEN CLUB SCHULDENFREI. ZÜGIGE STADIONSANIERUNG UND NEUE SPORTHALLE GEPLANT. LÖWEN UND PARTNER GEHEN MIT GROSSEM ZIEL IN DIE SAISON 25/26", schrieben die Sechzger damals in Großbuchstaben, was sie wohl selbst kaum glauben konnten. Genau vor einem Jahr schienen die kühnsten Träume wahr zu werden – heute versucht der Verein mit Hängen, Würgen und unvorhersehbaren Risiken, Ismaik loszuwerden.

Am 14. Juli berichtete die AZ exklusiv den Namen der in der Pressemitteilung des TSV 1860 genannten "Schweizer Familienholding", den das damalige Präsidium um Oberlöwe Robert Reisinger, Norbert Steppe und Karl-Christian Bay am Vorabend der Mitgliederversammlung als "hochangesehenen und erfolgreichen Partner für 1860 München" angepriesen hatte und sich wenig Stunden später dafür feiern lassen durfte. Endlich "Freiheit für Sechzig", was den umstrittenen Investor Ismaik angeht und einen neuen Traum-Geldgeber, der sogar Sechzigs Schulden tilgt und den Ausbau des Grünwalder Stadions mitträgt?

Phantom-Investor Thoma möchte sich nicht äußern

Zu schön, um wahr zu sein, denn es sollte ein jäher Alptraum folgen: Nach ausgiebigen AZ-Recherchen wurden schnell Zweifel an der Seriosität des Geschäftsmannes Matthias Thoma laut, der den fabelhaften Kaufpreis von knapp 60 Millionen für Sechzig schließlich doch nicht überweisen sollte. Zum "Jahrestag" hat die AZ versucht, Phantom-Investor Thoma unter einer uns bekannten Handynummer zu erreichen, allerdings erfolglos.

Am 18. Juli vorigen Jahres war der Spuk jedenfalls wieder vorbei – und wich dem Spuk, der bereits seit 2011 anhält: "Ich werde mit dem Verein weitermachen und mich bald mit dem Präsidenten und seinen Stellvertretern treffen, um den Plan für die nächste Saison, das Stadion und die Turnhalle zu besprechen", teilte Ismaik der AZ und anderen Medien damals mit und ging ähnlich frustriert ins 15. Jahr dieses Investments voller Auseinandersetzungen und Missverständnisse wie die Vereinsseite. Zudem machte Ismaik Reisinger und Bay, die beim Anteilsverkauf mitgewirkt hatten, schwere Vorwürfe: "Alles, was ich den Fans von 1860 sagen möchte, ist, dass Reisinger und Bay alle belogen haben."

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Investorengruppe um Ex-Geschäftsführer Rejek und Ex-Nationalspieler Hitzlsperger bestätigt Interesse

Eine Darstellung, die Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer Bay nicht auf sich sitzen lassen wollte – und eine aus heutiger Sicht umso denkwürdigere Aussage tätigte: "Ich kann den Beteiligten nur raten, die Realitäten anzuerkennen: Hinsichtlich des Gesamtpakets in einer Transaktion müsste man deutliche Abstriche machen. Dieser eine märchenhafte Investor ist offenbar nicht real", erklärte Bay in einem AZ-Interview am 24. Juli in Richtung Ismaik, der eigenen Aussagen zufolge zwischen 80 und 100 Millionen in 1860 investiert hat, wenngleich er immer wieder Löcher stopfen musste und der Wert seiner Anteile inzwischen nur noch einen Bruchteil dessen beträgt.

Noch-Investor Hasan Ismaik.
Noch-Investor Hasan Ismaik. © IMAGO

Man ist geneigt, zu fragen, weshalb der abwanderungswillige Ismaik ein von mehreren Seiten kolportiertes, aber nicht verifiziertes Angebot über 20 Millionen Euro abgelehnt haben soll. Eine interessierte Investorengruppe um Ex-Geschäftsführer Markus Rejek und Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hatte das von der AZ enthüllte Interesse sogar öffentlich bestätigt. Ob Ismaik zuletzt nach dem Zwangsabstieg nur zu stolz für das e. V.-Angebot einer gütlichen Einigung über fünf Millionen Euro war, bevor ihm die Felle gänzlich davonschwimmen und aufgrund der juristischen Auseinandersetzungen horrende Anwaltskosten drohen?

Zwangsabstieg des TSV 1860: Das von Bay geschilderte Horror-Szenario ist bereits Realität

Bay hatte allerdings auch eine Botschaft an die e. V.-Seite parat, die sich diese Warnung angesichts der Kündigung des Kooperationsvertrags mit Ismaik durch das Präsidium um Gernot Mang und der Insolvenzanmeldung der KGaA durch Geschäftsführer Manfred Paula offensichtlich auch nicht hinter ihre Löffel geschrieben haben: "Auch in der Konfrontation gibt es keine Lösung: Teile des e. V. sehen die Insolvenz als Ausstiegsoption Nummer eins, dabei hätte dies massive negative Auswirkungen auf den gesamten Verein. Ich kann nur hoffen, dass alle Beteiligten sehen, wie wunderbar der TSV 1860 ist und dass sich hier etwas entwickeln lässt – auch mit neuen Investoren."

Ein enormer sportlicher wie wirtschaftlicher Schaden, der Abgang von Aushängeschild Kevin Volland und nahezu einer gesamten Mannschaft, ein nach wie vor nicht gesicherter Neustart in der Regionalliga Bayern und weitreichende Konsequenzen, die sich erst nach und nach zeigen werden: Das von Bay geschilderte Horror-Szenario ist bereits Realität.

Martin Gräfer irritiert mit einer vielsagenden Einschätzung

Und dennoch scheinen Teile des Muttervereins den Abschied von Ismaik zu zelebrieren, wenngleich auch zahlreiche andere Stimmen zu vernehmen sind und nicht nur die Meisterlöwen den neuen Weg äußerst kritisch betrachten.

Martin Gräfer, Vorstand von Ex-Hauptsponsor "die Bayerische", irritierte in der AZ kürzlich mit der vielsagenden Einschätzung, man nehme "aus Vereinsgremien durchaus Signale wahr, dass die Rolle von Unternehmern und Sponsoren in Teilen kritisch gesehen" werde: Unterstützung ja, Wertschätzung oder gar Mitbestimmung nein?

Der zerplatzte Thoma-Traum scheint aus heutiger Sicht ein Auftakt der schmerzhaften Irrungen und Wirrungen um Ismaiks Abschied zu sein, die Insolvenz der KGaA und der Neustart einer neuen e. V.-Spielbetriebsgesellschaft sollen folgen. Doch wer weiß schon, wohin die Zukunft führt – vielleicht schaut die Welt der Löwen im Juli 2027 schon wieder viel besser aus?

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