Interview

"Das haben wir uns versprochen": Wie Stadt-Spitze und Löwen nun den Grünwalder-Ausbau forcieren

Im Grünwalder sprechen Löwen-Präsident Gernot Mang und Sport-Bürgermeisterin Verena Dietl über den Traum vom ausgebauten Sechzger, den Charme von Giesing und die Frage, wie man 100 Millionen Euro auftreiben kann. Und den Vorwurf, die Politik interessiere sich doch immer nur in Wahlkampf-Zeiten für die Löwen.
von  Felix Müller
Schwärmen beide von der Westkurve: Gernot Mang und Verena Dietl.
Schwärmen beide von der Westkurve: Gernot Mang und Verena Dietl. © Sigi Müller

Nach Jahren des Stillstands soll heuer der Durchbruch erfolgen für einen Ausbau des Grünwalder Stadions. Inzwischen sind sich Stadtspitze und Löwen einig, dass der TSV 1860 in Erbpacht übernehmen soll – um dann mit Komplettüberdachung, Vip-Bereich und einer erweiterten Kapazität zu Hause in Giesing in die Zukunft zu steuern.

An einem grauen Februarmorgen trifft die AZ Gernot Mang und Verena Dietl im Stadion. Beide haben sich den Erfolg des Projekts in ihren Ämtern zum Ziel gesetzt. Und beiden ist gleich anzumerken, wie sehr sie diesen Ort lieben. "Schau, wie herrlich der Himmel über der Kurve ausschaut", sagt Dietl ganz ernsthaft zu Mang.

AZ: Herr Mang, können Sie im Fernsehen auf den ersten Blick unterscheiden, ob Sie ein Fußballspiel aus Hoffenheim, Mainz oder Augsburg sehen?
GERNOT MANG: Ja, kann ich.

Ernsthaft? Bei all den seelenlosen mittelgroßen Arenen, die von außen wie Bauhaus an der Landsberger Straße aussehen, sehen Sie innen gleich Unterschiede?
Ja.

Zwei, die ein gemeinsames Ziel haben: Gernot Mang und Verena Dietl unter der historischen Anzeigentafel in der Westkurve.
Zwei, die ein gemeinsames Ziel haben: Gernot Mang und Verena Dietl unter der historischen Anzeigentafel in der Westkurve. © Sigi Müüller

Sie haben kürzlich gesagt, Sie wollen hier ein Stadion, keine Arena. Was ist der Unterschied?
Ein Stadion hat einen Charakter. Und dieses Stadion hier darf seinen Charakter niemals verlieren.

"Ein tolles Stadion, gut integriert in Giesing"

Was würde das in Ihrer Idealvorstellung zum Beispiel konkret bedeuten, hier auf dem Giesinger Berg den Charakter zu erhalten?
Wir sollten, so gut es geht, die Architektur erhalten. Letztendlich wird die Machbarkeitsstudie zeigen, was man erhalten kann oder was wo modifiziert werden muss.

AZ-Stadiongipfel: Verena Dietl und Gernot Mang beim Interview mit AZ-Lokalchef Felix Müller auf der kleinen Haupttribüne des heutigen Sechzgerstadions.
AZ-Stadiongipfel: Verena Dietl und Gernot Mang beim Interview mit AZ-Lokalchef Felix Müller auf der kleinen Haupttribüne des heutigen Sechzgerstadions. © Sigi Müller

Frau Dietl, 2020 vor der Kommunalwahl haben hier drüben hinter dieser Westkurve SPDler Flugblätter am Spieltag verteilt und den Ausbau versprochen. Verstehen Sie, dass viele Zweifel haben, wenn die Fans jetzt vor der Wahl wieder lauter Bekenntnisse zu Sechzig in Giesing hören?
VERENA DIETL: Die SPD stand ja immer hinter dem Projekt. Wir waren immer im Gespräch mit Sechzig, wollten das Bekenntnis immer füllen. Es ist ein tolles Stadion, gut integriert in Giesing. Wir müssen eine gute Lösung finden. Manchmal dauert so etwas. Wir haben aber ja auch noch etwas Zeit.

Aber?
Jetzt ist da unser gegenseitiges Versprechen, dass wir das gemeinsam als Stadt und Verein gut hinbekommen. Jetzt muss man uns ein bisschen Zeit geben. Und ich glaube, so lange man hier noch spielen kann, können alle froh sein. Von unseren alten Zeitplänen sind wir gar noch nicht so weit entfernt. Wir hätten letztes Jahr eine Sanierung auf den Weg bringen können und auch so beschlossen. Dann kam Sechzig selbst und hat Interesse bekundet, noch mal selbst zu recherchieren, was hier möglich ist. Darauf haben wir uns eingelassen und auch die Kontakte in die Verwaltung hergestellt. Und jetzt habe ich den Stadtrat überzeugt, dass wir noch mal ein bisschen schieben und dementsprechend die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie aufnehmen.

Die Westkurve ist nach wie vor unüberdacht, einer der Punkte, die sich mit einem Umbau sicher ändern würden.
Die Westkurve ist nach wie vor unüberdacht, einer der Punkte, die sich mit einem Umbau sicher ändern würden. © IMAGO/Ulrich Wagner

"Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen"

Herr Mang, viele im Löwen-Umfeld und bei den Fans begleiten mit Sympathie, was gerade geschieht. Und haben trotzdem die Sorge, dass Sie der Politik im Wahlkampf-Getöse aufsitzen. Können Sie das verstehen?
Nein, das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist gar nicht mein Gefühl. Wir führen die Gespräche ja auch mit allen Fraktionen, alle im Rathaus unterstützen uns, auch die Giesinger Bezirksausschüsse. Wir haben politisch volle Unterstützung und das wird auch nach dem Wahltag so sein. Wir wollen eine gute Lösung, für die Stadt und für uns.

Wie hart würden Sie diese Untergrenze ziehen, dass es sich ab 25.000 lohnen kann? Wenn die Machbarkeitsstudie ergibt, dass ein oder zwei Tausend weniger auch wirtschaftlich sind, ist dann ein Kompromiss vorstellbar?
Aktuell gehen wir von mindestens 25.000 aus.

Frau Dietl, Sie haben 2021 in einem AZ-Interview das erste Mal öffentlich die Idee einer Erbpacht ins Spiel gebracht. Was ist seitdem passiert, dass das jetzt plötzlich auf Interesse stößt?
Daran sehen Sie doch, dass es uns nicht nur im Wahlkampf interessiert hat! Ich auf jeden Fall hatte über Jahre ständig Gespräche mit und über Sechzig. Natürlich war mein Anspruch als Sport-Bürgermeisterin, auch Vorschläge zu machen. Damals hat der Verein bei der Erbpacht gleich abgewunken. Vielleicht war noch nicht der richtige Zeitpunkt.

Und jetzt?
Es ist ein Modell, das für Sechzig neue Möglichkeiten bieten würde, selbst Dinge zu entscheiden. Es ist ein städtisches Stadion, aber es wird hauptsächlich von Sechzig genutzt, die Münchner nennen es Sechzgerstadion. Wir können all das mehr in Einklang bringen. Ich bin froh, dass wir gewartet haben. Wir hätten ja schon einen Beschluss fällen können über 18.105 Zuschauer. Wir wollen hier ja auch ein Stadion haben, das getragen wird, das sich rechnet und das für München da ist.

So will Gernot Mang 100 Millionen Euro auftreiben

Herr Mang, der größte Punkt scheint die Finanzierung zu sein. In Prozent: Wie hoch sehen Sie aktuell die Wahrscheinlichkeit, dass Sie das gestemmt kriegen würden?
Davon bin ich absolut überzeugt.

100 Prozent? Das klingt arg ambitioniert.

Klar ist das ambitioniert. Aber es gibt verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten, wir haben Varianten. Jetzt schauen wir mal, was es wirklich kostet, und dann sprechen wir konkret über die Finanzierung.

Dann wird der Zeitdruck aber groß sein.
Der ist immer groß.

OB  Dieter Reiter hat öffentlich erklärt, wenn Sechzig übernimmt, spare man 40 Millionen für eine städtische Sanierung, um den Status quo zu erhalten und signalisiert, dafür finanziell entgegenkommen zu können. Wie könnte die Stadt unterstützen bei der Finanzierung, helfen bei Krediten?
DIETL: Wir müssen offen reden. Vielleicht gibt es auch Optionen, wie man in einem möglichen Erbpachtvertrag Erleichterungen ermöglicht. Für mich ist entscheidend, welche Variante wählen wir, damit sie tragbar und genehmigungsfähig ist und dann schauen wir sofort mit der Verwaltung, wie wir Sechzig unterstützen können.

Was für ein Acker: Zeljko Perusic bei einem Spiel in den 60ern, im Hintergrund die Wohnhäuser an der Grünwalder Straße.
Was für ein Acker: Zeljko Perusic bei einem Spiel in den 60ern, im Hintergrund die Wohnhäuser an der Grünwalder Straße. © imago images/WEREK

Herr Mang, von Kosten in welcher Größenordnung gehen Sie aktuell aus?
Etwa 100 Millionen.

Die Sechzig selbst auftreiben müsste?
Nein, die Gesamtkosten.

Kürzlich gab es etwas Verwirrung, ob Sie nur einen Witz gemacht haben oder ernsthaft auf Landesmittel hoffen.
Das kann ich nicht sagen.

Also Sie haben noch keine Gespräche mit der Staatsregierung geführt?
Nein. Aber ganz klar, wir versuchen alles, wir werden auch da Gespräche führen.

Schauplatz legendärer Duelle: Hier laufen Petar Radi Radenkovic und Sepp Maier zu einem Bundesliga-Derby ins Grünwalder Stadion ein.
Schauplatz legendärer Duelle: Hier laufen Petar Radi Radenkovic und Sepp Maier zu einem Bundesliga-Derby ins Grünwalder Stadion ein. © imago/Horstmüller

Verschiedene Finanzierungsmodelle denkbar heißt: Es könnte sein, dass man Fans einbindet?
Es kann Unterstützung von Stadt und Land sein, es kann die Vermarktung der Namensrechte sein. Es kann auch ein Genossenschaftsmodell sein, wie es der FC St. Pauli gemacht hat. Eine weitere Möglichkeit ist eine Bankenfinanzierung.

Kürzlich war in einer Pressemitteilung von Stadt und Löwen plötzlich nicht mehr von 25.000 die Rede, sondern von „mindestens 25.000“. Was heißt das?
MANG: Wir sagen, wir wollen mindestens 25.000.

Löwenfans in der Westkurve.
Löwenfans in der Westkurve. © IMAGO/Eibner

Sprechen wir über den Charme dieses Ortes. Frau Dietl, Sie haben mal gesagt, die Westkurve sei Ihr liebster Platz in ganz München. Wie war das gemeint?
Viele Fans verbinden großartige Zeiten hiermit, mit dem Gefühl, in dieser Kurve zu stehen. Dieses Gemeinschaftsgefühl, diese Verbundenheit mit Giesing, das ist schon einzigartig. Wenn man sieht, wie die Stadien immer weiter nach draußen gedrängt werden und zu einem Stadionbesuch doch eigentlich eine Fankultur gehört und das Umfeld und man sich selbstverständlich davor und danach in einer Kneipe trifft. Davon profitiert übrigens auch die Wirtschaft, die Anwohner tragen das hier insgesamt gut mit, das ist schon etwas Besonderes. Ich habe mich hier als Münchner Kindl schon wohlgefühlt. Vor 18 Jahren als ich das erste Mal für den Stadtrat kandidiert habe ...

...da stand noch der Abrissbeschluss – unter Christian Ude, einem SPD-OB übrigens ...
Damals bin ich angetreten im Wahlkampf, das Stadion zu retten. Ich war sehr stolz, als es dann gelungen ist, den Abriss zu verhindern.

Friedhelm Konietzka (bejubelt seinen Treffer zum 1:0im Derby in der Saison 1965/66.
Friedhelm Konietzka (bejubelt seinen Treffer zum 1:0im Derby in der Saison 1965/66. © imago sportfotodienst

Herr Mang, wenn Sie Besucher hierher führen: Was zeigen Sie denen in Giesing vor dem Spiel?
Wenn man von unserem Vereinsheim, dem Bamboleo, hierher läuft und die ganze Atmosphäre mitnimmt am Grünspitz, wie Giesing lebt, 20 Minuten vor Anpfiff geht man gemütlich ins Stadion rein, man kann das aufsaugen. Es hat einen ganz besonderen Charme, danach geht man gemütlich raus Richtung Grünspitz. Es ist ein Familienfest und wir leben hier richtig Fußball.

Das Luftbild zeigt anschaulich, wie eingebettet das Stadion in Giesing liegt.
Das Luftbild zeigt anschaulich, wie eingebettet das Stadion in Giesing liegt. © IMAGO/Ulrich Wagner

Herr Mang, der OB hat erklärt, dass Riem  die letzte Chance war, es sonst  im Stadtgebiet kein anderes Areal mehr geben wird. Sie haben abgewunken. Wie überzeugen Sie die Fans, die von einem Großstadion geträumt haben?
Die DNA von Sechzig ist Giesing, wir wollen in Giesing bleiben und müssen jetzt alles dafür tun, dass das klappt. Es stellt sich nicht die Frage nach einer Alternative. Wenn wir das hier hinkriegen, gewinnt der ganze Stadtteil, ein großer Impuls.
DIETL: Für uns als Stadt war dieses Bekenntnis wichtig. Dass nicht immer über einen anderen Standort gesprochen wird. Jetzt wissen wir, wo die Reise hingeht. Das finde ich gut, dass wir die Idee eines etwas größeren Stadions hier in Giesing voranbringen.

Heimkehrer und Herzenslöwe: Kevin Volland im Einsatz im Grünwalder Stadion.
Heimkehrer und Herzenslöwe: Kevin Volland im Einsatz im Grünwalder Stadion. © IMAGO/Ulrich Wagner

Manche sagen, so ein Stadion mitten in der Stadt ist doch nicht mehr zeitgemäß. Sie sagen im Gegenteil: Genau das ist zeitgemäß?
MANG: Ja. Genau das ist zeitgemäß. Es geht nicht nur um Fußball, sondern auch um andere Veranstaltungen und soziale Verantwortung. Wir hatten im Dezember unser Giesinger Adventssingen hier mit mehr als 2000 Leuten. Mache ich das in Riem? Kommen da Familien hin, die sonst nie ins Stadion gehen?

Wir hören aus der Stadionkommission, dass das umgebaute Stadion besonders ökologisch werden soll. Herr Mang, können Sie dazu etwas sagen?
Das ist unser Ziel. Wir möchten ein CO2-neutrales Stadion, überdacht, mit Solaranlage. Straßenbahn und U-Bahn fahren, der öffentliche Nahverkehr ist perfekt, viele können mit dem Radl oder zu Fuß kommen.

Ein Stadion mitten in der Stadt, so ist es Münchner Tradition: Hier sind Fans MItte der 60er-Jahre auf dem Weg zu einem Spiel.
Ein Stadion mitten in der Stadt, so ist es Münchner Tradition: Hier sind Fans MItte der 60er-Jahre auf dem Weg zu einem Spiel. © imago/Horstmüller

Was ist mit den Auswärtigen? Platz für neue Parkplätze ist im direkten Umfeld nicht.
Für die müssen wir kreative Lösungen finden, vielleicht auch noch mit Shuttlebussen von Park&Ride-Plätzen. Das wird alles machbar sein.

Wenn man gerade so einen guten Draht hat wie Sie, warum tut man sich so schwer mit Verbesserungen im Bestand? Ein oder zwei Tausend mehr in die Westkurve zu lassen oder den Zaun vor Sitzplätzen abzubauen, den es in dieser Form in Deutschland quasi nirgends mehr gibt?
DIETL: Auch da sind wir im Gespräch, leider gibt es immer wieder neue Anforderungen. Manchmal geht es leider nicht so schnell, wie wir es uns vorstellen. Alles muss abgesichert sein.

Was antworten Sie beide den Kritikern, die vor allem im Internet sehr laut sind und sagen, 25.000 sei doch für einen Verein wie die Löwen viel zu klein?
MANG: Ich sehe das überhaupt nicht so.

Kürzlich demonstrieretn die Löwen-Fans mit etlichen Spruchbändern für einen Ausbau des Stadions in Erbpacht.
Kürzlich demonstrieretn die Löwen-Fans mit etlichen Spruchbändern für einen Ausbau des Stadions in Erbpacht. © IMAGO/Eibner

Wie sehen Sie es denn?
Wo kommen wir her? Wir spielen derzeit leider in der Dritten Liga. Wir wollen hoch in die Zweite Liga und weiter. Ein Stadion mit 25.000 ist doch eine, Stand jetzt, gute Größe für Sechzig. Schauen Sie, vor wie vielen Zuschauern wir in der Arena gespielt haben, da gab es auch Spiele vor 7000. Natürlich können wir es nicht allen recht machen. Aber wenn wir die Möglichkeit haben, hier so ein Stadion hinzubauen, das bundesligatauglich ist, da sollten wir wirklich alle glücklich sein.
DIETL: Dass wir das Stadion so voll bekommen, hat schon auch sehr viel mit dem Standort zu tun, viele würden zu Löwen-Spielen nicht auf die grüne Wiese fahren.

"Unser Ziel: nicht auf dem Rücken der Fans austragen"

Sechzig hat sehr hohe Eintrittspreise für einen Verein, der sich irgendwie doch immer noch als Arbeiterverein definiert. Droht nach einem Umbau der Teuer-Exzess?
MANG: Unser Ziel muss ganz klar sein, dass wir den Umbau nicht auf dem Rücken und den Kosten der Fans austragen.

Was, wenn die Machbarkeitsstudie zu einem Ergebnis kommt, mit dem Sie beide nicht zusammenkommen – oder das nicht finanzierbar ist. Was würde das für die Stadt bedeuten, Frau Dietl und was für Sechzig, Herr Mang?
MANG: Wir machen jetzt die Machbarkeitsstudie und schauen, was rauskommt, und dann sehen wir weiter. Wir benötigen ein belastbares Ergebnis.
DIETL: Erst brauchen wir die Ergebnisse und dann bringen wir es voran.

Gemeinsam?
DIETL: Gemeinsam, ganz genau. So, wie wir es uns versprochen haben.

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