Bernd Patzke: „So schlimm war’s noch nie!“

Für 1860 geht es in der Relegation gegen Kiel darum, den Abstieg noch zu verhindern. Meisterlöwe Bernd Patzke rechnet mit Spielern und Bossen ab: „Einige haben sich schon innerlich verabschiedet“.
| Thomas Becker
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„Unsere Mannschaft ist ja furchtbar!“, sagt Meisterlöwe Bernd Patzke über den TSV 1860. In der Relegation gegen Holstein Kiel geht es nun um den Klassenerhalt.
az, imago „Unsere Mannschaft ist ja furchtbar!“, sagt Meisterlöwe Bernd Patzke über den TSV 1860. In der Relegation gegen Holstein Kiel geht es nun um den Klassenerhalt.

AZ: Herr Patzke, was ist bloß los mit Ihren Löwen? Als selbsternannter Meisterkandidat gestartet, muss der TSV 1860 nun in der Relegation gegen Holstein Kiel um den Klassenerhalt in der 2. Liga kämpfen. Das muss doch einem Meisterlöwen, der die glorreichen Zeiten dieses Traditionsvereins miterlebt und mitgeprägt hat, in der Löwen-Seele wehtun...

Bernd Patzke: Mein lieber Mann! Das ist so traurig!

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Wie haben Sie das 0:2 der Sechziger im letzten Spiel der regulären Saison beim Karlsruher SC erlebt? Die Darbietung war gespenstisch schlecht.

Ich hab’ umgeschaltet – zu Erzgebirge Aue. Nicht dass die am Ende noch gewinnen! Die haben ja wirklich gut gespielt und hätten leicht gewinnen können. Da haben wir Löwen natürlich Riesen-Glück gehabt.

Wohl wahr. Wie gut sind die Löwen überhaupt nun vor den beiden Relegationsspielen?

Unsere Mannschaft ist ja furchtbar. Also, wer die zusammengestellt hat!

Sie meinen, mit dieser Truppe ist gar nicht mehr drin?

Ach, überhaupt nicht! Das ist eine ziemlich verlorene Truppe. Und jedes Mal sagen sie: ‘Jetzt müssen wir kämpfen! Jetzt müssen wir uns ins Zeug legen!’ – das hätten sie schon 30 Spiele lang tun müssen!

Das heißt, Sie sehen das Problem eher in der sportlichen Führung?

Ja, natürlich! Was der Poschner da für eine Mannschaft zusammengestellt hat, das ist ja fürchterlich. In der Winterpause hat er noch drei neue Spieler geholt – und von denen spielt keiner. Einer sitzt nur noch auf der Tribüne. Das ist doch unverantwortlich! Aber da sagt keiner was. Da muss doch der Präsident mal was sagen!

Wie groß sind Ihre Hoffnungen für die Spiele gegen Holstein Kiel?

Ich hoffe nicht, dass das im Drama endet. Aber das wird sehr, sehr schwer werden gegen Kiel. Die sind Dritter geworden, sind motiviert, haben eine gute Saison gespielt – und unsere haben eine Katastrophen-Saison gespielt.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Wir spielen die ganze Saison mit einem Stürmer, und der ist noch verletzt – wo gibt’s denn so was? Wir haben, glaube ich, 30 Spieler und nur einen Stürmer. Das ist nicht zu fassen.

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Schwer zu fassen ist auch, wie sich die Fans in Karlsruhe aufgeführt haben...

Das wird langsam peinlich. Ich bin jetzt 50 Jahre dabei, aber so schlimm war’s noch nie.

Und es war ja schon oft schlimm bei den Löwen...

Aber so schlimm war’s noch nie. Es kommt mir so vor, als hätten sich einige Spieler innerlich schon verabschiedet. Ich weiß aber nicht, wer die nehmen soll. So wie die spielen, haben die doch überhaupt kein Interesse an Sechzig.

Wen meinen Sie?

Die ganze Mannschaft! Das ist interesselos, was die bietet. Sie wären ja eigentlich schon letzte Woche abgestiegen, gegen den 1. FC Nürnberg. Das muss man sich mal vorstellen: 68 500 Zuschauer! Es ist furchtbar.

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Aber Sie gehen trotzdem noch ins Stadion?

Natürlich bin ich da. Das ist doch klar. Wir haben ja mit der Meister-Mannschaft einen Tisch im Business-Bereich. Da treffen wir uns immer. 15 waren wir, vier sind tot, zwei leben in der Schweiz, einer in Passau, einer in Jugoslawien, einer in Essen. Jetzt sind wir nur noch sechs Mann, die in München leben: Hansi Reich, Hans Rebele, Wilfried Kohlars, Peter Grosser, Fredi Heiß und ich.

Und wie sitzt man dann da zusammen? Eher frustriert wahrscheinlich.

Wir sehen ja, dass da überhaupt kein System drin ist. Die hatten in diesem Jahr drei Jugend-Trainer. Torsten Fröhling, der letzte, kann ja nun wirklich gar nichts dafür. Der erste Trainer, Ricardo Moniz, wollte noch Meister werden – den haben sie rausgehauen. Der zweite, Markus von Ahlen, der wollte gar nicht! Den musste man überreden, Trainer zu werden! Das muss man sich mal vorstellen. So was geht doch gar nicht.

Angenommen, Sechzig steigt ab – in welchem Stadion spielen die Löwen dann in der kommenden Saison?

Ich habe gehört, dass sie weiter in der Allianz Arena spielen. Das Grünwalder Stadion ist ja viel zu klein. Außerdem haben sie noch einen Vertrag mit Bayern. Ich weiß auch gar nicht, ob sie die Lizenz für die 3. Liga haben, falls es so weit kommen sollte.

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Hätte ein Abstieg auch personelle Konsequenzen?

Das weiß ich nicht. Verantwortlich ist Gerhard Poschner. Der hat die Mannschaft schließlich zusammengestellt. Aber das Schlimme ist ja, dass da keiner ist, der Ahnung hat. Das ist ja das Problem. Es tut mir sehr, sehr leid um den Verein. Mich wundert nur, dass die Fans noch so ruhig bleiben. Und von Hasan Ismaik, dem Investor, hört man ja auch gar nichts mehr. Ich weiß wirklich nicht, wie es hier weitergehen soll. Ich kann nur hoffen, dass wir das schaffen. Der worst case wäre unvorstellbar.

Bernd Patzke im Kurzporträt: Der 72-Jährige spielte von 1964 bis 1969 und ‘73/’74 für den TSV 1860, war Teil der legendären Meistermannschaft. 1983/84 trainierte der Nationalspieler und Vizeweltmeister von 1966 die Löwen.

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