Autor enthüllt: Wo die Anfänge des Münchner Fußballs wirklich liegen

Michael Lenhard hat 100 wichtige Fußball-Orte in Südbayern in einem Buch zusammengefasst. In der AZ spricht er über vergessene Vereine, Plätze und Legenden sowie die Zukunft des Grünwalder Stadions.
| Johannes Schnabl
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Der Autor Michael Lenhard.
ho 2 Der Autor Michael Lenhard.
Das Buch "Fußballheimat München und Südbayern: 100 Orte der Erinnerung" erschien im Arete-Verlag und kostet 16,95 Euro.
ho 2 Das Buch "Fußballheimat München und Südbayern: 100 Orte der Erinnerung" erschien im Arete-Verlag und kostet 16,95 Euro.

München - Michael Lenhard beschäftigt sich schon lange mit Fußballplätzen und deren identitätsstiftender Wirkung. Für sein Buch "Fußballheimat München und Südbayern" war er zwei Jahre unterwegs. Die AZ hat mit ihm über die Besonderheit der Schauplätze gesprochen.

Der Autor Michael Lenhard.
Der Autor Michael Lenhard. © ho

AZ: Herr Lenhard, Ihr Buch "Fußballheimat" beschreibt 100 Fußballorte vom Tegernsee bis in die Oberpfalz, vom Dorfplatz bis zur Mega-Arena. Das Werk eines Fußballverrückten, oder?
MICHAEL Lenhard: Da haben Sie völlig recht. Seit meiner frühesten Kindheit bin ich fußballverrückt. Mit zehn Jahren war ich das erste Mal im Olympiastadion, bei Bayern gegen Waldhof Mannheim. Abseits des Stadions liegen die Erlebnisse noch weiter zurück. Ich erinnere mich noch gut an die WM ‘86 vorm Fernseher.

Wie sind Sie bei der Auswahl Ihrer 100 speziellen Plätze vorgegangen?
Nun, wenn ich 100 Orte aussuchen muss, die von fußballhistorischer Bedeutung sind, dann habe ich natürlich andere Kriterien als jeder andere Mensch. Ich wollte in München den Schwerpunkt legen und da auch vor allem auf Bayern und den TSV 1860, weil es einfach die größten und erfolgreichsten Vereine sind. Außerdem wurden die Orte gewürdigt, die mit Vereinen zu tun haben, die mindestens Zweite Liga gespielt haben. Auch Weltmeister, Rekordhalter oder verdiente Klublegenden mussten ihre Würdigung erfahren – oder eben Plätze, die von so historischer Bedeutung sind, dass man sie einfach aufnehmen muss, wie etwa der Manchesterplatz in München, wo damals das Flugzeug von Manchester United abgestürzt ist. Das alles war natürlich eine ganz schöne Tingelei. Vom Westallgäu bis nach Weiden, von Nördlingen bis nach Burghausen.

Die Anfänge des Münchner Fußballs liegen auf der Theresienwiese

München selbst ist 55 Mal vertreten. Eine besondere Fußballstadt also?
Auf jeden Fall. Von der Tradition her ist München ganz vorne dabei. Das erste Derby zwischen Bayern und Sechzig fand ja schon statt, da gab es weder die SpVgg Greuther Fürth noch Borussia Dortmund oder Schalke 04. Aber ich wollte auch die Vereine würdigen, die München schon fast wieder vergessen hat, die aber trotzdem eine große Tradition haben, wie zum Beispiel Wacker. Die waren in den 20er Jahren der erste Süddeutsche Meister überhaupt. Oder auch Bajuwaren München, FC Teutonia, MTV 1879, das waren Fußballschwergewichte früher.

Auch die Theresienwiese als Geburtsort des Münchner Fußballs dürften die wenigsten auf dem Zettel haben.
Das ist genau so eine Sache: Die Wiesn kennt jeder, aber außer ein paar Verrückten weiß keiner, dass dort die Anfänge des Münchner Fußballs liegen. Fast alle Vereine, die es um 1900 gab, haben dort gespielt, weil ja noch kein Verein einen eigenen Platz hatte. Die Bayern waren die ersten, die damals in der Clemensstraße einen eigenen Platz bekamen. Alle anderen spielten eben auf der Theresien- oder auf der Schyrenwiese in Untergiesing.

Was auch damit zu tun hatte, dass Fußball um 1900 herum noch kaum etwas mit dem Volkssport der heutigen Zeit zu tun hatte.
Genau, das war damals eben etwas Neues, da haben sich die alten Turner-Riegen dagegen gewehrt – auch in München.

Das Grünwalder? "Nichts anderes als Fußballgeschichte"

Wer alle Plätze Ihres Buches besuchen will, kommt auch an Friedhöfen nicht vorbei – so wie am Grab des früheren Bayern-Kapitäns Jakl Streitle.
Jakl Streitle ist schon eine Besonderheit, weil er gerade in den dürftigen 30er und 40er Jahren beim FC Bayern das Vereinsgefüge zusammengehalten hat – trotzdem kennt ihn fast keiner. Die Anfangsjahre der Klubgeschichte sind mittlerweile ziemlich gut aufgearbeitet, auch aus den 50er und 60er Jahren weiß man viel, aber aus den 30er und 40er Jahren fast nichts. Da schließt Streitle eine Lücke. Außerdem: Wer schafft es schon, zwei Jahrzehnte bei Bayern zu spielen, abzusteigen und nichts zu gewinnen? Das ist schon auch ein Rekord.

Bei Löwen-Spiel: USK-Einsatz auf der Haupttribüne!

Haben Sie einen persönlichen Lieblingsort?
Als Bayern-Fan bin ich sehr glücklich, dass nach 118 Jahren des Nichtwissens in der Kardinal-Döpfner-Straße hinterm Odeonsplatz endlich eine Stele steht, die den Gründungsort des FC Bayern würdigt. Super finde ich auch, dass in der Clemensstraße – dem ersten Platz der Bayern überhaupt – auch eine Gedenktafel errichtet wurde. Da fand 1902 übrigens auch das erste Derby zwischen Bayern und Sechzig statt. Jetzt steht da ein Häuserblock. Aber im Innenhof kann man noch den Platz erahnen. Und da wurde nun vor einigen Monaten diese Gedenktafel nach intensiven Recherchen der Kurt-Landauer-Stiftung enthüllt. Ich bin aber auch ein Freund des Grünwalder Stadions. Denn das ist nichts anderes als Fußballgeschichte pur. Da kann man die Tradition noch atmen: Länderspiele, Europapokal, Deutsche Meisterschaften, Abrisspläne, Brand – 110 Jahre Münchner Fußballgeschichte. (Lesen Sie hier das Pro und Contra: Ist Fußball in Giesing vertretbar?)

Lenhard: "Für die Bayern ist die Allianz Arena notwendig"

Was ist Ihnen denn lieber: Moderne Arena oder alte Stehtraversen?
Ich persönlich bin Nostalgiker. Von daher hat ein Stadion wie das Grünwalder wesentlich mehr Flair. Ich weiß aber auch, dass man nicht stehenbleiben und nur in Nostalgie schwelgen darf. Der Fußball kann sich den modernen Anforderungen nicht verschließen. Für die Bayern ist die Allianz Arena absolut notwendig. Die könnten nicht im Grünwalder oder im Olympiastadion dahingurken.

Löwen-Legenden verabschieden sich von Kult-Wirtin

Schließen wir mit einem aktuellen Thema: Was würden Sie sich für die Zukunft des Grünwalder wünschen?
Da es ein Kulturdenkmal und ein Stück Fußballgeschichte ist, hoffe ich, dass es auch noch die nächsten 107 Jahre unbeschadet übersteht und an seiner Tradition weiterbaut.

Wie stehen Sie zu einem Aus- und Umbau?
Das Stadion ist ja im Laufe seiner Zeit immer wieder umgebaut worden. In 100 Jahren wird es hoffentlich noch dastehen und man wird sagen: "Schau her, des is Fussballheimat München!"

Das Buch "Fußballheimat München und Südbayern: 100 Orte der Erinnerung" erschien im Arete-Verlag und kostet 16,95 Euro.
Das Buch "Fußballheimat München und Südbayern: 100 Orte der Erinnerung" erschien im Arete-Verlag und kostet 16,95 Euro. © ho

Lesen Sie hier: Stadt prüft Zweitligatauglichkeit des Grünwalder Stadions

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren