Tatort Kabine: Ex-Hedos-Profi packt über Missbrauch im Eishockey aus

Fred Ledlin, Ex-Profi von Hedos München, erlebte Grausamkeiten und Missbrauch - davor will er nun den Eishockeynachwuchs weltweit schützen. Per Gericht nimmt er die Ligen in die Verantwortung.
| Martin Wimösterer
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
1 Kommentar 1 – Artikel empfehlen
Harte Vorwürfe gegen die Branche: Fred Ledlin. F: Selber Wölfe
Harte Vorwürfe gegen die Branche: Fred Ledlin. F: Selber Wölfe

München - Ende Juli ging Justin Trudeau auf Konfrontationskurs mit den Montreal Canadiens.

Kanadas Staatschef zeigte sich "tief enttäuscht" von dem Eishockeyklub, in der Stellung so etwas wie der FC Bayern Kanadas. Auch Fred Ledlin sagt: "Die Canadiens haben die Eishockeywelt um 35 Jahre zurückgeworfen."

Schreckliche Vorfälle in Kabinen

Ledlin ist ein Ex-Profi, der früher mal für Hedos München spielte und sich in Regensburg niedergelassen hat. Der 58-Jährige findet, die NHL und das Eishockey generell müssten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stärker gerecht werden. Auch hier in Europa. Damit meint er nicht nur die Canadiens, die im Draft den 18-jährigen Logan Mailloux wählten, der das gar nicht wollte, weil er ohne Erlaubnis ein Sex-Foto einer jungen Frau an Bekannte geschickt hatte und verurteilt worden war. Ledlins Vorwürfe wurzeln tiefer: "Es liegt einiges im Argen. Wir müssen das ändern."

Ledlin hat sich einer Sammelklage gegen die kanadischen Junior-Eishockeyligen angeschlossen. Er erfuhr vor 40 Jahren am eigenen Leib, was in den Kabinen mit den Neulingen veranstaltet werde. "Wenn es darum ginge, dass die jungen Spieler die Taschen tragen sollen - okay", meint er. Aber es gehe um "Vergewaltigung, so muss man das bezeichnen."

Er erzählt von abscheulichen Ritualen: Zwanghafte Bäder der jungen Spieler in Wannen voller Urin der Älteren. Zahnstocher voller Heißsalbe in die Harnröhre. Von der Decke baumelnde Taschen mit bis zu 40 Pucks, die über ein Schlittschuhband am Penis ziehen, bis der Schmerz unerträglich wird. Aufforderungen des Trainers zur Massenschlägerei mit den Gegnern während des Aufwärmens. Kuverts mit 200 US-Dollar für den, der einen Gegner spielunfähig macht.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Ledlin: "Jeder wusste Bescheid"

Grausamkeiten zwischen "Perversität" und "Gladiatoren-Mentalität", Folter, wie im 14. Jahrhundert, sagt Ledlin. "Für die Sachen, die sie damals mit uns gemacht haben, würdest du heute ins Gefängnis wandern. Trainer, Manager, Clubbesitzer - alle wussten Bescheid. Die Spieler nahmen alles hin, weil sie wissen: Entweder du hältst den Mund oder bist raus." Und vorbei wäre damit der Traum von der großen Karriere. Auch Ledlin hatte den Traum. Er wechselte mehrmals das Team, wehrte sich - was alles nur schlimmer machte. Damals blieb er nach außen stumm. Er schämte sich für die Vorfälle.

Nach der Juniorenzeit wechselte Ledlin 1984 nach Deutschland und spielte hier bis 2001. Er wurde glücklich. Seit kurzem arbeitet er als Trainer bei den Selber Wölfen, im Nachwuchsbereich und als Assistent der Profimannschaft des Zweitligisten. Als er aber hörte, dass im kanadischen Nachwuchs immer noch grauslige Zustände herrschen, schwieg er nicht mehr. Nach seiner Aufdeckung in der "Eishockey News", sagt er, berichteten ihm auch deutsche Eishackler Schauergeschichten.

Eltern müssen in die Pflicht genommen werden

Ledlin will nicht, dass das Eishockey einen Stempel bekommt. Dass Spieler wegen rüder Sitten den Schläger zur Seite legen. "Ich will einfach nicht, dass die Kinder weiter vor die Wahl gestellt werden: Mund halten oder aufhören. Wenn du einen zukünftigen Beckenbauer hast, willst du doch nicht, dass er mit seinem Sport aufhört." Er wartet nun auf den Gerichtstermin in Nordamerika und hofft, dass er etwas beitragen kann, wodurch sich alles zum Guten wendet.

Gleichzeitig nimmt er auch andere in die Pflicht, Verantwortung gegen Missbrauch, Gewalt und Bullying aufzubauen: Die Eltern müssten sich proaktiv um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen. Die Klubverantwortlichen müssten bei eklatanten Vorfällen für eine "Null-Toleranz-Politik" sorgen. Die Spieler müssten mit ihren Eltern reden. Und die Ligen sollten sich nicht aus der Verantwortung stehlen, auch wenn es um Big Business geht.

Ledlin sieht, das nun etwas in Bewegung geraten ist: "Vor kurzem hat sich ein Spieler mit NHL-Vertrag als schwul geoutet. Vor 25 Jahren wäre ihm deswegen die Hölle heißgemacht worden, er wäre deswegen aus dem Team geflogen. Es ist gut, dass das nun offenbar anders ist. Die Leute wollen, dass sich etwas ändert."

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 1  Kommentar – mitdiskutieren 1 – Artikel empfehlen
1 Kommentar
Artikel kommentieren