Interview

Snowboarderin Selina Jörg im AZ-Interview: "Die Luft ist einfach raus"

Bei der WM hat Snowboarderin Selina Jörg noch Gold und Bronze geholt, jetzt fährt sie ihr letztes Rennen: "Es fühlt sich total richtig an."
| Thomas Becker
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"Ich wusste, dass es nur noch ein Jahr bis Olympia sein würde, aber die Spiele waren kein Thema mehr für mich", sagt Snowboarderin Selina Jörg, die ihre Karriere beendet.
"Ich wusste, dass es nur noch ein Jahr bis Olympia sein würde, aber die Spiele waren kein Thema mehr für mich", sagt Snowboarderin Selina Jörg, die ihre Karriere beendet. © imago/GEPA pictures

München - AZ-Interview mit Selina Jörg: Die 33-jährige Snowboarderin holte bei der WM im März Gold und Bronze, nach der Saison beendet sie ihre Karriere.

AZ: Frau Jörg, als Sie Anfang März bei der WM Gold und Bronze gewonnen haben, wussten Sie, dass dies Ihre letzten Medaillen sein würden. Direkt nach der WM haben Sie Ihr Karriereende verkündet. Wer war noch informiert?
SELINA JÖRG: Meine Physiotherapeutin und meine Zimmerkollegin Cheyenne Loch. Mein Team habe ich zwei Wochen vor der WM eingeweiht, Trainer Paul Marks habe ich es bei der Vorbereitung erzählt - der hat ziemlich geschluckt und gemeint: "Das muss ich erst mal sacken lassen."

Selina Jörg: "Mein Rücktritt kam für viele unerwartet"

Der hatte Sie mit Blick auf Olympia im kommenden Winter sicher fest eingeplant.
Mein Rücktritt kam für viele unerwartet. Aber im Endeffekt hat mich jeder verstanden. Für mich war schon vergangenes Jahr klar, dass dies meine letzte Saison wird. Es war nochmal schön zu genießen, weil ich überall wusste: ‚Das war das letzte Mal, dass ich hier war.'

Woher wussten Sie, dass Schluss sein würde? Im Weltcup zählen Sie zu den Top 3.
Mich hat das Thema Rücktritt lange beschäftigt. Teilweise waren das so krasse Gedanken, dass ich mir dachte: ‚Ich muss da jetzt einen Weg finden!' Es hat mich so beschäftigt, dass ich mich gar nicht mehr aufs Training konzentrieren konnte. Ich wusste, dass es nur noch ein Jahr bis Olympia sein würde, aber die Spiele waren kein Thema mehr für mich.

Selina Jörg: "Irgendwann weiß man, dass es genug ist"

Wieso?
Ich wusste nach 2018 (Jörg gewann Silber, d. Red.), dass es meine letzten Spiele sein würden. Nochmal vier Jahre konnte ich mir nicht vorstellen. Ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, dass es nochmal drei Jahre werden würden. So eine Olympia-Saison ist so viel fordernder! Das erneut zu hundert Prozent durchzuziehen: Dafür will ich es zu wenig. Dann ist die Luft raus. Das muss man anerkennen. Der Rücktritt jetzt fühlt es sich total richtig an. Man kann auch ein Jahr vor Olympia aufhören. Als ich den Entschluss gefasst hatte, war es eine extreme Erleichterung.

Hat der Spaß gefehlt? Oder die Motivation?
Irgendwann weiß man, dass es genug ist. Dann sucht man nur noch nach dem Zeitpunkt.

"Ich werde Sport treiben. So, wie ich es will, nicht wie mir ein Trainingsplan das vorschreibt. Nicht mehr höher, schneller, weiter, sondern nur noch zum Spaß", sagt Selina Jörg.
"Ich werde Sport treiben. So, wie ich es will, nicht wie mir ein Trainingsplan das vorschreibt. Nicht mehr höher, schneller, weiter, sondern nur noch zum Spaß", sagt Selina Jörg. © picture alliance/dpa/SOPA Images

Das Weltcup-Finale am Wochenende am Götschen bei Berchtesgaden dürfte der entspannteste Wettkampf Ihrer Karriere werden, korrekt?
Und der emotionalste! Einerseits will man noch ein gutes Ergebnis einfahren, andererseits den letzten Wettkampf genießen. Gerade am Götschen hängen so viele Erinnerungen, von daher soll es auf jeden Fall ein schöner Tag werden.

Selina Jörg: "Götschen ist mein zweites Zuhause"

Eines Ihrer ersten Rennen haben Sie dort bestritten.
Zuletzt habe ich Bilder gefunden, auf denen ich genau an diesem Hang schon Schülerrennen gefahren bin, mit elf oder zwölf. Mit 14 bin ich vom Allgäu aufs Ski-Gymnasium nach Berchtesgaden und hab' da nach fünf Jahren Abi gemacht. Insofern ist der Götschen mein zweites Zuhause: Hier hab' ich jeden Tag trainiert, abends mit Flutlicht.

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Schade, dass es hier so lange keinen Weltcup gab, sondern im fernen Winterberg.
Beim letzten Weltcup hier war ich Vorläuferin, 2002 oder 2003. Für uns ist das schon mehr der Heim-Weltcup als Winterberg.

Fast 20 Jahre waren Sie im Nationalkader, haben als Boardercrosser angefangen. Wie hat sich Ihr Sport entwickelt?'
Früher hat man tatsächlich beides gemacht: samstags Race, sonntags Boardercross. Viel geändert hat sich bei Kurssetzung und Material. Als Amelie Kober mal ein paar Jahre verletzt war und zurückkam, meinte sie: "Was habt ihr denn da für Platten auf dem Board?"

So plant Selina Jörg ihre Zukunft

Stellen Sie daheim Ihr Race-Board komplett in die Ecke?
Mir hat ja immer Spaß gemacht, durch die Tore zu fahren - das freie Fahren war nie so mein Ding. Nach der Karriere werde ich auf jeden Fall Skifahren: Ich liebe es! Und mit dem Splitboard Touren oder bei Tiefschnee mit dem Freeride-Board Powdern zu gehen. Das Race-Board rühre ich so schnell nicht mehr an.

Und wie sieht Ihre Zukunft aus? Bachelor und Master für Internationales Management und Wirtschaftspsychologie haben Sie schon in der Tasche.
Ich habe noch Restdienstzeit bei der Bundeswehr, in der ich abtrainieren und mich beruflich orientieren werde. Mit einigen Firmen im Allgäu bin ich in Kontakt, hatte nach 2018 schon Jobangebote, die ich doch nochmal ausgeschlagen habe. Mein Freund hat in Immenstadt ein Radgeschäft, wo ich im Sommer beim E-Bike-Verleih mithelfen werde. Und ich werde Sport treiben. So, wie ich es will, nicht wie mir ein Trainingsplan das vorschreibt. Nicht mehr höher, schneller, weiter, sondern nur noch zum Spaß.

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