Interview

Sebastian Krumbiegel im AZ-Interview: "Sport ist das Einzige, wo ich ein patriotisches Gefühl okay finde"

Ein Lied der "Prinzen" ist eine Art WM-Hymne. Sänger Krumbiegel erzählt, wie er das findet.
| Martin Wimösterer
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Prinzen-Frontmann und ein echter Sport-Fan: Sebastian Krumbiegel.
Prinzen-Frontmann und ein echter Sport-Fan: Sebastian Krumbiegel. © picture alliance/dpa

AZ-Interview mit Sebastian Krumbiegel: Der 55-Jährige ist Frontmann der Band "Die Prinzen", deren Lied auf Sport-Events als deutsche Erkennungsmelodie läuft.

AZ: Herr Krumbiegel, bei der Eishockey-Weltmeisterschaft lief bislang das Lied "Das alles ist Deutschland" von Ihrer Gruppe "Die Prinzen" nach jedem deutschen Tor. Sind Sie Eishockey-interessiert?
Sebastian Krumbiegel: Ich bin vor allem Fußball-Fan: Premier League, Bundesliga, Zweite Bundesliga. Ich weiß, dass das Eine das Andere nicht ausschließt. Ich sympathisiere mit vielen Sportarten und Wettkämpfen. Als ich das erste Mal in Mannheim war, war in der ganzen Stadt eine tierische Aufregung um ein Spiel. Das ist eine richtige Eishockey-Stadt. Das hat mich beeindruckt.

"Wir versuchen, den Nationalismus zu hinterfragen"

Wie finden Sie es, dass bei der WM in Finnland Ihr Lied läuft?
Ja - geil. Blixa Bargeld, der Sänger der "Einstürzenden Neubauten", war mit seiner Frau in Asien, als dort die Fußball- Weltmeisterschaft lief. Da war "Das alles ist Deutschland" auch schon das Lied, das gespielt wurde. Das war toll, ich konnte das erst gar nicht glauben, als er mir das erzählte. Das Lied eignet sich gut, auch international, die Leute bringen das mit Deutschland in Verbindung, auch bei Turnieren.

Obwohl es ja eigentlich eine Subnote im Text gibt.
Das Lied ist alles andere als ein patriotisches Loblied, sondern an vielen Stellen eher sarkastisch. Ich weiß, dass das oft nicht verstanden wird - wie bei "Born in the USA" von Bruce Springsteen, wo es ja auch um den Vietnam-Krieg geht. Wir versuchen, den Nationalismus zu hinterfragen. Im Lied heißt es ja zum Beispiel: "Wir sind jederzeit für 'nen Krieg bereit" - das ist alles sehr kritisch. Wenn wir Festivals spielen, auf denen eben nicht nur die hardcore Prinzen-Fans sind, frage ich mich immer, wie viele da im Publikum sind, die das missverstehen und mit stolz gefüllter Brust "Deutsch, Deutsch" mitsingen. Aber vor dem sprichwörtlichem "Applaus von der falschen Seite" kannst du dich nicht schützen. Sport ist aber das Einzige, wo ich ein patriotisches, nationales Gefühl okay finde. Dass man da zu seiner Mannschaft hält, ist ja klar.

"Ich bin mir meinem Privileg bewusst"

Bekommen Sie, analog zur GEMA, auch bei internationalen Events Geld, wenn das Lied gespielt wird?
Das auf jeden Fall. Das Lied hat hauptsächlich Steve van Velvet geschrieben, mein Anteil daran ist eher klein. Ich weiß nicht, was dabei rumkommt. Ich finde aber prinzipiell gut, dass etwas rumkommt für die jeweiligen Autoren. Es gibt ja die Diskussion um Urheberrecht und so weiter. Es ist nicht wahnsinnig viel, es ist eher ein Zubrot. Die Gema hat mich allerdings während Corona, wo wir ja nicht auf Tour gehen konnten, finanziell durchgebracht. Dafür bin ich dankbar. Wobei ich betonen möchte: Das Finanzielle war nie der Antrieb, Musik zu machen. Es ist natürlich geil, wenn man seiner Kunst nachgehen kann, ohne nebenher mit einer anderen Arbeit sein Geld verdienen zu müssen - das ist ein Privileg, dessen bin ich mir bewusst. Aber das Finanzielle hat bei mir nie vorne dran gestanden.

Wobei man heute, im Wettstreit um Clicks und Reichweite, den Eindruck hat, dass genau das die Musik ausmacht.
Ich habe manchmal solche Gedanken auch. Es gibt aber auch heute noch viele coole Leute, die etwas zu erzählen haben mit ihrer Kunst. Nun, alles wird monetarisiert. Ich finde das schade, ob es nun um Kunst geht oder um den Sport. Die Fußball Super League zum Beispiel: Es geht viel ums Geld, und gerade im Fußball wenden sich deshalb da gerade viele Leute ab. Da läuft das schon lange so. Dass in Dortmund Dortmunder spielen, in München Münchner oder in Frankfurt Frankfurter. . . heute ist das international. Das ist auf der einen Seite auch gut, aber andererseits verliert dadurch vieles seine Seele. Wenn es mehr ums Geld als um den Sport geht, dann stimmt irgendwas nicht.

"Dass wir in Frieden leben, ist keine Selbstverständlichkeit"

Sie brachten "Das alles ist Deutschland" 2010 heraus. Seitdem hat sich in Deutschland einiges verändert. Wie finden Sie den Status quo?
Es gibt kein Schwarzweiß. Gerade in den heutigen Tagen, gerade seit dem 24. Februar, bin ich wahnsinnig froh, hier zu leben und nicht in einem anderen Land. Dass wir in Frieden leben, das ist keine Selbstverständlichkeit in der großen weiten Welt. Vor Kurzem haben wir unser erstes Konzert nach der Corona-Pause gespielt. Bei den Proben, da ist uns so eine Zeile wie "sind zu jedem Krieg bereit" fast im Halse hängengeblieben. Es ist alles sehr komplex. Waffenlieferungen - ja oder nein? Ich weiß es nicht. Im tiefsten Herzen spüre ich pazifistische Gefühle - und die hinterfrage ich gerade. Das geht vielen Leuten gerade so.

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"Ein Lied wächst mit der Zeit oder stirbt"

Wenn Sie einen aktuellen Vierzeiler in "Das alles ist Deutschland" einfügen würden, wie würde der in etwa lauten?
Ich könnte es umgekehrt sagen. Wir sangen ja früher: "Nur eine Kleinigkeit ist hier verkehrt: Und zwar, dass Schumacher keinen Mercedes fährt." Wir lassen diese Zeile heute weg. Wir gehen gleich zum Refrain über. Die Zeile ist aus der Zeit gefallen. Damals war sie lustig, heute finde ich sie unanständig. Wir wissen ja, dass Michael Schumacher diesen Ski-Unfall hatte und seit dem Koma liegt. Darüber sollte man keine Witze machen. Mit Humor ist es doch so: Es gibt Dinge, die gut altern und andere, die das eben schlecht tun. Darum haben wir entschieden, die Zeile rauszulassen. Die Welt ändert sich. Und ein Lied wächst mit der Zeit oder stirbt.

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