Rosi Mittermaier: Freue mich sehr auf das, was jetzt noch kommt

Deutschlands "Gold-Rosi" wird 70. Im AZ-Interview spricht das Ski-Idol über die Corona-Pandemie, ihre Heimat Bayern, die "Fridays for Future“-Bewegung – und darüber, was sie sich für die Zukunft wünscht.
| Interview: Florian Kinast
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Ebenfalls Gold-verdächtig: Rosi Mittermaier ist bekannt für ihren selbstgebackenen bayerischen Apfelstrudel.
imago images/Oliver Bodmer 4 Ebenfalls Gold-verdächtig: Rosi Mittermaier ist bekannt für ihren selbstgebackenen bayerischen Apfelstrudel.
Die Mittermaier-Schwestern: Wie Rosi (rechts) war auch Evi eine erfolgreiche Skiläuferin, sie gewann zwei Weltcuprennen und war Deutsche Meisterin.
imago images/WEREK 4 Die Mittermaier-Schwestern: Wie Rosi (rechts) war auch Evi eine erfolgreiche Skiläuferin, sie gewann zwei Weltcuprennen und war Deutsche Meisterin.
2017: Felix Neureuther gewinnt WM-Bronze - von links Vater Christian Neureuther, Felix Neureuther, Rosi Mittermaier und Schwester Amelie Neureuther.
imago images/Sammy Minkoff 4 2017: Felix Neureuther gewinnt WM-Bronze - von links Vater Christian Neureuther, Felix Neureuther, Rosi Mittermaier und Schwester Amelie Neureuther.
11. Februar 1976: Rosi Mittermaier fährt bei den Olympischen Winterspielen von Innsbruck im Spezialslalom auf der Axamer Lizum einer Goldmedaille entgegen.
dpa 4 11. Februar 1976: Rosi Mittermaier fährt bei den Olympischen Winterspielen von Innsbruck im Spezialslalom auf der Axamer Lizum einer Goldmedaille entgegen.

Geboren in Reit im Winkl lebt die 70-Jährige zusammen mit ihrem Mann Christian Neureuther (71) heute in Garmisch. Sohn Felix (36) beendete letztes Jahr seine große Ski-Karriere.

AZ: Frau Mittermaier, an diesem Mittwoch werden Sie 70, auf eine rauschende Feier werden Sie in diesen Zeiten aber wohl verzichten, oder?
ROSI MITTERMAIER: Die hätte es nie gegeben, große Feiern um mich herum mag ich überhaupt nicht. Mir ist wichtig, dass ich mit meiner Familie zusammen bin, da braucht es nicht viel Tamtam. Nur wegen eines runden Geburtstags braucht man ja nicht gleich übertreiben.

Wie haben Sie denn die letzten Monate seit März verbracht? Sie und Ihr Mann Christian zählen altersbedingt ja auch zur Risikogruppe, konnten Sie Ihre Kinder und Enkelkinder überhaupt sehen?
Uns ging es eigentlich ganz gut, wir haben ein Haus, einen schönen Garten, das ist natürlich eine viel bessere Ausgangslage als für jemanden, der in der Stadt mit seinen zwei Kindern im vierten Stock wohnt. Wir haben uns an die Regeln gehalten, die Einkäufe haben meist der Felix und die Miri für uns erledigt, und wenn die gesamte Familie mal zu Besuch kam, dann waren wir brav auf Distanz. Nur für den Oscar, den Sohn unserer Tochter Ameli, war es schwierig, zu verstehen, warum er seine Oma nicht umarmen darf.

Die Mittermaier-Schwestern: Wie Rosi (rechts) war auch Evi eine erfolgreiche Skiläuferin, sie gewann zwei Weltcuprennen und war Deutsche Meisterin.
Die Mittermaier-Schwestern: Wie Rosi (rechts) war auch Evi eine erfolgreiche Skiläuferin, sie gewann zwei Weltcuprennen und war Deutsche Meisterin. © imago images/WEREK

So eine Pandemie haben Sie ja auch noch nicht erlebt, hatten Sie oder haben Sie Angst vor Corona?
Angst nicht, aber ich nehme natürlich wahr, welche Gefahren mit dieser Pandemie verbunden sind. Auch in unserem Umfeld hat es Freunde ganz schlimm erwischt, Bergsteiger aus Südtirol, ganz junge Leut', die immer topfit und gesund waren. Auch die kämpften zwischenzeitlich mit dem Tod. Da muss man schon so verantwortungsbewusst sein, dass man Risiken ausschließt und vor allen Dingen andere Menschen nicht gefährdet. Umso fassungsloser machen mich dann Bilder vom Wochenende, wenn ich in Berlin 20.000 Menschen gegen die aktuellen Beschränkungen demonstrieren sehe, die alle sagen, Corona sei nur eine Erfindung. Wie unglaublich rücksichtlos ist das, mich hat das richtig schockiert.

Dabei hatte man in den Wochen des Lockdowns noch den Eindruck, die Menschheit käme auch wieder etwas zur Besinnung.
Ich bin sicher, dass das Virus auch ein Weckruf ist, ein Alarmzeichen der Erde, um den Menschen zu sagen: Lasst uns auch die Chancen sehen, besinnt Euch, so geht es nicht weiter. Was andererseits in den Tagen und Wochen wirklich beeindruckend war: Ich habe noch nie die Vögel so schön zwitschern gehört, noch nie war der Himmel so klar, so wenig Flugzeuge am Himmel, noch nie war es so ruhig. Die Menschen hätten die Möglichkeit gehabt, sich nochmal zu vergegenwärtigen, was eh schon jeder wissen sollte, wie klein und unbedeutend wir sind. Die Natur ist ganz schnell in der Lage, sich alles wieder zurückzuholen.

Stattdessen holt der Mensch alles nach, was er meinte, versäumt zu haben. Gerade bayerische Urlaubsregionen ächzen gerade unter der Last der Touristen. Wie ist es bei Ihnen in Garmisch?
Ja, zurzeit herrscht leider der pure Wahnsinn. Zwei Stunden Wartezeit beim Eingang in die Partnachklamm. Überall zugeparkte Wiesen, am Eibsee die Badegäste dicht an dicht. Das ist schon irre. Andererseits muss man die Leute auch verstehen. Wo sollen sie denn sonst hin. Und bei uns in Bayern ist es nun einmal unheimlich schön. Ich würde in Bayern auch gern Urlaub machen, würde ich hier nicht wohnen. Was mich nur erschreckt, ist der Leichtsinn der Menschen, wenn sie in die Berge gehen. Als ich mit dem Christian neulich in den Abendstunden auf einem anspruchsvollen Bergtrail unterwegs war, kam uns eine übergewichtige Frau in Sandalen entgegen, die war fix und fertig und schon am Heulen. Die hätte den Abstieg nie mehr geschafft. Wir haben dann die Bergwacht rufen müssen. Was mich noch stört, ist der fehlende Respekt vor der Natur. Wenn ich sehe, wie viele Wanderer ihren Dreck am Berg, im Wald oder am Seeufer liegen lassen, wird mir schlecht.

2017: Felix Neureuther gewinnt WM-Bronze - von links Vater Christian Neureuther, Felix Neureuther, Rosi Mittermaier und Schwester Amelie Neureuther.
2017: Felix Neureuther gewinnt WM-Bronze - von links Vater Christian Neureuther, Felix Neureuther, Rosi Mittermaier und Schwester Amelie Neureuther. © imago images/Sammy Minkoff

Hoffnung mit mehr Umweltbewusstsein macht ja die junge Generation. Wie gefällt Ihnen denn das Engagement der Klima-Aktivisten um Greta Thunberg und ihrer "Fridays for Future"-Bewegung?
Diese Bewegung hat mich sehr positiv gestimmt, weil sie von der Jugend selbst ausging. Ich hoffe sehr, dass zusätzlich durch Corona ein richtiges Umdenken stattfindet. Andererseits erschüttert mich, wenn ich sehe, wie ein verrückter Präsident in Brasilien die Regenwälder abholzen lässt. Warum kann ihn die internationale Staatengemeinschaft nicht stoppen? Weil ich aber ein optimistischer Mensch bin, bin ich trotzdem zuversichtlich, dass wir noch mehr Wert auf Nachhaltigkeit und die Schonung von Ressourcen legen werden, dass wir uns da noch mehr einfallen lassen werden. Wir müssen unseren Planeten erhalten, bevor es zu spät ist. Dafür hat uns der liebe Gott doch den Geist gegeben...

Er schaltet ihn nur viel zu selten ein.
Leider auch wahr. Aber wenn ich an den Felix und die Miri denke, die haben sich jetzt ihr Haus mit rein regenerativen Energiequellen gebaut, so etwas ist großartig, das müsste viel mehr gefördert werden. Die jungen Leute stimmen mich insgesamt hoffnungsvoll.

Wären Sie gern nochmal jung?
Um Gottes Willen, nein. Alles zu seiner Zeit. Und ich bin gern in meinem Alter. Ich bin auch froh, dass ich mich mit der ganzen Digitalisierung nicht beschäftigen muss. Ich war noch nie in meinem Leben im Internet, ich wüsste gar nicht, wie ich eine E-Mail öffnen könnte. Es interessiert mich auch nicht...

11. Februar 1976: Rosi Mittermaier fährt bei den Olympischen Winterspielen von Innsbruck im Spezialslalom auf der Axamer Lizum einer Goldmedaille entgegen.
11. Februar 1976: Rosi Mittermaier fährt bei den Olympischen Winterspielen von Innsbruck im Spezialslalom auf der Axamer Lizum einer Goldmedaille entgegen. © dpa

In der Erziehung scheinen Sie einiges richtig gemacht zu haben, Ihr Sohn Felix schrieb in der "WamS" gerade eine große Liebeserklärung an Sie.
Echt? Ich hab das gar nicht gelesen. Es ging darum, wie dankbar er dafür sei, welche Werte Sie ihm mitgegeben und ihm damit vermittelt hätten, worauf es ankommt im Leben.

Erfüllt Sie das mit Stolz?
Ich mag das Wort "Stolz" nicht. Aber es freut mich natürlich sehr, und das lag ja nicht an mir allein, die Erziehung der Kinder liegt in den Händen von Mutter und Vater. Wir haben nur versucht, unsere Kinder normal aufwachsen zu lassen, sie einfach immer unterstützt und ihnen auch Zutrauen geschenkt. Das ist so ein Punkt, der mich stört, wenn Eltern übervorsichtig mit ihren Kindern umgehen und sie nicht zur Entfaltung kommen lassen, weil sie alles kontrollieren müssen.

Bedeutet Ihnen die Zahl 70 etwas?
Überhaupt nicht. Ich bin froh, dass mein Leben mit Christian und unseren Kindern so war, wie wir es uns gestalten konnten. Ich bin sehr glücklich, dass ich so viel erleben durfte.

Und Wünsche für die Zukunft?
Ich habe vor zehn Jahren zum Sechzigsten gesagt, dass ich froh bin um jeden Tag, an dem ich in der Früh aufwache. Und das gilt natürlich jetzt auch noch. Ich lasse mich überraschen. Ich freue mich sehr auf das, was jetzt noch kommt. Vor allem darauf, unsere Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Und das hoffentlich noch ganz, ganz lang.

Lesen Sie hier: Marco Sturm im Interview - "Leon Draisaitl hat alles überstrahlt"

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