Interview

Neureuther zieht alarmierendes Olympia-Fazit: "Medaillenspiegel sollte uns wachrütteln"

Christian Neureuther spricht in der Abendzeitung über (verpasste) Emotionen bei den laufenden Winterspielen und über das deutsche Abschneiden. Er stellt die Wertigkeit von Sport zur Debatte.
Thomas Becker |
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Christian Neureuther zieht zum Ende der Olympischen Winterspiele ein ernüchterndes Fazit bezüglich der Leistungen der deutschen Athleten.
Christian Neureuther zieht zum Ende der Olympischen Winterspiele ein ernüchterndes Fazit bezüglich der Leistungen der deutschen Athleten. © IMAGO/B. Lindenthaler

AZ: Herr Neureuther, schön, dass Sie ans Telefon gehen! Wo erwischen wir Sie gerade?
CHRISTIAN NEUREUTHER: Bin auf dem Weg zur Piste. Es hat frisch geschneit, und in Cortina kommt gerade die Sonne raus.

Oh, dann machen wir’s kurz. Seit wann sind Sie in Cortina, und was haben Sie erlebt?
Ich bin seit Sonntag da, hab’ Ski alpin, Curling und Bobfahren erlebt, alles, was hier zu sehen war.

Wie war die Stimmung vor Ort?
Ich habe ja bis auf die letzten beiden Spiele in Asien seit 1968 alle Winterspiele vor Ort erlebt, damals noch in Grenoble im Jugendlager des Nationalen Olympischen Komitees. Als Athlet war ich 1972 in Sapporo, 1976 in Innsbruck und 1980 in Lake Placid dabei, danach als TV-Experte oder Presse-Attaché der deutschen Mannschaft. Dass es absolut sinnvoll war, mit den Winterspielen wieder zurück nach Europa und damit zum Ursprung des Wintersports zu kommen, darüber sind wir uns alle einig. All diese Emotionen um Lindsey Vonn, Federica Brignone, Lucas Peinheiro, Emma Aicher, aber auch Lena Dürr: Das ist es, was für mich Olympia ausmacht. Und da gehören leider auch solche Einfädler dazu. Diese Emotionen und die Begeisterung der Menschen zu erleben, ist doch das Entscheidende, dem sich alles unterzuordnen hat.

Hätte, muss man wohl sagen.
Ja, aber die Entscheider stecken halt schon in Zwängen drin. Die nun erlebte Dezentralisierung gilt es künftig möglichst zu vermeiden. Nach Bormio hätte man zum Beispiel nicht gehen müssen, sondern wie bei der WM 2021 auch mit den Männern in Cortina fahren sollen.

Neureuther: Das muss das IOC bei den nächsten Spielen besser machen

Bormio war eine Entscheidung der Politik, nicht des Sports!
Genau, aber aus diesen Zwängen wird auch die neue IOC-Chefin Kirsty Coventry nie rauskommen, weil es sowohl im IOC als auch im jeweiligen Veranstalterland so viele Interessen gibt. Bei den nächsten Spielen 2030 in Frankreich werden die Eis-Wettbewerbe in Nizza stattfinden, die Bobbahn wird in La Plagne sein, die alpinen Wettbewerbe in Meribel und Courchevel - solche Kompromisse muss man in der heutigen Zeit eingehen. 2034 wird es wieder sehr schön werden: Von den Ski-Bewerben in Park City runter nach Salt Lake City fährt man nur 45 Minuten.

Auch an den Eintrittspreisen müsste sich etwas ändern. In Cortina kostete ein Stehplatz-Ticket 300 Euro – wer soll sich das leisten können?
Die Stadien müssen voll sein. Da dürfen keine Plätze leer sein. Wenn 24 oder 48 Stunden vorher manche Tickets nicht verkauft sind, würde ich ein Jugend-Auswahlverfahren schaffen: kostenlose Tickets für den Nachwuchs, damit die Stadien voll sind und Stimmung da ist. Mein zugegeben etwas esoterischer Ansatz ist da: Geld ist nicht immer alles. Aber leider ordnet sich halt immer alles dem Geld unter. Was heuer versäumt wurde: Für die Siegerehrungen muss es eine Medal Plaza geben! Am Abend im Ort, nicht gleich im Ziel, wo sich die Zuschauer schon auf den Heimweg machen. Das muss man zelebrieren, mit Nationalhymne, Podest und allem. Das sind doch mit die emotionalsten Augenblicke!

Slalom-Drama um Dürr: "Lena hat der Gesellschaft etwas gezeigt"

Emotional wurde es auch bei den Lena-Dürr-Dramen in Slalom und Riesenslalom. . .
Auch wenn sie dramatisch am ersten Tor ausgeschieden ist, hat die Lena auch der Gesellschaft etwas gezeigt, hat sich nach ihrer Krise im Januar nicht auf die Couch verzogen, sondern weiter ihre Ziele und Träume verfolgt – insofern ist sie da auch ein Vorbild für den Nachwuchs. Wie sie dann auch mit dieser Niederlage umgegangen ist, sich den Interviews gestellt hat! Das gehört zum Sport dazu.

Auch beim Ski-Löwen Linus Straßer kam in Bormio so einiges an Emotion hoch. . .
Bormio war ein Fehler. Das Umfeld dort war schon sehr unglücklich; das haben ja viele Athleten gesagt. Beim Linus kam einiges zusammen: Wenn du dein Ziel nicht erreicht hast und nicht auf dem Stockerl stehst, dann deinen Kumpel AJ Ginnis bei dessen letztem Rennen im Ziel umarmen willst, aber daran gehindert wirst, dann kommt da alles raus an Frust, was du in den Tagen zuvor schon erlebt hast.

Wie fällt Ihr Fazit zum deutschen Team aus rein sportlicher Sicht aus?
Wir sind schon sehr kufenlastig. Als einziges Land weltweit haben wir vier Bobbahnen – wo Möglichkeiten sind, sind wir sehr stark, auch durch unsere Wissenschaftlichkeit, wie man Bobs und Schlitten baut. Aber generell muss man sich in Gremien wie dem Sportausschuss des Bundestages die Frage stellen, ob wir in der Politik dem Sport wirklich die nötige Wertigkeit geben. Der Medaillenspiegel zeigt, dass wir schon im Schulsport keine Breite aufbauen, dass die Sportstunde immer noch die erste ist, die gestrichen wird, und das ist der völlig falsche Ansatz. Aus dieser Breite kommt letztlich eine gesellschaftliche Gesundheit heraus, die Kinder und Jugendliche ein Leben lang prägt. Und es kommt auch Spitzensport heraus. In Kanada und Norwegen steht die tägliche Sportstunde im Grundgesetz. Dieser Medaillenspiegel sollte uns wachrütteln, damit wir den Sport breiter aufstellen, angefangen in den Kitas und Volksschulen.

Deutschland bewirbt sich für Olympia – allerdings für die Sommer-Spiele

Wie optimistisch sind Sie, dass sich da etwas tut?
Es hilft ja nichts, man muss es immer wieder sagen. Die Politik ist sehr träge und reagiert nur auf Vier-Jahres-Zyklen. Aber es geht nicht nur um Medaillen, sondern um gesellschaftliche Probleme wie KI und Social Media, um Kinder, die nur noch vor dem Bildschirm sitzen und sich nicht mehr bewegen. Das wird uns in der Zukunft einholen, mit einem Gesundheitssystem, das jetzt schon nicht mehr bezahlbar ist.

Nun gibt es ja wieder eine deutsche Olympia-Bewerbung, allerdings für den Sommer, obwohl Olympische Winterspiele mit München, Garmisch und Berchtesgaden wohl wesentlich einfacher zu haben wären, oder?
Guter Ansatz, aber die Sommer-Bewerbung hat nun Priorität, egal ob in München, Hamburg, Berlin oder dem Ruhrgebiet. Es geht darum, dass wir mit einer Bewerbung etwas verändern, unsere Sporthallen modernisieren und Bewegungsprojekte anschieben können, dass wir nicht länger die schlechtesten Schwimmbäder und Turnhallen haben. Ich hoffe nur, dass nicht irgendwann Winterspiele nach Katar oder Saudi-Arabien vergeben werden, nur weil da jemand sehr viel Geld hat. Aber vielleicht ist das auch naiv. Ich glaube jedenfalls immer noch an das Gute.

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  • brauxtnix vor 45 Minuten / Bewertung:

    Alter Laberfritze, bla bla bla

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  • Der Münchner vor 37 Minuten / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von brauxtnix

    Mag ja Blabla sein, aber im Großen und Ganzen hat Er recht!

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  • Himbeer-Toni vor einer Stunde / Bewertung:

    Werter Herr Neureuther:
    Deutschland hat sich mittlerweile etwas anderes auf die Fahne geschrieben als olympische Medaillen.

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