Münchnerin startet für Südafrika bei Olympia: "Dirndl, Brezn, Blasmusik – das ist für mich ein Wohlfühl-Faktor"
AZ: Frau Markthaler, als gebürtige Münchnerin starten Sie bei Olympia für Südafrika – das müssen Sie uns jetzt bitte mal erklären.
LARA MARKTHALER: Ich mach’ mal nen Overview. Wir haben ja bis jetzt ein bisschen ungewöhnliches Leben. Aufgewachsen bin ich in Schwabing. Da wohnt auch noch meine Oma. Meine Mutter ist Südafrikanerin, daher bin ich zweisprachig aufgewachsen. Die Familie lebt auch noch da, in Durban und Johannesburg. Die ersten Schwünge auf Skiern hab’ ich an einem Hügel bei Dachau gemacht, mit eineinhalb hat meine Bike–Karriere begonnen, mit dem Laufrad im Englischen Garten und im Olympiapark. Damals ein bisschen erzwungen von meinem Vater, aber irgendwann hat’s dann auch Spaß gemacht.
Papa Christian ist früher selbst Ski–Rennen gefahren…
Er trainiert mich auch heute noch. 2015, als ich acht war, hat er seine Firma verkauft, und wir sind nach Kanada ausgewandert, nach Whistler. Ich kannte es schon von einigen Urlauben, aber natürlich war es schon anders. München ist schon noch Zuhause für mich, ein Wohlfühl–Faktor. Dirndl und Lederhose: Das ist toll. Blasmusik, Brezn, Oktoberfest: einfach ein gutes Gefühl. Kanada war sehr viel wilder. Damals war ich auf Skiern und Bike schon ziemlich gut, sodass mich Papa für die ersten Downhill–Mountainbike–Rennen angemeldet hat. Da hab’ ich gleich so ziemlich alles abgeräumt, sechs Crankworx–Goldmedaillen gewonnen. Auf der A–Line in Whistler hab’ ich der US–Meisterin 14 Sekunden abgenommen, woraufhin sie sich beschwerte: ‚Die Zeit stimmt nicht!’ Beim Skifahren lief’s ähnlich. Mit zwölf bin ich in Whistler in den Skiklub, war davor immer nur Freeriden und im Park. Da habe ich dann zum ersten Mal Stangen gesehen – in den Dolomiten geht’s ja schon mit U6 oder U8 los. In Kanada ist der Konkurrenzdruck bei Weitem nicht so groß.
So passen Sport und Schule unter einen Hut
Nach fünf Jahren ging es dann aber wieder zurück Richtung Alte Welt.
Nachdem es auch im Ski–Rennlauf so gut lief, kam irgendwann die Idee auf, das so richtig zu versuchen. Wir haben das Haus verkauft, unser Hab und Gut per Container verschifft, sind mit One–way–Ticket nach Europa geflogen und Ende 2019 in Soraga, im Val di Fassa in den Dolomiten gelandet, in einer Trainingsgruppe des ehemaligen Lindsey–Vonn Coaches, zu der damals auch Alice Robinson gehörte.

Dann kam Covid…
Das Fassa–Tal hat rund 60.000 Gästebetten – innerhalb von zwei Tagen war das ganze Tal leer. Wir hatten kaum etwas dabei, war alles noch im Container unterwegs. Das war schon krass: von Vollgas–Training zu sechs Wochen Nichtstun. Aber wir haben’s ganz gut überstanden. Nach all den Lockdowns sind wir dann nach Innsbruck gezogen. Durch Corona sind wir zu Ski–Nomaden geworden.
Und die Mama hat alles mitgemacht?
Wir waren ein Familien–Team, aber in Österreich haben sich meine Eltern dann getrennt. Sie war mit 28 aus Südafrika nach München gezogen, hatte mit Skifahren also nichts am Hut, war früher in den südafrikanischen Nationalteams im Schwimmen und Turnen.
Wie passt Schulunterricht in dieses wilde Leben?
Online-Unterricht, seit ich zehn oder elf war. Das haben da viele Athleten gemacht, weil sich Schule und Sport nur schwer verbinden lassen. Ich stehe 160 bis 180 Tage pro Jahr auf Skiern, habe in jedem Winter rund 40 Rennen, reise total viel. Die letzten drei Jahre haben wir im Sommer zwei Monate zum Training in Chile verbracht – das geht nicht ohne flexibles Schulsystem. Der Abschluss entspricht dann dem Abitur oder einem US-Highschool-Abschluss. Jetzt stecke ich erstmal alle Energie ins Skifahren.
Das südafrikanische Ski–Team besteht aus Markthaler und ihrem Vater
Mit 16 mussten Sie sich entscheiden, für welche Nation Sie starten. Warum Südafrika?
Wenn ich für Deutschland hätte fahren wollen, hätte ich ins deutsche Schulsystem wechseln müssen, ans Ski–Internat in Berchtesgaden – schwierig.

Wie groß ist das südafrikanische Ski–Team?
Papa und ich sind das ganze Team! Es gibt auch ein Skigebiet dort: Tiffindell in den südlichen Drakensbergen. Das musste jedoch mit Corona schließen und hat jetzt kein Geld für Beschneiung. Gekauft hatte das der Präsident des südafrikanischen Skiverbands, ein Deutscher: Peter Pilz aus Freiburg.
Wie viele südafrikanische Teilnehmer wird es bei Olympia in Cortina geben?
Außer mir sind bislang fix noch eine Skeleton–Fahrerin, ein Langläufer und ein Alpin–Fahrer dabei, vielleicht noch ein Snowboard–Freestyler und ein Buckelpistenfahrer. Die leben allerdings in Schweden oder der Schweiz. Es ist auf jeden Fall die größte Mannschaft, die Südafrika je zu Winter–Olympia geschickt hat.

Da stehen Ihre Chancen, Fahnenträgerin zu werden ja nicht schlecht!
Bei den Olympischen Spielen der Jugend in Südkorea durfte ich sie schon mal tragen. Da war ich aber auch die einzige Südafrikanerin.
Derzeit bestreiten Sie vor allem National Junior Races, sozusagen U21–Fis–Rennen, auch um Punkte zu sammeln als Qualifikation für Weltmeisterschaften oder Olympia, korrekt?
Das Punktesystem funktioniert so: Wer einen Weltcup gewinnt, steht bei null Punkten, alle dahinter bekommen sozusagen Strafpunkte. Für Olympia darf man nicht mehr als 120 Punkte haben – ich stehe derzeit bei 35, also alles gut.
Markthaler zielt bereits auf den Weltcup
Bei der WM in Saalbach haben Sie mit Platz 29 im Slalom das beste Ergebnis eines südafrikanischen Skifahrers bei einem Großereignis erreicht.
An meinem 18. Geburtstag! Von 115 Läuferinnen kamen im ersten Lauf nur 45 ins Ziel. Die vor mir ist direkt rausgeflogen, und ich dachte mir: ‚Nee, nicht mit mir!’ Papa hat raufgefunkt: ‚Lara, ankommen!’ Und dann hat mir unten das ganze Stadion ein Geburtstags–Ständchen gesungen! Wie morgens um acht bei der Besichtigung, als das ORF–Team für mich gesungen hat – da sind mir schon die ersten Tränen runtergelaufen.

Das gab danach sicher eine wilde Party?
Überhaupt nicht. Ich bin mit meiner besten Freundin los, aber Saalbach war leer. Aber ich hatte eh am nächsten Morgen gleich um acht ein Interview.
Wie sieht nun Ihr Plan für die nähere Zukunft aus?
Das Ziel ist schon der Weltcup – und dort etwas reißen. Mit meinem festen Startplatz für Südafrika könnte ich jetzt schon Weltcup fahren, habe mich nun auch für Anfang Januar für den Nacht–Slalom in Flachau eingeschrieben. Mit den Fis–Rennen versuche ich nun meine Punkte zu verbessern, um eine bessere Startnummer zu bekommen. Das heißt jetzt: sechs Tage die Woche Training und Rennen.
Schon aufgeregt?
Bisschen schon. Und kurz darauf Olympia, Slalom und Riesenslalom – und Letzterer ist auch noch an meinem Geburtstag!
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