Interview

Hochsprung-Queen Ulrike Nasse-Meyfarth: "Wie im Märchenfilm"

Hochsprung-Queen Ulrike Nasse-Meyfarth spricht in der AZ über ihre Goldmedaille mit erst 16 Jahren in München, das Attentat am Tag danach - und ihren Olympiasieg zwölf Jahre später in Los Angeles.
| Martin Wimösterer
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Die deutsche Hochsprung-Legende Ulrike Nasse-Meyfarth. (Archivbild)
Die deutsche Hochsprung-Legende Ulrike Nasse-Meyfarth. (Archivbild) © IMAGO / Eventpress

München - AZ-Interview mit Ulrike Nasse-Meyfarth: Die jetzt 65-Jährige gewann bei den Olympischen Spielen 1972 in München sensationell Gold im Hochsprung, zwölf Jahre später bei den Spielen in Los Angeles holte sie sich erneut den Olympiasieg.

AZ: Frau Nasse-Meyfarth, diese Olympischen Spiele in Tokio gehen zu Ende, Sie sind mit Ihren beiden Goldmedaillen im Hochsprung eine Legende der olympischen Geschichte. Wenn Sie zurückblicken: Was war Ihr schönster Olympia-Moment?
ULRIKE NASSE-MEYFARTH: Da reden wir über meine Goldmedaille im Hochsprung bei den Spielen in München. 1972 war eine einmalige Sache. Das erwartete keiner von mir, ich am allerwenigsten. Ich war verwundert, dass mein Name auf den Anzeigetafeln stetig nach oben kletterte. Ich kam mir vor wie in einem Film.

Einem Märchenfilm.
So kann man das sagen, ja.

Nasse-Meyfarth: Olympia in München war ein Heimspiel

Mit welchen Erwartungen gingen Sie denn ganz persönlich in das Turnier?
Mit gar keinen. Ich war Dritte bei den Deutschen Meisterschaften geworden und hatte eine Bestleistung von 1,85 Metern.

Sie steigerten sich bei den Spielen auf 1,92 Meter.
Ich hatte gute Nerven und wuchs über mich hinaus. So lässt sich das erklären. Am Ende stand ich ganz oben auf dem Podest.

Sie waren 16 Jahre jung. Hat Sie das große Turnier vor 80.000 Zuschauern im Olympiastadion nicht verunsichert?
Ich hatte ein Heimspiel. Wir waren bei der Eröffnungsfeier dabei und sind einmarschiert, doch Hochsprung ist spät im Programm. Zwei Wochen im olympischen Dorf zu sein, das wäre kontraproduktiv. Einige Athleten sind da schon fertig und feiern. Wir Hochspringerinnen hatten vor den Wettkämpfen ein Trainingslager in Schongau. Wir trainierten moderat und segelten auf dem Ammersee. Es war eine ruhige Zeit.

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Sie hatten sich damals selbst diesen Abstand organisiert?
Ich ließ mich rumorganisieren. Auch in Los Angeles 1984 war das so, dass wir nicht im Olympiadorf waren.

Nasse-Meyfarth: Die Goldmedaille in München kam zu früh

Sie schreiben in Ihrer Biografie über die Goldmedaille in München: "Ich verfluche diesen Tag." Was meinen Sie damit?
Es ging zu schnell. Viel zu schnell. Ich hatte das Gefühl, das nicht verdient zu haben, mir nicht erarbeitet zu haben. Und wenn man immer darauf zurückgeworfen wurde...

Und wir sprechen darüber. Belastet Sie das?
Ach, gar nicht. Ich arbeitete dann auch weiter, das war mein innerer Antrieb, noch einmal Gold zu gewinnen.

Dieses Ziel haben Sie zwölf Jahre später erreicht. Nach Niederschlägen und den Spielen 1980, die für die westlichen Sportler wegen eines Boykotts ausfielen. Warum ist das nicht Ihr schönster persönlicher Olympia-Moment, sondern doch 1972 mit all seinen negativen Nebeneffekten?
Auf 1972 werde ich immer noch angesprochen. Ich wurde auch von einem bayerischen Museum kontaktiert, das zum Jubiläum - 50 Jahre Olympische Spiele in München - eine Ausstellung machen will. Es werden viele Erinnerungen wach.

"Der Terror kam am Tag nach meiner Goldmedaille"

Welche?
Die Architektur des Olympiaparks, sie hat Maßstäbe gesetzt. Auch das Olympia-Design von Otl Aicher war innovativ. Das sehe ich bis heute gerne. Die Zuschauer, deren Unterstützung ich erst im Nachhinein wertzuschätzen wusste, kommen mir ebenso in den Sinn. Der Wettkampf, bei dem ich Gold gewann. Und auch das Attentat gehört unverrückbar zu den Spielen. Das wird heute oft vergessen. Der Terror kam am Tag nach meiner Goldmedaille. Einerseits die Freude, andererseits die Geiselnahme und die Toten. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte.

Sie wirken nun als Trainerin bei Bayer Leverkusen. Wie bereiten Sie junge Leute auf die Erwartungen der Öffentlichkeit vor?
Ich habe Schüler, sie sind höchstens elf Jahre alt. Bis sie sich durchgebissen haben, bin ich lange vergessen. (lacht) Sie holen sich dann Rat bei ihrem Manager.

Sie sagten mal, Sie hätten lieber mit der Deutschen Presse-Agentur gesprochen als mit der "Bild"-Zeitung, Ihre Eltern entschieden es aber umgekehrt. Kann man sagen, dass der Profisport aus Ihren Erfahrungen gelernt hat, dass man junge Sportler vor dem Interesse der Öffentlichkeit stärker schützen sollte?
Damals gab es noch keinen Profisport. (lacht) Wir waren blutige Amateure. Wir waren auf uns gestellt, wir hatten keine Manager, die sagten: Das machst du, das lehnst du ab. Der Amateursparagraph fiel erst 1983. Danach war auch nicht immer alles seriös. Der Sport hat aus dieser Erfahrung nicht gelernt.

Corona beeinflusst auch die Leichtathletik

Wie hat die Corona-Pandemie Ihre Trainingsstunden beeinflusst?
Im Schülerbereich hatten wir schon länger wieder Training, wenn auch nur draußen unter freiem Himmel. Als die Restriktionen noch strenger waren, bildeten wir Fünfer-Gruppen, da brauchten wir mehr Betreuer. Wir hatten zwei Saisons keine Wettkämpfe. Da war es schwer, mit den Schülern auf ein Ziel hinzuarbeiten. Ich habe sie dann intern selbst gesteckt.

Wie wirkt sich die Pandemie perspektivisch auf die Leichtathletik aus?
Ich weiß es nicht. Man sagt, es gibt nun viele dicke Kinder. Das wären aber wohl ohnehin nicht die, die sich für die Leichtathletik interessiert hätten.

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