Interview

Christian Schenk zum Kaul-Aus: "Auf dem Niveau ist der Körper ständig am Limit"

Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk spricht in der AZ über das bittere Tokio-Aus von Niklas Kaul, mentale Probleme - und warum er nicht glaubt, dass Olympia je wieder in Deutschland stattfinden wird.
| Thomas Becker
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Das bittere Ende einer olympischen Reise: Die Spiele in Tokio musste Niklas Kaul wegen einer Verletzung bereits früh beenden.
Das bittere Ende einer olympischen Reise: Die Spiele in Tokio musste Niklas Kaul wegen einer Verletzung bereits früh beenden. © picture alliance/dpa/XinHua

AZ-Interview mit Christian Schenk. Der jetzt 56-Jährige holte bei den Olympischen Spielen 1988 die Goldmedaille im Zehnkampf. Er arbeitet nun als Landestrainer für Para-Leichtathletik.

Christian Schenk.
Christian Schenk. © Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

AZ: Herr Schenk, Weltmeister Niklas Kaul hätte in Tokio der erste deutsche Zehnkampf-Olympiasieger seit 33 Jahren werden können - seit Ihrem Triumph in Seoul 1988. Was sagen Sie zu seinem dramatischen Aus im Rollstuhl?
CHRISTIAN SCHENK: Das ist natürlich brutal ärgerlich. Er hat in den ersten Disziplinen wider Erwarten wirklich gute Leistungen gebracht und war auf dem Weg, seine 8.600 Punkte zu wiederholen - und das bei Olympischen Spielen: Respekt! Man weiß jetzt nicht, ob er wieder 80 Meter Speerwerfen kann, aber dieser erste Tag war schon super.

"Wettkampf ist so eine hohe Belastung"

Wie ist seine Verletzung am Sprunggelenk zu erklären?
So etwas ist ganz bitter. Ich kann aus der Ferne nicht sagen, was genau mit seinem Sprunggelenk los war, aber wenn das blutig war, ist das natürlich überhaupt nicht lustig. Dass er es nach der Verletzung im letzten Hochsprung doch noch im 400m-Lauf versucht hat, zeugt von seinem Kampfgeist. Aber 2,11m ist schon richtig gut - er ist ja schließlich nicht der Allergrößte. Aber an dieser Verletzung sieht man eben: Wettkampf ist so eine hohe Belastung, die man kaum trainieren kann. Die letzten fünf Jahre - mit Ausnahme des Corona-Jahres - hat er ja stabil Wettkämpfe geliefert. Aber auf dem Niveau, auf dem er sich jetzt bewegt, ist der Körper ständig am Limit.

Waren es womöglich zu viele Sprünge bis zur Bestleistung von 2,11m?
So was kann ein Zehnkämpfer schon ab. Aber diese Intensität kann man eben schwer trainieren. Ich selbst als Olympiasieger kann sagen: Das Können und das Glück zu haben, dass alles zusammen passt, und das bei Olympischen Spielen, das ist ein Geschenk - und eine erfüllte Fleißaufgabe.

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Christian Schenk leidet an bipolarer Störung

Sie haben in ihrem Leben selbst viele Aufs und Abs erlebt. Haben Sie die bipolare Störung, die 2009 diagnostiziert wurde, aktuell im Griff?
Ich bin seit Oktober in Rostock Landestrainer für Para-Leichtathletik, was sehr erfüllend ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es mal einen Job gibt, wo ich kreativ, sportlich, netzwerkend, hochwertig und pädagogisch tätig sein kann. Gesundheitlich geht es mir gut dabei. Ich hätte auch nicht gedacht, dass es so bedeutsam ist, in der Heimat zu sein, dass einem durch Freundeskreise Stabilität widerfährt. Seit zwei Jahren bin ich gut beieinander.

Klingt gut. Zurück zum Sport: Wenn Sie Olympia verfolgen - was kommt da als Zehnkampf-Olympiasieger von 1988 alles hoch?
Stolz, dass man es als junger Mensch wirklich geschafft hat, viel zu trainieren und im entscheidenden Moment Bestleistung abzurufen. Auch nach 35 Jahren wird man immer noch gegrüßt wegen der Leistung von damals. Für mich ist bedeutsam, dass ich diese Struktur, wie man so einen Erfolg erlangt, im späteren Leben beruflich komplett adaptieren konnte. Es ist schwierig, wenn man in jungen Jahren einen Oscar bekommt - und gefährlich, mit dem Anspruch, der damit einhergeht, leben zu müssen.

Zehnkämpfer-Geschichte: Christian Schenk 1988 in Seoul.
Zehnkämpfer-Geschichte: Christian Schenk 1988 in Seoul. © imago images/Sven Simon

"Olympia in Deutschland wird es nicht mehr geben"

Wie erleben Sie die Corona-Spiele von Tokio?
Ohne Zuschauer fehlt was, aber das könnte für einige heilsam sein, denn die meisten trainieren ja ohne Zuschauer - da kann man sehr konzentriert arbeiten. Man braucht natürlich Adrenalin, aber das hat man automatisch, wenn nur alle vier Jahre Olympia ist. Einige sind überfordert, wenn 80.000 im Stadion durch die Gegend brüllen. Wir haben damals teilweise bei 100, 120 Dezibel Beschallung trainiert, um das zu simulieren. Man kann ja nicht sagen: 'Psst, seid mal leise, ich muss mich konzentrieren!'

Wie sehen Sie die Leistungen der deutschen Athleten?
Wir haben eine leicht fallende Tendenz in den Ergebnissen, seit 12 oder 16 Jahren. Die Frage ist: Reicht das? Dann bleibt man auf dem Level von Platz 10 oder 12. Oder braucht man eine rigorose Veränderung? Robert Harting meinte neulich, man brauche drei Milliarden Euro, um das mal richtig auf die Beine zu stellen. Das machst du aber nur dann, wenn du Olympische Spiele bekommst. In der Bevölkerung haben weniger als 50 Prozent Interesse daran, weil sie nur die Kosten sehen - nicht den Mehrwert. Deshalb wird Olympia in Deutschland nicht mehr passieren, und alles wird so bleiben. Ich glaube nicht, dass sich die Parteien mal geschlossen für Hochleistungssport aussprechen werden.

Erfolge also nur durch Ausnahmesportler, nach dem Zufallsprinzip?
Es ist nicht geplant. Es hängt auch mit der Frage zusammen: Warum sollte ein Jugendlicher das machen? Welchen Mehrwert erlangt er? Als Zehn- oder Zwölfjähriger hat man noch keine monetären Vorstellungen - mit 16 oder 18 schon. Irgendwann werden auch die Eltern sagen: 'Warum?' Im Schnitt bekommen Olympia-Athleten 1.500 bis 2.500 Euro netto von der Sporthilfe - wenn man sich das auf dem Zeitstrahl bis etwa 30 ansieht, ist das nicht so toll.

"Paris möchte ich mit drei meiner Athleten schaffen"

Wie groß ist derzeit der Zulauf in der Leichtathletik?
Bei der Para-Leichtathletik in Rostock gut, weil eine Struktur da ist mit tollen Rahmenbedingungen. Bei mir werden zum neuen Schuljahr fünf bis sieben Para-Leichtathleten trainieren. Eine Sprinterin aus Mecklenburg-Vorpommern ist jetzt in Tokio mit Medaillenchancen dabei, eine Keulenwerferin hat Olympia verpasst, peilt aber Paris 2024 an.

Sie könnten also 36 Jahre nach Ihrem Olympiasieg wieder an einer olympischen Eröffnungsfeier teilnehmen!
Das wär' was! Paris möchte ich mit drei meiner Athleten schaffen. Mit denen will ich schon auf den Champs Élysées Kaffee trinken.

Wie intensiv verfolgen Sie die Spiele in Tokio?
Es ist ärgerlich für die Athleten, dass in der Primetime von 19 bis 22 Uhr nichts ist. Ich muss ehrlich sagen, dass ich eher im Internet schaue, was gerade gelaufen ist. Live? Fast gar nichts. Da ist anderes wichtiger. Auch erstaunlich, wenn man bedenkt, was ich mit Olympia verbinde.

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