Rudi Assauer: Eine Zeitreise durch den Nebel

Schalke-Legende Rudi Assauer ist mit 74 Jahren an Alzheimer verstorben. Hier verabschiedet sich AZ-Reporter Patrick Strasser, der dessen Autobiografie "Wie ausgewechselt" verfasst hat.
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Rudi Assauer (r.) mit AZ-Reporter Patrick Strasser, Autor der Autobiografie "Wie ausgewechselt".
Rudi Assauer (r.) mit AZ-Reporter Patrick Strasser, Autor der Autobiografie "Wie ausgewechselt". © Ralf R. Hundt

München/Gelsenkirchen - Hausnummer 74, das muss es sein. So wurde mir die Villa beschrieben. Ein freistehendes Anwesen in Gelsenkirchen-Buer, ein Backsteinhaus. Ich klingle. Die weiße Tür geht auf, da steht er. Im Anzug, feinster Zwirn.

"Kommen Sie herein, wir haben Sie erwartet", sagt Rudi Assauer. Er streckt mir die Hand entgegen. Fester, entschlossener Händedruck. Passend zum Bild, das ich von diesem Mann hatte. Eine sehr förmliche Atmosphäre. Ist ja ein Geschäftstermin, unser erstes Treffen zur Arbeit an Assauers Autobiografie "Wie ausgewechselt". Damals, 2011, als die schreckliche Demenz begann, sich in sein Hirn zu schleichen und seine Erinnerungen verblassen zu lassen. Sein Leben rieselte durch eine Sanduhr, Korn für Korn. Das Buch – ein Wettlauf mit der Zeit, gegen die Krankheit. Es war sein ausdrücklicher Wunsch und der seiner Familie, mittels der Autobiografie mit dem Thema Alzheimer an die Öffentlichkeit zu gehen.

Rudi Assauer (r.) mit AZ-Reporter Patrick Strasser, Autor der Autobiografie "Wie ausgewechselt".
Rudi Assauer (r.) mit AZ-Reporter Patrick Strasser, Autor der Autobiografie "Wie ausgewechselt". © Ralf R. Hundt

Assauer, 67 Jahre alt, die man ihm damals nicht ansieht, macht nach der Begrüßung kehrt. Er geht nicht, er schreitet durch die Räume. Seine damalige Frau Britta, Tochter Bettina und Frau Söldner, Assauers langjährige Schalke-Sekretärin, begrüßen mich herzlich. Wir beschnuppern uns, alle drei Damen duzen mich sofort. Der, um den es geht, sitzt etwas verloren auf der weißen Couch im Wohnzimmer, starrt durch die Glastürfront auf die Terrasse. Sie nennen ihn, je nach Perspektive: Hase, Papa oder Chef. Für mich bleibt er Herr Assauer, bis heute. (Lesen Sie auch: Du wirst fehlen - Simone Thomalla trauert um Rudi Assauer)

Selbst die Familie musste sich Schalke unterordnen

Er, Mister Schalke. Königsblauer Macher, Macho. Ein Lebemann. Kind der Bundesliga. Mit Borussia Dortmund gewann er 1966 als Spieler den Europapokal der Pokalsieger. Der eisenharte Verteidiger spielte auch für Bremen, wechselte dort ins Management. Noch bevor Uli Hoeneß bei Bayern sich selbst ausbildete, hatte Assauer den Job des Klubmanagers erfunden. Er ging nach Schalke, mit allen Höhen und Tiefen, Rauswurf und Rückkehr inklusive. Leben & Leiden in 18 Jahren. "Entweder ich schaffe Schalke, oder Schalke schafft mich", sagte er.

"Dann wollen wir mal. An die Arbeit!" Wir setzen uns an seinen riesigen Schreibtisch im Arbeitszimmer. Souvenirs seines Schaffens auf dem Holztisch und in den Regalen. Abfahrt zur Zeitreise. Nicht ohne sein Markenzeichen. Er nestelt an seiner Zigarrentasche, entflammt eine "Davidoff Grand Cru No.3". "Sie rauchen?" – "Nein, danke." Ich sitze im Nebel, versuche ständig, Husten zu unterdrücken. Assauer erzählt offen, mit Details, lacht. Er springt zwischen den Jahrzehnten hin und her. Was für ein Leben.

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Assauer war ein Arbeiter. Raue Schale, manchmal ganz rauer Kern. Selbst die Familie musste sich ihm und dem Job unterordnen. Wer Schalke angriff, hatte Assauer zum Feind. Er verteidigte sein Reich, sein Revier, sein Umfeld – und, wenn es drauf ankam, seine Familie. "Kaschmir-Hooligan", nannte ihn Dortmunds Manager Michael Meier. Assauer wurde respektiert, geliebt, gehasst.

Wieder an der Tür, der zweite Besuch, wenige Wochen später. Er öffnet. "Ach, Sie schon wieder! Der Münchner! Hereinspaziert." Assauer gibt sich eine Spur herzlicher, aber immer noch distanziert. Wir tauchen ab in sein Leben, die Damen reichen Kaffee und Kekse. "Stumpen-Rudi" nebelt mich wieder ein, ich gewöhne mich daran. Kopfweh als Nebenwirkung. Hin und wieder vergisst er Zusammenhänge, wirkt fahriger als beim ersten Treffen. Ich habe Fotos aus seiner Karriere dabei, das hilft. Dennoch spüre ich: Die Zeit läuft.

Mit der Zeit wurden die Treffen mit Assauer herzlicher

Assauer hat Schalke vor der Pleite gerettet, Trainer Huub Stevens engagiert, man gewann 1997 den Uefa-Pokal. Der Pott war im Pott. Sein Ding. Das Kind der Bundesliga wurde zum Vater eines Vereins, den er mit dem Bau eines hochmodernen Stadions in die Zukunft führte. Er, aufgewachsen im westfälischen Herten, ein Bergarbeitersohn, zwischendrin liiert mit Schauspielerin Simone Thomalla ("Vom Fußball hat sie keine Ahnung, aber sonst ist die Alte schwer in Ordnung"). Auch Glamour konnte er.

Wieder ein Besuch, ein paar Monate und viele Treffen später: Assauer öffnet die Tür einen Spalt, lugt hindurch. "Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wir kaufen nichts." Er macht zu. Von drinnen höre ich sein Lachen. Er öffnet die Türe, versucht böse zu schauen, grinst, klopft mir auf die Schulter. Der Schelm. Tochter Bettina lacht sich schlapp: "So isser. Der Papa, unser Chef, immer ordentlich Spaß inne Backen."

Die Treffen werden herzlich, die Gespräche schwierig. Seine Geduld ist bewundernswert, wenn ich immer wieder nachhake. Ich spüre, dass er sich schämt.

Wie der Alzheimer den Macho Assauer brach

Aus der Öffentlichkeit hat er sich nach und nach zurückgezogen. Die Restaurant-Besuche werden seltener. Es strengt ihn an, seine Frauen, die sich liebevoll um ihn kümmern, noch mehr. Assauer ist in der schlimmsten Phase der Krankheit angekommen. Die Phase, in der die Patienten noch merken, was mit ihnen passiert, wenn sie nicht mehr auf Namen kommen, Wortfindungsstörungen haben. In einem Moment erzählt er detailliert von seiner Bremer Zeit. 30 Minuten später weiß er nicht, dass die Stadt, in der er zwölf Jahre gelebt hat, Bremen heißt. Wir schauen Fußball – Schalke. Wenn S04 ein Tor schießt, springt er auf, jubelt. Ich nicke ihm zu. Es läuft das Spiel vom Vortag.

Einer der letzten Besuche, knapp ein Jahr nach Beginn. Assauer kommt nach seiner Tochter zur Tür, wirkt schwach, ist dünner. Doch der Anzug ist Pflicht, selbst zu Hause. Er will seine Würde behalten. Assauer erkennt mich erst auf den zweiten, dritten Blick, diesmal ist es kein Scherz. In den Gesprächen wird er schnell müde. Einst Macho, nun ein vom Alzheimer gebrochener Mann. "Wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer. So ‘ne Scheiße." Ich muss schlucken. Wir sprechen über andere Patienten, die sich das Leben genommen haben. Ich kann kaum atmen. Ganz ohne Zigarre. Er raucht nun weniger.

Am Mittwoch ist Assauer gestorben, mit 74. In den Erinnerungen der Menschen wird sein königsblaues Herz weiter schlagen.

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