Nationalmannschaft: Mit dem Geist von Südafrika zur EM-Überraschung

Kapitän Manuel Neuer glaubt, dass die deutsche Mannschaft bei der EM überraschen kann - ähnlich wie bei der WM 2010. Arsene Wenger hingegen ist skeptisch: "Sie haben nicht mehr die Stabilität."
von  Maximilian Koch
Im Seefeld-Trainingslager oft mit dem E-Bike unterwegs: DFB-Kapitän Manuel Neuer.
Im Seefeld-Trainingslager oft mit dem E-Bike unterwegs: DFB-Kapitän Manuel Neuer. © imago images/MIS

München - Wie stark ist diese deutsche Mannschaft tatsächlich einzuschätzen? Ist sie ein ernsthafter Anwärter auf den EM-Titel, den vierten in der DFB-Historie? Antworten auf diese Fragen wird erst das Auftaktspiel gegen Frankreich am 15. Juni geben, auch der letzte Test gegen Lettland am Montag in Düsseldorf (20.45 Uhr/RTL) liefert lediglich Indizien.

Ex-Arsenal-Trainer glaubt nicht an deutsche Elf

Für einen großen Fachmann des europäischen Fußballs ist aber schon jetzt klar, dass die deutsche Elf nicht weit kommen wird. "Ehrlich gesagt, bin ich nicht sehr zuversichtlich", sagte Trainer-Legende Arsène Wenger bei beIN Sports: "Ich denke, sie haben nicht mehr die Stabilität - und auch den Glauben verloren."

Trainer geht: Löw als lame duck?

Deutliche Worte des früheren Trainers des FC Arsenal, der eine Erklärung für seinen Pessimismus nachschob: das bevorstehende Ende von Bundestrainer Joachim Löw. "Ich habe noch nie ein Team gesehen, das es gut gemacht hat, wenn es wusste, dass der Trainer nach dem Turnier nicht mehr da ist", sagte Wenger: "Man verliert etwas Macht als Trainer. Die Spieler wissen, dass man bald nicht mehr da ist." Löw als lame duck?

"Wir sind sehr motiviert und wollen das Maximale erreichen"

Im Seefeld-Trainingslager bekommt man diesen Eindruck nicht. Der Bundestrainer ist im engen Austausch mit seinen Spielern, während der Einheiten auf dem Platz wirkt Löw engagiert, er gibt lautstark Anweisungen und jubelt bei Toren. So auch am Freitag nach einem Treffer von Antonio Rüdiger, als ein lautes "Jaaaaaaaa!" auf der Tribüne zu hören war.

Manuel Neuer erinnert an WM 2010

Löw ist heiß auf sein letztes Turnier, vielleicht entsteht ja wirklich noch einmal ein besonderer Spirit. Wie vor elf Jahren zum Beispiel. "Wir sind sicher nicht der Top-Favorit", sagte Kapitän Manuel Neuer, er erinnerte aber gleich an die WM 2010 in Südafrika: "Diese Situation hatten wir 2010 aber schon einmal, als ich mein erstes großes Turnier mit der Nationalmannschaft gespielt habe. Da hat keiner so richtig mit Deutschland gerechnet. Aber wir haben England und Argentinien geschlagen, sind erst im Halbfinale knapp an Spanien gescheitert."

2010 ging es für Neuer und Co. bis ins WM-Halbfinale gegen Spanien.
2010 ging es für Neuer und Co. bis ins WM-Halbfinale gegen Spanien. © GES/Augenklick

Kann es mit dem Geist von Südafrika bei der EM weit gehen? "Ich glaube, dass wir auch dieses Jahr überraschen und mit unserer Mannschaft einiges bewirken können", ergänzte Neuer: "Wir sind sehr ehrgeizig, motiviert und wollen das Maximale erreichen." Zunächst einmal muss dafür die schwere Gruppe mit den Gegnern Frankreich, Portugal und Ungarn überstanden werden. Das wird schon hart genug.

EM 2021: Löw setzt auf Mix aus Jugend und Routine

Bei diesem Plan setzt Löw auf einen Mix aus Jugend und Routine. Neben Neuer waren auch schon Thomas Müller und Toni Kroos bei der Südafrika-WM 2010 dabei. Sie befanden sich damals an einem recht frühen Punkt in ihren Karrieren, vergleichbar mit Kai Havertz oder Jamal Musiala heute, wobei der Münchner mit 18 Jahren noch ganz am Anfang steht.

2021 will Neuer (2.v.r.) wieder überraschen.
2021 will Neuer (2.v.r.) wieder überraschen. © picture alliance/dpa

Ansonsten ist die Altersstruktur der Kader durchaus vergleichbar: 2010 waren Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger Mitte 20, 2021 ist es bei der Generation um Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Niklas Süle, Serge Gnabry und Leroy Sané genauso. Eine gute Basis, um bei einem Turnier zu überraschen.

Dafür muss sich die Personalsituation aber noch verbessern. Goretzka konnte auch am Freitag nur individuell trainieren, Mats Hummels, den abermals leichte Patellasehnenprobleme plagten, und Lukas Klostermann (Kniegelenkprobleme) radelten nur im Fitnesszelt. Immerhin: Kroos konnte nach seiner Corona-Infektion das Mannschaftstraining absolvieren, auch Emre Can (Adduktorenprobleme) war wieder dabei.