Konkurrenzlos gut, auch ohne Pullover

Die Glücks-Bekleidung von Joachim Löw landet im Fußball-Museum des DFB – an der Seitenlinie ist der Trainer der Nationalmannschaft wohl auf lange Sicht nicht zu ersetzen.
| Frank Hellmann
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Fußballnationaltrainer Joachim Löw (r) übergibt am Montag (10.09.2011) während der Pressekonferenz in Düsseldorf seinen blauen Pullover, den er während der Weltmeisterschaft in Südafrika im vergangenen Jahr bei den vier Siegen gegen Australien, Ghana, England und Argentinien trug, an Manuel Neukirchner, Geschäftsführer der Stiftung DFB-Museum.
dpa Fußballnationaltrainer Joachim Löw (r) übergibt am Montag (10.09.2011) während der Pressekonferenz in Düsseldorf seinen blauen Pullover, den er während der Weltmeisterschaft in Südafrika im vergangenen Jahr bei den vier Siegen gegen Australien, Ghana, England und Argentinien trug, an Manuel Neukirchner, Geschäftsführer der Stiftung DFB-Museum.

Mit einem breiten Grinsen überreichte Joachim Löw seinen Glücksbringer. Es ist eine Selbstverständlichkeit für den Bundestrainer, dass sein blauer Kaschmir-Pullover, der ihm bei der WM in Südafrika so treue Dienste leistete, künftig im neuen DFB-Fußballmuseum in Dortmund zu besichtigen ist. Zuvor war das Kleidungsstück für eine Million Euro von einem Kaufhaus ersteigert worden.
Doch es ist ein Irrglaube, dass es solch eines Talismans bedarf, damit Löw von Erfolg zu Erfolg eilt. Vielmehr stecken dahinter ein kluger Plan und eine klare Strategie. Die deutsche Nationalelf hat sich so souverän und so rasch für die EM in Polen und Ukraine qualifiziert, dass Teammanager Oliver Bierhoff bereits das Quartier in Danzig als auch die Trainingslager in Sardinien und Südfrankreich buchen konnte. Die meiste Arbeit hat Bierhoff mittlerweile damit, die überbordenden Erwartungen zu dämpfen: Eigentlich zählt schon jetzt nur noch der EM-Titel, Bierhoff will lieber vorerst nur den Halbfinaleinzug ausrufen.

Aber auch Löw lenkt den Blick seit geraumer Zeit auf das ganz große Ziel, um endlich Spanien den Platz an der Spitze streitig zu machen – und die Wertschätzung im Weltfußball für seine filigranen Feingeister ist immens.

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse ist übrigens ein neues Werk erschienen: „Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel“ heißt der 350-seitige Band von Christoph Bausenwein, der die attraktive, offensive Fußballphilosophie des Mannes aus Baden als Produkt seiner systematischen Arbeit beschreibt. Löw will das Buch noch nicht gelesen haben, aber seine Ausführungen sind deckungsgleich mit vielen der darin beschriebenen Inhalte. „An den Basisaufgaben arbeiten wir seit Monaten, ja Jahren“, sagt der 51-Jährige, „wir sind noch spielsicherer, systemtreuer und selbstbewusster geworden.“ Dabei hat Löw auch den Begriff Stammspieler abgeschafft. „Das Wort ist für mich passé. Die Zeiten sind wirklich allemal vorbei. Der Konkurrenzdruck macht die Mannschaft für das nächste Turnier noch viel stärker.“

Mats Hummels oder Per Mertesacker, Toni Kroos oder Sami Khedira, André Schürrle oder Lukas Podolski, Mario Gomez oder Miroslav Klose – auf vielen Positionen hat Löw längst die Qual der Wahl. Insgesamt 48 Profis durften in seiner fünfjährigen Amtszeit debütieren: Der professionellen Talentförderung in den Leistungszentren sei Dank. Für die kommenden Jahre scheint diese Quelle nicht zu versiegen – im Gegenteil.

Und mit Löw steht einer der besten Talentförderer in der Verantwortung. Er sagt zwar oft, dass ihm mitunter die Ausführung der Spielidee wichtiger als Resultate und Zahlen seien, doch beachtlich bleibt seine Bilanz allemal: Bis zum Belgien-Spiel (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht angepfiffen) waren ihm in 72 Partien schon 50 Siege (bei zwölf Unentschieden und zehn Niederlagen) gelungen. Macht einen Punkteschnitt von 2,25 pro Spiel. Weder Berti Vogts (2,18), Jupp Derwall (2,15) oder Helmut Schön (2,10), erst recht nicht Jürgen Klinsmann (2,00), Sepp Herberger (1,85), Rudi Völler (1,85) oder Franz Beckenbauer (1,85) waren so erfolgreich.

Die Frage ist, wie lange der als Vereinstrainer nur begrenzt erfolgreiche und oft nur über kurze Zeiträume beschäftigte Löw noch der Nationalmannschaft erhalten bleibt. Sein Vertrag läuft bis 2014. Bei der WM in Brasilien wird er wegen der Temperaturen kaum einen Pullover tragen. Weshalb Löw nun bei der Präsentation seines Kultobjektes am Montag in einem Düsseldorfer Autohaus gescherzt hat: „2018 brauche ich ihn vielleicht nochmal, es ist manchmal kalt in Russland.“ Für den deutschen Fußball soll es aber nicht zum Schaden sein, wenn Löw tatsächlich so lange das Amt innehat.

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