Klopp wie einst der Kaiser: Wenn Fußball-Profis öffentlich austeilen
Den Begriff hat einst Rudi Völler geprägt. Fußball-Experten, so schimpfte der damalige Bundestrainer, seien für ihn "Gurus". Damals, im Herbst 2003, nach dem 0:0 auf Island. Allerdings nicht bei der legendären Beschimpfung von Waldemar Hartmann, sondern auf der Pressekonferenz als Rudi immer noch brodelte: "Diese ganzen Gurus! Wenn ich immer höre, wie gut die alle waren… Das ist für mich eine absolute Sauerei. Das ist das Allerletzte, das lasse ich mir nicht gefallen."
Als Guru der Gilde hatte Völler, bei dieser WM in Nordamerika in der Funktion des DFB-Sportdirektors nicht für Gewitter, sondern als Blitzableiter unterwegs, ARD-Experte Günter Netzer ausgemacht. Der stand damals stets im Duett mit Gerhard Delling vor der Kamera. Ob Völler wusste, was Guru bedeutet? Das Wort kommt von der Wurzel guru, bedeutet "schwer, gewichtig" – und damit in Sprachen wie Hindi, Bengali und Gujarati "Lehrer", sprich den Verleiher des Wissens.
Das wäre dem Ober-Guru der deutschen Medienlandschaft nicht über die Lippen gekommen
Was wusste also Jürgen Klopp, der ehemalige Fußball-Lehrer? Angesprochen auf mögliche Aufstellungsvarianten der DFB-Elf meinte der 59-Jährige vor dem 7:1 gegen Curacao: "Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf, noch – noch!" Thomas Müller, sein Wortwitz-Kompagnon bei MagentaTV, spritzte herein und sagte: "Es ist erst Juni, du bist schon im September." Dann ist Nations League, die ersten Länderspiele nach der WM – mit Bundestrainer Klopp, derzeit als Global Head of Soccer bei Red Bull angestellt? Viele Fans wünschen sich das.
Einmal dick drin im Fettnäpfchen, entschuldigte sich Klopp am Sonntag im Gespräch mit Nagelsmann für seinen Klopps. "Ich hätte mir aufs Maul hauen können, aber das war schon zu spät und ich war im Fernsehen", sagte er live im TV, "das ist flapsig rausgerutscht." Hut ab!

Das wäre dem Ober-Guru der deutschen Medienlandschaft nicht über die Lippen gekommen, dem Kaiser. Wer als Spieler dermaßen über den Platz tänzelte, durfte sich als Experte am Mikrofon oder als Zeitungskolumnist nahezu alles erlauben. Als Franz Beckenbauer nach seiner Zeit als Teamchef der Nationalelf (1984 bis 1990) wieder in der Sphäre der Beobachter schwebte, konnte das für seinen Nachfolger Berti Vogts nichts Gutes bedeuten. Es entwickelte sich ein Spießrutenlauf für den treuen Berti (Spitzname als Spieler: Terrier), der schon vor der Abreise zur WM 1994 in den USA verloren hatte, da ihm der Kaiser nonchalant mit auf den Weg gab: "Berti Vogts wird am Ende der WM nicht wissen, ob er Männlein oder Weiblein ist."
Marcel Reif: "Einen Bundestrainer kurz vor einer WM als Pfeife zu bezeichnen – mehr geht nicht"
Wofür er höchstselbst sorgte. Aus dem Premiere-Studio, direkt neben dem Mannschaftshotel gelegen, filetierte ihn Beckenbauer via TV öffentlich – schon weit vor dem blamablen Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien (1:2). Vogts litt unter dem Druck, den die "Bild", stets eng verbandelt mit dem Kaiser, gegenüber dessen Nachfolger aufbaute. Weil dieser sich der Kooperation verweigerte, spannend aufgearbeitet in der ARD-Dokuserie "WM 1994: Elf Helden – ein Albtraum" (ARD-Mediathek). Dort sagt unter anderem Marcel Reif, damals Live-Kommentator fürs ZDF, über die ständigen Sticheleien des Kaisers gegen seinen Nachfolger: "Er wusste, was er tat. Wissentlich ist er ans Äußerste gegangen. Einen Bundestrainer kurz vor einer WM als Pfeife zu bezeichnen – mehr geht nicht."

Was das mit Klopp und Nagelsmann zu tun hat? Nun ja – ist Klopp der Kaiser der Neuzeit und Nagelsmann der Leidtragende der Experten-Analysen wie einst Berti? Nein, dafür sind die Charaktere der Beteiligten zu unterschiedlich. Wenngleich die Erfolge ähnlich zu gewichten sind. Während Beckenbauer, dem Vogts beim WM-Triumph 1990 als Assistent zuarbeitete, nahezu alles gewann, hat Klopp in seiner Trainer-Vita auch mehr vorzuweisen als Nagelsmann. Der wurde mit dem FC Bayern einmal Meister, während Klopp mit Borussia Dortmund und dem FC Liverpool Titel en masse abräumte, mit den Reds die Champions League gewann.
Klammheimlich sagt sich Nagelsmann wohl: Danke, Kloppo!
In der "Noch-Causa" hat Klopp jedoch verloren. Mit seinem Verbal-Ausrutscher teilte er ungewollt – im Zweifel für den Angeklagten – aus, zählte jedoch damit Nagelsmann keineswegs an. Klopp hat ihm eher unter die Arme gegriffen und geholfen. Schließlich richtete sich die Entrüstung gegen den Sprücheklopper. Das Opfer, sichtlich getroffen, biss sich auf die Zunge, verzichtete auf eine Retourkutsche und erhielt so eine Menge Unterstützung. Eine gern genommene Ablenkung, die einen Schleier des Vergessens über einige Kommunikationspannen des Bundestrainers (siehe den Fall Deniz Undav und der Prozess des Comebacks von Manuel Neuer) legte. Klammheimlich sagt sich Nagelsmann wohl: Danke, Kloppo!
