Jogi Löw: Verzockt gegen Italien

Bundestrainer Jogi Löw stellt im EM-Halbfinale gegen Italien zu defensiv, zu vorsichtig auf, setzt auf Kroos – und verliert. Später verteidigt er sich: „Nicht alles hinterfragen."
| Jochen Schlosser
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Frust, Verzweiflung, Trauer: Bundestrainer Joachim Löw nach der Niederlage gegen Italien.
dpa Frust, Verzweiflung, Trauer: Bundestrainer Joachim Löw nach der Niederlage gegen Italien.

Warschau - Es schien, als könnte ihn nichts und niemand aufhalten. Als könnte er jeden gegnerischen Trainer nicht nur überraschen, sondern auch überlisten: Joachim Löw, der Mann mit dem Glücksarmbändchen und dem glücklichen Händchen. Bis gestern, bis zu dieser wohl doch zu überraschenden Personalentscheidung: Toni Kroos stand da plötzlich in der Anfangself – und auch die Experten standen vor einem Rätsel.

Dass der sonst intuitiv richtig agierende Bundestrainer gegen Italien – im Vergleich zum Griechenland-Spiel – André Schürrle durch Routinier Lukas Podolski ersetzte, klang vor dem Anpfiff sinnvoll. ARD-Experte Mehmet Scholl sagte: „Lukas hat den Bundestrainer noch nie im Stich gelassen.“ Bis gestern. Der Kölner war auf der linken Seite ein Totalausfall, wurde zur Pause durch den quirligen Marco Reus ersetzt. Auch dass Löw wieder Mario Gomez den Vorzug vor Miro Klose gab, konnte sogar Gomez-Kritiker Scholl nachvollziehen: „Die Italiener haben einen Heidenrespekt vor Gomez.“

Bis gestern. Da enttäuschte der Bayern-Star, war kaum am Ball und leicht auszuschalten. Doch Kroos als Manndecker de luxe für Italiens ebenso genialen wie eher gemächlichen Spielmacher Andrea Pirlo? Und damit der Verzicht auf einen Offensivmann auf der rechten Seite? Die Umstellung des kompletten Spielsystems? Nicht nur Scholl rätselte über diese Entscheidung: „Von wo spielt Pirlo seine Bälle? Eher von hinten. Kroos soll diese Bälle wohl unterbinden.“

Was sich der Bundestrainer dabei gedacht hat? „Man weiß es nicht“, urteilte Scholl. Danach begründete der enttäuschte Bundestrainer seine Maßnahmen. Gomez und Podolski seien im Training „sehr gut drauf gewesen“, außerdem hätte man mit beiden auch „die ersten drei Spiele gewonnen“. Und Kroos? „Ich wollte die Zentrale mit Toni stärken und das Spiel der Italiener – sie haben da mit Pirlo und de Rossi starke Leute – etwas unterbinden.“

Tatsächlich mühte sich Bayern-Star Kroos redlich, die ihm aufgetragene Aufgabe zu erfüllen – er gab brav auf Pirlo acht, unterband dessen ansonsten oftmals gefährliche Pässe weitgehend – und hin und wieder gelang ihm ein offensiver Ausflug. Freilich war dies viel zu wenig, um die Italiener ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Außerdem, da hatte Löw („Die Tore entstanden aus individuellen Fehlern“) Recht, war die Squadra Azzurra bei ihren Toren nicht auf die Geniestreiche des Routiniers von Juventus Turin angewiesen: Mario Balotellis erstem Treffer ging eine grandiose Einzelleistung dessen Sturmpartners Antonio Cassano samt eines Fauxpas von Mats Hummels voraus. Den Pass vor dem 2:0 schlug Riccardo Montolivo, den Fehler machte diesmal Philipp Lahm.

So saß Löw während dieser bitteren Pleite da, kaute nervös auf seinen Fingernägeln herum und war sich schon nach der fatalen ersten Halbzeit sicher, dass er mit dieser Aufstellung den wohl größten Fehler seiner sechsjährigen Bundestrainer-Karriere begangen hatte. „Wir sind uns unserer Stärken bewusst. Wir haben eine sehr, sehr starke Mannschaft, die absolut in der Lage ist, auch Italien zu bezwingen“, hatte Löw am Vortag noch betont. Einzig aufgestellt hatte er nicht nach dieser Maxime. Zu defensiv, zu vorsichtig, zu zurückhaltend. In der Halbzeit zog der 52-Jährige die Konsequenzen: Klose für Gomez, Reus für Podolski.

Nur Kroos durfte bleiben, um weiter Pirlo auf den Füßen stehen. Es brachte eh nichts mehr. Ein Elfmeter-Tor durch Mesut Özil – 1:2. Drei Tore gegen Italien hat eine deutsche Nationalmannschaft zuletzt vor 42 Jahren erzielt, beim Jahrhundertspiel 1970 im WM-Halbfinale. Verloren wurde auch damals dennoch: 3:4 nach Verlängerung. Somit bleibt nicht nur der Italien-Fluch bestehen – sondern auch die Tatsache, dass Joachim Löw nur fast alles richtig macht. Einen Titel hat er bislang nicht geholt, auch wenn halb Europa vom Spielstil seines Teams schwärmt. Entsprechend meinte er gestern Abend: „Wir sollten nicht den Fehler machen, jetzt alles zu hinterfragen. Ich werde jetzt nicht alles kritisieren.“ Sondern in zwei Jahren einen neuen Anlauf nehmen.

In Brasilien wird der WM-Titel vergeben – und Löw macht sich selbst Hoffnung: „Die Mannschaft hat unglaublich viel Qualität und ist noch jung, sie wird sich weiterentwickeln, sie wird erwachsener werden.“ Sogar Mehmet Scholl wollte den Coach nach dem Aus nicht mehr kritisieren. Über die Aufstellung sagte er: „Wenn die Begründung okay ist, dann ist doch alles in Ordnung.“ Wenn man vom Ergebnis absieht..

 

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