Joachim Löw: Heute ein König?

Im EM-Halbfinale gegen Frankreich kann sich Bundestrainer Joachim Löw zum Sonnenkönig krönen - und am Sonntag dann endgültig Geschichte schreiben. Gelassener, souveräner: So hat er sich verändert.
| Patrick Strasser
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König Löw XIV.: Der Bundestrainer als der legendäre Louis XIV. (1638-1715), der französische Sonnenkönig.
AZ-Montage König Löw XIV.: Der Bundestrainer als der legendäre Louis XIV. (1638-1715), der französische Sonnenkönig.

Marseille - Joachim Löw ist schon längst drüber. Über dem Punkt, an dem es bei dieser EM hätte ernst werden können für ihn und seinen Job. Ein Aus in der Vorrunde oder im Achtelfinale hätten nicht nur Kratzer hinterlassen, eher eine heftige Delle.

Mit dem Erreichen des Halbfinales nach der epischen Elfmeter-Achterbahn gegen Italien hat Löw vollkommen sicheres Terrain erreicht. Unter der Runde der letzten Vier macht er es nicht – seit 2008.

Würde nun ernsthaft ein Experte, Journalist oder Fan nach einer Niederlage im heutigen Halbfinale von Marseille (21 Uhr, ZDF und live im AZ-Ticker) gegen Mitfavorit Frankreich auf die Idee kommen, den Bundestrainer infrage zu stellen? Seine Demission, seinen Kopf zu fordern? Man müsste dem 56-Jährigen die Weltmeister-Krone vom Haupt reißen, ihn von seinem Thron stoßen. Lediglich eine landesweite Revolution könnte dem Schwarzwälder seine Macht entreißen.

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Gewinnt er am Donnerstag auch noch gegen Frankreich, gegen seinen Widersacher, den französischen Feldherrn Didier Deschamps, der 1998 als Soldat (sprich Spieler) und nicht wie Löw als Trainer Weltmeister wurde, dann wird aus Jogi endgültig Joachim XIV. – in Anlehnung an Louis XIV. (1638-1715), den französischen "Sonnenkönig".

Nicht zu verwechseln mit Louis van Gaal, den Tod-Oder-Gladiolen-Fürsten, der am Ende seiner 21-monatigen Regentschaft 2011 unehrenhaft vom Hofe Säbener gejagt wurde. Doch das ist eine andere Geschichte.

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Löw will Geschichte schreiben bis Ende dieser Woche. Er will der zweite deutsche Bundestrainer nach Helmut Schön (1972 und 1974) werden, der eine EM und eine WM gewinnen kann. Dabei hatte Löw ganz nonchalant dieses Turnier in Frankreich in den zurückliegenden Monaten als "Zwischenetappe auf dem Weg zur WM" bezeichnet und das Turnier 2018 in Russland zum Maßstab allen Handelns gemacht.

Da will er den größten aller Titel verteidigen – was im Fußball der modernen Ära nur Brasilien 1962 geglückt ist. Den Silberpokal der Frankreich-EM würde Löw trotzdem gerne in seinen Trophäenschrank stellen. Aber: Es isch kei Muss, um sich seines Sprachidioms zu bedienen.

Mensch Jogi und Bundestrainer Löw

Dafür ist Löw viel zu gelassen, viel zu locker. Er steht über den Dingen.

Mitarbeiter des DFB berichten, dass der Bundestrainer nach nun knapp zehn Jahren in der Verantwortung in seiner Rolle völlig aufgehe. Von 2004 bis 2006 war er Jürgen Klinsmanns Assistent, in Sachen Taktik und Steuerung der Übungseinheiten jedoch der eigentliche Boss.

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Anders als früher rede Löw im Mannschaftshotel mit jedem Helfer des Teams hinter dem Team, lege die Hand auf die Schultern seines Gesprächspartners, erkundige sich nach dem Befinden. Wie geht’s? Wie läuft’s? Alles mit einem Lächeln. Souverän, sagen sie. Mensch Jogi und Bundestrainer Löw: Nahbar und gleichzeitig unantastbar.

Attacken der Experten wie von Ex-Kapitän Michael Ballack ("Führungsspieler fehlen") und Mehmet Scholl (Urs Siegenthaler "soll morgens liegenbleiben") prallen ab. Sonst noch was?

Er wird es schon richten

Fehler gibt er gerne zu, ist entschiedener ("Egal wie wichtig ein Spieler ist, er spielt nur, wenn er zu 100 Prozent fit ist"). Den Journalisten gibt er Nachhilfe in Sachen Taktik und Strategie: "Intelligenz und Geduld waren gegen Italien gefragt." Und: Frankreich ist weniger ausrechenbar."

Er wird es schon richten. Man vertraut Löw und seinem Stab. DFB-Präsident Reinhard Grindel will ihm nach der EM einen neuen Vertrag offerieren – über 2018, das bisherige Ende seines Arbeitspapiers hinaus. 2020 wäre Löw länger als Schön (13,5 Jahre) im Amt.

Louis XIV. übrigens war mit 72 Jahren auf dem Thron einer der am längsten herrschenden Monarchen der Geschichte.

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