Guter Onkel und sanfter Diktator

Das Erfolgsgeheimnis des Jogi Löw. Warum der Trainer der Nationalmannschaft auch nach der Niederlage gegen Spanien so wertvoll ist – und im Moment vielleicht sogar unersetzlich.
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Er findet die richtige Haltung, im Sieg und auch in der Niederlage. Kein Wunder, dass fast alle Deutschen Jogi Löw für einen Gewinner der WM halten.
firo/Augenklick Er findet die richtige Haltung, im Sieg und auch in der Niederlage. Kein Wunder, dass fast alle Deutschen Jogi Löw für einen Gewinner der WM halten.

Das Erfolgsgeheimnis des Jogi Löw. Warum der Trainer der Nationalmannschaft auch nach der Niederlage gegen Spanien so wertvoll ist – und im Moment vielleicht sogar unersetzlich.

Allein die kleinen Macken - wunderbar. Diese minimalen Laster, sie sind so nachvollziehbar, sie machen den Mann so liebenswert. Joachim Löw ist einer aus der Mitte des Volkes.

Er will immer wieder mit dem Rauchen aufhören. Er fängt immer wieder damit an, unter Stress, etwa während einer WM. Er trinkt zu viel Espresso, klar, auch das weiß er, aber er braucht es eben. Kleine Fluchten. Oder auch dieser Tick, bei Erfolgen abergläubisch zu sein und immer wieder diesen blauen Pulli mit V-Ausschnitt anzuziehen. Ob es nun albern aussieht, dieser Partnerlook mit Assistenztrainer Hans Flick oder nicht. Ach was, das stört Löw nicht. Da steht er drüber. Das lächelt er charmant weg.

Löw wirkt authentisch, nicht aufgesetzt, man kann mit ihm mitlachen, nicht gequält über ihn. Der 50-Jährige wirkt stets souverän, immer bei sich, er verliert nie die Fassung - weder im Triumph noch in der Niederlage. Für 92 Prozent der Deutschen ist er laut einer Umfrage einer der Gewinner dieser WM und solle unbedingt bleiben. Welcher Politiker kennt solche Werte nur annähernd? Und Bundeskanzlerin Angela Merkel gefiel es, sich im Lichte Löws zu sonnen bei ihrem Viertelfinalausflug.

Gelassen und gefasst ging Löw mit der Niederlage im WM-Halbfinale gegen die Spanier um - er wusste, dass seine Mannschaft die klar unterlegene war. Ein paar Tage zuvor hatte er ebenso wenig theatralische Seitenlinientänze aufgeführt wie das wohl sein Gegenüber, der Coach der Argentinier Diego Maradona, gemacht hatte. Löw blieb cool. Er hat zwei Gesichter, bleibt aber immer derselbe.

Löw bleibt immer der Jogi. Wenn ihm sein Dialekt durchrutscht und er das „isch" für „ist" verwendet und bei seinem Lieblingswort "absolut" je nach Gewichtung der Aussage drei bis acht "a" verwendet. Löw bleibt auch immer in jeden Momenten der Jogi, wenn er über seine - vor allem über die jungen - Spieler spricht als sei er deren Onkel. Doch von einem auf den anderen Moment kann dieser Jogi auch ein echter Löw sein. Konsequent in seinen Entscheidungen, mitunter stur, ein sanfter Diktator. Kevin Kuranyi, Torsten Frings, Thomas Hitzlsperger - dieses Trio musste auf die WM mangels Disziplin oder Leistungsvermögen verzichten, da ließ sich Löw von keinem Experten, keinem Medium reinreden. Mut zeichnet seine Linie aus, den Mut, zu sich zu stehen.

Und neue Wege zu gehen. Es ist der Verdienst von Löw, den Fans in Deutschland nicht nur knapp fünf Wochen im Rauschzustand abseits aller Alltagssorgen geschenkt zu haben, das hatte es 2006 schon einmal gegeben. Doch diesmal scheint die Wirkung länger anzuhalten. Die WM 2006 war wie ein wunderbarer Urlaub, eine Traumreise mit schönen Erinnerungen. Aber vergänglich. Die Auftritte der sympathischen Multikulti-Elf im DFB-Trikot dieses Sommers vermitteln das Gefühl, man habe nun ein Fundament, ein Ferienhaus, und könne immer mal wieder hin zu diesem Gefühl. Es war Löw, der ehemalige Zweitligaspieler, und nicht Franz Beckenbauer, der Größte aller Zeiten, auch nicht Rudi Völler oder Jürgen Klinsmann, die legendären Stürmer, die eine völlig neue Spielkultur eingeführt haben. Er will angreifen, nicht verteidigen, das Spiel bestimmen, nicht abwarten. Unterhaltung bieten, gewinnen. Leichtigkeit, Kreativität, Show - seit Löw steht der deutsche Fußball dafür. Dieser Sinneswandel in den Augen der Welt zählt mehr als ein verlorenes Halbfinale.

Und dieser Trainer soll nun diese Mannschaft, die auf ihn schwört, die ihm beinahe hörig ist, verlassen? Dieser Coach soll keinen neuen Vertrag mehr erhalten, weil man sich über Inhalte und Gehalt nicht verständigen konnte? Im Ausland würde man sich noch mehr wundern über diese Deutschen - erst verändern sie ruckartig ihren Spielstil, werfen alle altbewährten wie antiquierten Vorurteile über den Haufen und setzen dann den Verursacher des Ganzen vor die Tür?

Die Nationalspieler haben erneut ein klares Votum abgegeben. „Die Mannschaft braucht einen guten Trainer", sagte Kapitän Philipp Lahm, „und Löw ist ein sehr, sehr guter Trainer". Und Bastian Schweinsteiger ergänzte: „Seitdem Löw bei uns ist, sind wir viel stärker geworden. Wir sind eine der besten Mannschaften der Welt, waren in allen Turnieren vorne dabei." Es passt einfach. Inklusive der Macken. Geht Löw, geht auch sein Trainerstab mit Flick und Torwarttrainer Köpke. Auch Bierhoff, der Teammanager, will dann nicht mehr weitermachen, er verknüpft seine Zukunft mit dem Bundestrainer. Ein Rücktritt von Löw wäre für den deutschen Fußball ein gewaltiger Rückschritt. Weil man nicht weiß, wer kommt, was dann wird. Denn Löw war und ist eines: Verlässlich. Auf die sympathische Tour.

Patrick Strasser

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