Interview

Europameister Helmer im AZ-Interview: "Deutschland kommt mindestens ins Halbfinale"

Im AZ-Interview erinnert sich Thomas Helmer an den eigenen EM-Triumph 1996 und spricht vor dem Turnier-Start über Taktik und Chancen der DFB-Elf - sowie die Schlüsselspieler im deutschen Team.
| Maximilian Koch
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
1 Kommentar Artikel empfehlen
Europameister von 1996: Thomas Helmer
Europameister von 1996: Thomas Helmer © Daniel Karmann/dpa

München - AZ-Interview mit Thomas Helmer: Der ehemalige Bayern-Profi und Europameister von 1996 moderiert am Sonntag live ab 11 Uhr den "EM Doppelpass" auf SPORT1.

AZ: Herr Helmer, die Stimmung ist sehr gut im deutschen Team, das konnte man schon im Seefeld-Trainingslager beobachten und nun auch beim 7:1 gegen Lettland. War das vor dem EM-Triumph 1996 ähnlich?
THOMAS HELMER: Es ist immer wichtig, dass man eine positive Grundstimmung hat. Ich habe es zwei Jahre vorher bei der WM 1994 erlebt, dass es nicht funktioniert, wenn man verschiedene Gruppen in der Mannschaft hat. Das war 1996 komplett anders, wir waren eine Einheit und alle gut drauf.

Obwohl es im DFB-Camp in Mottram Hall, einem Schloss südlich von Manchester, so wenig Zerstreuung gab?
Das kann man so und so sehen (lacht). Wir waren da ziemlich abgeschottet, es gab nicht viel in der Nähe. Aber in diesem altehrwürdigen Hotel fand fast jeden Tag eine Hochzeit statt, deshalb war doch einiges los. Ich weiß noch, dass extra ein Fußballplatz für uns gebaut wurde, es handelte sich ja eigentlich um ein Golfhotel. Manchmal flogen auch die Golfbälle zu uns rüber. Es war besonders dort, insgesamt aber schon sehr ruhig.

Das DFB-Team hatte 1996 zahlreiche Verletzte

Sie hatten damals im Turnierverlauf viele Verletzte im Team. Hat das die Mannschaft enger zusammengeschweißt?
Auf jeden Fall. Zwangsläufig haben wir Spieler uns immer im Zimmer der Ärzte getroffen, weil wirklich jeder von uns etwas hatte. Es fing schon damit an, dass sich unser Kapitän Jürgen Kohler im ersten Spiel gleich schwer am Knie verletzte. Fast in jedem Spiel kam einer hinzu: Fredi Bobic mit seiner Schulter, Steffen Freund, Dieter Eilts, Jürgen Klinsmann. Auch meine Knie waren kaputt. Es war eine außergewöhnliche Situation.

Bei so vielen verletzten Fußballern mussten sich die Ärzte dann auch noch um Boris Becker kümmern, der gerade das Wimbledon-Turnier spielte...
Boris schied in Wimbledon aus, er hatte sich am Handgelenk verletzt. Er wollte aber trotzdem bei uns behandelt werden. Ich habe dann zu ihm gesagt: "Boris, du kannst jetzt eh nicht mehr spielen. Bleib mal ein bisschen ruhig." Wir haben die Ärzte ja selbst dringend gebraucht.

Im DFB-Team fehlt zum EM-Auftakt wohl "nur" Leon Goretzka. Kann man seinen Ausfall kompensieren?
Es ist schade, ich hätte ihn schon gern gesehen. Goretzka hätte von Anfang an gespielt, er macht das zusammen mit Joshua Kimmich einfach gut, das funktioniert. Gott sei Dank sind wir im Zentrum mit Kimmich, Gündogan, Kroos und Neuhaus stark besetzt, da kann man variieren.

Wer ist aus Ihrer Sicht der Top-Favorit auf den EM-Titel?
Die Franzosen sind vorne schon nicht so schlecht besetzt, um es mal vorsichtig zu formulieren. England ist gut, die üblichen Verdächtigen wie Spanien oder Italien auch. Belgien wird immer hoch gehandelt, aber die haben sich bislang nicht als Turniermannschaft erwiesen - und meistens enttäuscht. Deutschland gehört auch immer zu den Favoriten.

Helmer: Kimmich sollte auf rechts aushelfen

Was spricht für das deutsche Team?
Vielleicht hilft die schlechte WM von 2018 als Motivation. Jogi Löw hört auf - das kann nochmal einen Schub geben.

Ist Frankreich im ersten Gruppenspiel dennoch favorisiert?
Ein starker Gegner am Anfang kann die Sinne schärfen und fördernd sein. Ich sehe die Partie offen. Anspruch der deutschen Mannschaft sollte schon sein, mindestens ein Spiel zu gewinnen und weiterzukommen.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Was halten Sie von der Dreierkette, die Löw bevorzugt?
Uns fehlen die herausragenden Außenbahnspieler für eine Viererkette. Deswegen finde ich das System nicht verkehrt, es ist ein guter Schachzug von Jogi. Die Defensive hat ja leider in den Monaten zuvor nicht funktioniert.

Das heißt, Joshua Kimmich muss auf der rechten Seite aushelfen?
Bei so einem Turnier geht es nicht darum, auf seiner absoluten Lieblingsposition zu spielen, sondern dort, wo es der Mannschaft am meisten hilft. Und das ist mit Kimmich auf der rechten Seite der Fall, ja fast logisch, weil wir nicht die Alternativen haben.

Wer hat in der offensiven Dreierreihe die besseren Chancen: Kai Havertz oder Leroy Sané?
Havertz hat seine Chance jetzt genutzt - überall, auch beim FC Chelsea. Timo Werner ist aktuell kein Thema für die Startelf. Jogi hat gesagt, dass Serge Gnabry immer spielt, Müller ist auch gesetzt. Deshalb entscheidet es sich zwischen Havertz und Sané. Man sieht bei Sané, was für ein riesiges Potenzial er hat. Er kann alles. Und alle wünschen sich, dass er es mal konstant zeigt und nicht nur eine Halbzeit lang. Dass er auch mal ein Spiel alleine gewinnt. Dann wäre die Mannschaft auch bereit, ihm Nachlässigkeiten in der Defensive zu verzeihen.

Helmer über Gündogan: Im DFB-Team muss mehr kommen

Wie wichtig sind Mats Hummels und Thomas Müller für den Erfolg bei der EM?
Extrem wichtig - wobei es für die beiden auch nicht so einfach ist. Die Erwartungshaltung ist riesig. Beide haben hervorragend gespielt in dieser Saison. Mats bringt viel Stabilität hinten rein, er hat es absolut verdient. Thomas genauso. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jogi einen von beiden draußen lässt, er braucht sie. Über eine Nominierung von Jérôme Boateng hätte ich auch noch nachgedacht, er kennt die Achse vom FC Bayern ja bestens.

"Ich habe das Gefühl, dass die Jungs gut drauf sind", sagt Thomas Helmer über die DFB-Elf. Leon Goretzka (u.) ist damit sicher nicht gemeint.
"Ich habe das Gefühl, dass die Jungs gut drauf sind", sagt Thomas Helmer über die DFB-Elf. Leon Goretzka (u.) ist damit sicher nicht gemeint. © imago images/Moritz Müller

Wer sind die Schlüsselspieler für Löw neben Hummels und Müller?
1996 war Dieter Eilts vor der Abwehr einer unserer wichtigsten Spieler, Matthias Sammer hat dahinter als Libero agiert. Eilts wirkte nach außen vielleicht ruhig und bescheiden, aber auf dem Platz hat er alles bestimmt, seine Kollegen dirigiert. Diese Sechser-Position ist entscheidend, deshalb wäre Kimmich eigentlich der Schlüsselspieler, aber er wird ja rechts gebraucht. Gündogan und Kroos können das im Zentrum auch lösen. Wobei ich Gündogan im Klub bislang stärker sehe als in der Nationalmannschaft. Da darf bei der EM gern noch mehr kommen von ihm.

Helmer überzeugt: Deutschland kommt ins Halbfinale - mindestens!

Wer im DFB-Team hat das Zeug, die große Überraschung zu werden? 1996 war es Oliver Bierhoff, der mit zwei Toren im Finale gegen Tschechien, darunter das erste Golden Goal, zum Helden wurde.
Florian Neuhaus macht einen richtig guten Eindruck, der ist für mich nah dran an der ersten Elf. Den würde ich nicht abschreiben. Und der junge Jamal Musiala hat natürlich gar nichts zu verlieren, der ist unbekümmert.

Zum Abschluss: Wie weit kommt die deutsche Mannschaft?
Bis ins Halbfinale, mindestens. Ich habe das Gefühl, dass die Jungs gut drauf sind. Die machen das schon.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 1  Kommentar – mitdiskutieren Artikel empfehlen
1 Kommentar
Artikel kommentieren