Interview

EM-Gespräch mit Frau Antje: "Ich bin und bleibe ein Kaaskopp"

Madeleen Driessen, alias Frau Antje, spricht in der AZ über die Fußball-Euphorie in Holland, das Trauma der Nichtqualifikation für die WM 2018, ihre Treffen mit Königin Beatrix und Kanzlerin Angela Merkel.
| Matthias Kerber
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"Meine Lieblingsfarbe ist Gelb - Käse-Gelb", sagt Madeleen Driessen, die viele Jahre lang die niederländische Werbefigur Frau Antje verkörpert hat.
"Meine Lieblingsfarbe ist Gelb - Käse-Gelb", sagt Madeleen Driessen, die viele Jahre lang die niederländische Werbefigur Frau Antje verkörpert hat. © Wolfgang Kumm/dpa

EM-Gespräch mit Madeleen Driessen: Die diplomierte Physikerin verkörperte viele Jahre lang die holländische Werbefigur der Frau Antje.

AZ: Frau Driessen, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Das Geschenk, das Ihnen, die die Werbefigur der Frau Antje mit Leben erfüllt hat, die niederländische Nationalmannschaft 1988 gemacht hat, ist aber sicher nie mehr zu toppen.
MADELEEN DRIESSEN: Das stimmt. Ich war zwar damals noch ein junges Mädchen und nicht Frau Antje, aber an meinem Geburtstag hat die Niederlande 1988 den EM-Titel gewonnen. Marco van Basten mit seinem Traumtor und Ruud Gullit haben uns im Finale gegen Russland den Titel beschert. Das war auch das erste Mal, dass ich Fußball so ganz bewusst wahrgenommen habe. Mein Geburtstag artete damals in eine große, lange Feier aus, in der es nicht mehr nur noch um mich ging (lacht). Seitdem träumen wir Holländer davon, dass wir wieder einen Titel holen. Vielleicht ist es ja dieses Mal so weit.

Die kompletten Niederlande im EM-Fieber

Jetzt geht es erstmal im Viertelfinale gegen Tschechien.
Die Euphorie im Land wächst gewaltig. Die ganzen Städte schmücken sich in Oranje. Vom Gartenzaun bis zu den Laternen, alles leuchtet in der Farbe Oranje. Wir sind vielleicht nicht für die Fußballwelt der Favorit, aber für uns Holländer sind wir es schon. Am Anfang stand ja Bondscoach Frank de Boer sehr in der Kritik, aber nach den drei erfolgreichen Spielen in der Vorrunde, sagen wir uns plötzlich: Lassen wir ihn mal machen, vielleicht weiß er doch, was er tut.

"Das ganze Land ist Oranje", sagt Frau Antje.
"Das ganze Land ist Oranje", sagt Frau Antje. © picture alliance/dpa

Er hat einfach das Spielsystem der Holländer, die seit Menschengedenken im 4-3-3 gespielt haben, umgestellt.
Das war fast ein Sakrileg bei uns. Wir haben hier 17 Millionen Bundestrainer, die bis vor kurzen 17 Millionen Virologen waren, die es natürlich alle besser wissen als de Boer. Aber das ist bei uns immer auch ein bisschen mit Augenzwinkern: Die Kritik ist nicht so ganz ernst. Solange er jetzt Erfolg hat, darf er das System ändern. Sollte er verlieren, wird ihn das 4-3-3 sicher ewig verfolgen und ihm vorgehalten werden.

Sie sprachen die beginnende Euphorie an: Wie war denn die Stimmung im Land, als man sich 2018 nicht für die WM qualifizieren konnte?
In erster Linie Unglaube: Wie konnte das passieren? Wir sind ein kleines Land, aber wir hatten immer Erfolg im Fußball, und plötzlich sind wir nicht mehr dabei? Die Stimmung war wie bei einer Trauerfeier. Und jetzt haben wir uns alle darauf geeinigt, dass wir über diese Zeit nicht mehr reden, nach dem Motto: War da was? Die Zeitrechnung im Fußball hat in den Niederlanden erst jetzt wieder begonnen. Davor ist ein schwarzes Loch (lacht).

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Hat eigentlich Frau Antje noch Ihre legendären Holzschuhe in Oranje?
Und mit Holzsocken! Natürlich habe ich das noch. Ich habe alles noch, auch den Kaaskopp. Es war eine wirklich schöne Aufgabe. Mir macht es Spaß, an die Zeit als Frau Antje zurückzudenken. Diese Figur hat mir in meinen Leben so viele tolle Dinge ermöglicht. Ich habe Sachen gesehen, Menschen getroffen, die ich als Madeleen wahrscheinlich niemals erlebt hätte. Ich mag Frau Antje, es hat Holland ja auch immer ein bisschen ein nettes Image gegeben. Klar ist es nur eine Figur, ein Bild, das die Menschen im Kopf haben, aber diese Figur konnte man ja auch mit Leben erfüllen.

Von der Physikerin zur Werbefigur

Wie war das, als Sie - eine diplomierte Physikerin - zu Ihren Eltern, die beide Akademiker sind, nach Hause kamen und sagten: Ich bin jetzt Frau Antje.
Auch da erst mal Unglaube: Du bist was? Sie hatten sich sicher etwas anderes für mich vorgestellt - und ich mir auch für mich, wenn ich ganz ehrlich bin. Aber es hat so viel Spaß gemacht. Und sie waren dann auch sehr stolz, wenn sie mich in Zeitungen und so weiter gesehen haben. Aber ja, sie mussten bei Freunden und Bekannten schon viel Aufklärungsarbeit leisten, denn keiner wusste, was Frau Antje ist. Aber mit der Zeit haben alle verstanden, dass es etwas Positives ist.

Sie sprachen an, was Ihnen Frau Antje alles ermöglicht hat...
Ja, ich habe Königin Beatrix getroffen, war bei der Hochzeit von Prinzessin Máxima eingeladen, die hatte in einer privaten Feier das Miniland in Den Haag gemietet, und ich war eingeladen, weil es eben so ganz holländisch sein sollte. Ich stand mit Ilse Aigner und Angela Merkel auf einer Bühne. Und Frau Aigner, die ja auch einen technischen Beruf gelernt hat, hat dann zu Frau Merkel, gesagt, dass Frau Antje genau wie sie selber auch Physikerin ist. Da haben wir uns ganz locker unterhalten und gelacht. Das sind alles tolle Erlebnisse, die ich nie vergessen werde. Wer erlebt so was schon?

Frau Antje.
Genau (lacht). Ich habe auch den niederländischen Astronauten André Kuipers nach seiner Landung in Kasachstan Käse überreicht. Das war für mich sehr besonders, weil ich als Physikerin an Raumfahrt sehr interessiert bin.

So steht Frau Antje zur Regenbogenflagge

Wie haben Sie in Holland das Verbot um die Erleuchtung der Arena in München in Regenbogenfarben erlebt?
Wir dachten uns: Wenn die Arena nicht strahlt, dann zeigen wir eben die Regenbogenflagge. Es kann eigentlich nicht sein, dass heutzutage überhaupt noch diskutiert werden muss, ob Homosexuelle und Transgender einfach sein können, wie sie sind. Wir in Holland sind ja grundsätzlich sehr tolerant. Aber man muss auch klar sagen: Tolerant auf dem Papier zu sein, heißt nicht immer, tolerant im echten Leben zu sein. Auch bei uns gibt es immer noch Diskriminierung, und so lange noch diskutiert wird, ist es offensichtlich nicht normal, und so lange müssen wir auch weiter für diese Rechte kämpfen. Auch Holland ist in der Beziehung noch kein absolutes Paradies, auch wenn wir sicher sehr viel weiter sind als die meisten Länder.

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Abschlussfrage, die eigentlich nur Frau Antje beantworten kann: Wer macht den besten Käse der Welt?
Tja, wenn man mich als Frau Antje oder Madeleen fragt: die Holländer! Viele Länder machen leckeren Käse, aber ich weiß, wie viel Liebe, Wissen, Können und auch Wissenschaft in die Käseherstellung hierzulande geht. Unser Käse ist der beste! Ich esse am liebsten Gouda, so mittelalt. Der ist bei uns immer im Kühlschrank. Ich esse ihn jeden Tag, aufs Brot, überbacken, was auch immer. Ich habe eine vierjährige Tochter, die ist auch schon ein richtiges Kaas-Meisje. Wir können nicht ohne. Ich gebe es zu: Ich bin und bleibe ein Kaaskopp. Meine Lieblingsfarbe ist Gelb: Käse-Gelb.

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