Interview

EM-Gespräch mit Andreas Brehme: "Die Leidenschaft der Italiener ist einzigartig"

Sein Herz schlägt für die Tifosi: 90er-Weltmeister Andi Brehme spricht in der AZ über die beiden EM-Finalisten - und die Angst beim Elfmeter.
| Matthias Kerber
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Andi Brehme
Andi Brehme © picture alliance/dpa

München - Andreas Brehme (60) schoss Deutschland bei der WM 1990 im Finale gegen Argentinien zum Titel, er absolvierte 86 Länderspiele, beim FC Bayern spielte er von 1986 bis 1988, dann wechselte er zu Inter Mailand. Er fungiert als Kooperationspartner bei "Wettbasis".

AZ: Herr Brehme, Ihre Sympathien dürften beim EM-Finale zwischen Italien und England recht klar verteilt sein, schließlich spielten Sie, der Deutschland 1990 zum WM-Titel geschossen hat, mehrere Jahre bei Inter Mailand...
ANDREAS BREHME: Absolut, mein Herz ist mindestens zur Hälfte italienisch. Meine Zeit bei Inter war die schönste in meinem Leben. Auch heute ist es noch so, dass ich im Laufe eines Tages mehr mit Freunden in Italien telefoniere, als mit Deutschen. Ich liebe das Lebensgefühl, die Herzlichkeit, die Fußballverrücktheit. Ich fahre am Sonntag zum Finale nach Italien und werde mir mit einigen Freunden das Spiel in einem Lokal ansehen. Ich drücke den Italienern die Daumen und hoffe, dass es wieder eine magische Nacht für die Mannschaft wird. Aber auch für das Land Italien. Es hat in der Corona-Krise so viel mitmachen müssen, so viele Tote beweinen müssen, all dessen ist sich die Truppe auch bewusst.

"Italien hat mich von der ersten Minute dieser EM an begeistert": Für 1990-Weltmeister Andi Brehme muss am Sonntag der neue Europameister die Squadra Azzurra sein.
"Italien hat mich von der ersten Minute dieser EM an begeistert": Für 1990-Weltmeister Andi Brehme muss am Sonntag der neue Europameister die Squadra Azzurra sein. © imago images/LaPresse

Brehme: Italien muss England nicht fürchten

Und Ihre fachliche Analyse?
Die Italiener müssen diese Engländer wirklich nicht fürchten. Ich habe vor der EM gesagt, dass Italien mein Favorit auf den Titel ist. England war mein Geheimtipp. Allein schon aufgrund der Tatsache, dass dies fast eine Heim-EM für die Engländer ist. Bis auf eine Partie haben sie alle Spiele im Wembley-Stadion ausgetragen - das ist ein gewaltiger Vorteil.

Was man am entscheidenden Elfmeter im Halbfinale gegen Dänemark gesehen hat...
Ob dieser Strafstoß an einem anderen Ort als dem Wembley-Stadion gepfiffen worden wäre, lasse ich mal offen. Für mich war der Elfer klar unberechtigt. Ich frage mich, warum so eine Szene nicht vom Schiedsrichter am Monitor überprüft wird. So macht der Videobeweis keinen Sinn. Dann lieber gar keinen. Dann sind es Fehler, die Menschen passieren. Aber so ist es ein Fehler, den man korrigieren könnte, aber nicht korrigiert hat.

Grenzenloser Jubel - und Erleichterung! Kapitän Harry Kane wird gefeiert, nachdem er erst im Nachschuss England das Finale beschert hatte.
Grenzenloser Jubel - und Erleichterung! Kapitän Harry Kane wird gefeiert, nachdem er erst im Nachschuss England das Finale beschert hatte. © Laurence Griffiths/dpa/Pool Getty/AP

Wie kann man zulassen, dass ein EM-Halbfinale durch einen falschen Pfiff entschieden wird? 
Schade. Ja. England steht defensiv gut, und Raheem Sterling ist ein Spieler, dem die Zukunft gehört, ich bin sicher, er wird ein ganz Großer, aber noch ist er das nicht. Italien hat mich hingegen von der ersten Minute dieser EM begeistert. Da kann man nur ein großes Kompliment an die Mannschaft machen, aber auch Trainer Roberto Mancini. Er hat den italienischen Fußball neu erfunden. Diese Spielfreude, dieses schnelle Umschalten, das ist wirklich ein Genuss. Und 33 ungeschlagene Spiele in Serie sind ein Statement.

Brehme: Die Mannschaft will Italien den Titel schenken

Im Halbfinale gegen Spanien haben sich die Italiener auch schwergetan.
Die Kommentatoren betonen immer, dass Spanien 65 Prozent Ballbesitz hatte. Und? Was sagt das allein aus? Nichts! Italien war immer brandgefährlich. Was mir wirklich bei der Squadra Azzurra imponiert hat, war dieser Wille zu leiden, sich aufzuopfern. Die sind um ihr Leben gerannt - und das werden sie im Finale wieder tun. Sie wollen Italien, dem Land, den Leuten den Titel schenken. Die Restaurants und Bars in ganz Italien werden bin unter die Decke voll sein. (lacht)

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Beeindruckend ist, mit welcher Inbrunst die Italiener die Hymne vor der Partie schmettern, das erinnert fast an den Haka-Tanz, den Neuseelands Rugby-Spieler aufführen.
Absolut, ein sehr guter Vergleich. Diese Leidenschaft ist einzigartig, diese Inbrunst schüchtert den Gegner ein - und es machen ja alle mit! Auch die Spieler auf der Ersatzbank, der Zusammenhalt dieser Truppe ist enorm.

Diese Inbrunst hätte man der DFB-Elf gewünscht...
Ja, da hat mir das Auftreten von der ersten Sekunde an nicht gefallen. Die Körpersprache, die Ausstrahlung, da war nichts da. Wenn man gleich gegen Frankreich spielt, die technisch überragende Einzelakteure haben, muss man denen auf den Socken stehen, die müssen deinen Atem von der ersten Sekunde an spüren. Das mag kein Spieler der Welt. Da muss man auch mal zu Mitteln greifen, die an der Grenze sind. Aber da war nichts. Unsere Tugenden waren immer das Zweikampfverhalten, die Zweikampfhärte - das brauchen wir wieder. Wenn man die Hingabe der Italiener allein bei der Hymne sieht und das mit dem Auftreten unserer Mannschaft vergleicht, weiß man, warum die einen im Finale stehen und die anderen früh raus sind.

Brehme: Deutschland war ängstlicher als England

Und das gegen England, den jetzigen Finalisten. Wobei die Engländer gegen Deutschland in den ersten Minuten ja extrem ängstlich waren.
Das war doch immer so! England hatte immer die Hose voll gegen Deutschland. Egal wo das Spiel war, selbst im Wembley-Stadion. Leider waren wir aber noch ängstlicher.

Die Hose war noch voller.
Ja, so sieht es leider aus, unsere Hose war noch voller. (lacht)

Wo wir gerade bei Angst sind: Bei den Elfmeterschießen sieht man das immer wieder. Sie haben im WM-Finale 1990 den entscheidenden Elfer geschossen. Wie ist denn die Gemütslage in so einem Moment?
Bei jedem Elferschießen hat man Angst. Beim Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt ist man nicht der einsamste Mensch der Welt, man ist einsamer als der Einsamste. Ich habe mich damals total fokussiert. Denn die Argentinier hatten mit Goycochea einen Elfmeterkiller im Tor. Ich habe ihn kürzlich getroffen, da habe ich ihm gesagt: Ohne dich wäre Argentinien nie ins Finale gekommen. Sie waren für mich eine der schlechtesten Mannschaften des Turniers, haben nur ein gutes Spiel gemacht - gegen Italien. Als ich beim Elfer den Ball getroffen habe, war mir sofort klar, dass er den nicht halten kann, weil ich ihn richtig gut erwischt habe. Das spürt, das hört man. Ich werde heute noch auf diesen Elfmeter angesprochen - fast täglich.

Brehme: Elfmeterschießen lässt sich nicht trainieren

Wobei man sich auch darüber streiten kann, wie berechtigt der Elfer für das Foul an Rudi Völler damals im Finale war.
Ja, das kann man. Das Foul davor gegen Klaus Augenthaler im Strafraum war viel klarer, das stimmt. Vielleicht hat der Rudi da einen kleinen Schwächeanfall gehabt, aber in der 85. Minute kann das schon mal passieren (lacht). Auf der anderen Seite: Wer in dem Moment so reingrätscht, wie die Argentinier, ist auch selber schuld.

Teamchef Franz Beckenbauer wollte immer Elfmeter üben lassen, Sie waren dagegen...
Ich habe das dem Franz auch gesagt: Das kann man nicht vergleichen. Im Training pfeifen nicht 80.000, da ist kein Druck. Die Technik kann man üben, den Druck nicht. Daher bringt das nicht viel.

Harry Kane hätte vielleicht noch etwas üben sollen, sein Elfer gegen Dänemark war extrem schwach geschossen, er traf erst im Nachschuss.
Vielleicht hat auch er gewusst, dass der Elfmeter unberechtigt ist. (lacht) Aber egal, ich denke, Italien wird den zweiten EM-Titel nach 1968 nach Hause bringen. Dann wird ganz Italien ein rauschendes Fest feiern.

Und Andi Brehme mittendrin.
Ja, Italien ist und bleibt in meinem Herzen.

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