Doppelrolle als Entert(r)ainer: Plötzlich beginnt Bundestrainer Klopp leise zu singen

In Thessaloniki gibt der neue Bundestrainer den Entertainer: erst kontert er Fragen, dann stimmt er ein Rehhagel-Lied an. Sportlich liefert Klopp ebenfalls Stoff: Bayern-Keeper Jonas Urbig bekommt den nächsten Einsatz – ohne Nummer-eins-Garantie.
von  Patrick Strasser
Gute Laune bei der Presserunde in Thessaloniki: Bundestrainer Jürgen Klopp (l.) und Aleksandar Pavlović.
Gute Laune bei der Presserunde in Thessaloniki: Bundestrainer Jürgen Klopp (l.) und Aleksandar Pavlović. © Christian Charisius

Die Gastgeber bemühten sich, den kurzen Aufenthalt ihrer Gäste vom DFB so angenehm wie möglich zu gestalten. Bundestrainer Jürgen Klopp und Aleksandar Pavlović besuchten am Samstagabend nach der Ankunft in Thessaloniki das Toumba-Stadion von PAOK Saloniki. Kurzer Blick in die altehrwürdige Arena, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil, anschließend der Pflichttermin internationale Pressekonferenz.

Mächtige Männer schirmten den großgewachsenen Bundestrainer auf dem Weg durch die engen Gänge des Stadioninneren ab. Klopp wirkte äußerlich bestens gelaunt. Ob er die Termine mit den Journalisten als notwendiges Übel oder aber Gelegenheit zur ironisch-humoristischen Einordnung der Themen ansieht, mag dahingestellt sein. Wohl eine Mischung aus beiden.

Jürgen Klopp gibts es stets im Doppelpack – als Entert(r)ainer

Der 59-Jährige sitzt auf dem Podium als Bundestrainer, ganz Klopp. Schlagfertig, zwischendrin dem Amt entsprechend ernst. Zugleich kommentiert er aus einer Beobachter-Perspektive, als stecke noch eine Prise Expertentum in ihn. Klopp arbeitete bei der WM in Nordamerika für "MagentaTV", kommentierte süffisant, schmiss sich mit Sprüche-Doppelpartner Thomas Müller die Bälle zu – und oft breit lachend weg.

"Der alte Fuchs" kommentierte Klopp an diesem lauen Spätsommerabend eine seiner eigenen Aussagen. JK gibt’s stets im Doppelpack – als Entert(r)ainer. In der Klopp-Show verschwimmen die Rollen.

Während Julian Nagelsmann nach seinem Amtsantritt im Oktober 2023 hier und da zu Scherzen aufgelegt war und die Reporter wörtlich "ins gemeinsame Boot" holen wollte, verschob sich seine Schmerzgrenze Monat für Monat. Er wurde distanzierter, genervter, bissiger. Während der WM in den US-Stadien wirkte in den extrem heruntergekühlten Räumen Nagelsmann als persönliche Klimaanlage on top.

Klopp: "Was fangen wir mit der Antwort an?"

Klopp versprüht gute Laune, sein lautes, breites Lachen kann ansteckend wirken. Seine Grenzen aber setzt er bitterernst, wie in der Antrittspressekonferenz gegenüber den Reportern: "Wenn ihr euch danebenbenehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg."

Im Toumba-Stadion wurde er von einem griechischen Journalisten gebeten, einen Vergleich zu ziehen zwischen der aktuellen Heim-Elf und den Europameistern von 2024. Je nachdem, wie lange Klopp seine erste Reaktion "Wow!" zum Beginn der Antwort in die Länge zieht, triggert ihn eine Frage. Dazu kommt eine Gesichtsakrobatik auf der nach oben offenen Klopp-Mimik-Skala (von Überraschung bis Erstaunen sowie Verwunderung bis Entsetzen).

Nach dieser Frage meinte er: "Was fangen wir mit der Antwort an?" Um dann doch ein wenig zu referieren. Spontan, höflich. "Den großen Erfolg haben sie mit Otto gehabt, also hatten wir auch unseren Anteil." Otto Rehhagel führte die Griechen vor 22 Jahren zum Sensationstitel. 2004? "Da wurde ich geboren", konnte Sitznachbar Pavlovic zum Thema beitragen – und erntete wohlwollendes Gelächter.

Trainer Otto Rehagel wurde mit Griechenland einst Europameister.
Trainer Otto Rehagel wurde mit Griechenland einst Europameister. © IMAGO

Plötzlich beginnt Klopp leise zu singen

Plötzlich stimmte Klopp leiser, aber gut vernehmbar an: "Ohne Otto wär' das nicht passiert!" Die tapfere Dolmetscherin forderte er auf, es ihm gleichzumachen: "Singen. Singen! Ich habe gesungen." Sie verweigerte, den Zirkus mitzumachen. Ihr Schweigen war Gold. Das Tor ist im Fußball oft ebenso schwierig zu treffen wie der gute Ton.

Über die deutsche Elf wurde auch gesprochen. Huch, Fakten! Klopp verriet, dass Bayern-Torhüter Jonas Urbig erneut ran dürfe – und damit als einziger der fünf Keeper auf zwei Spiele in Klopps erstem Bundestrainer-Zyklus kommt. Ein Indiz für die Nachfolge von Manuel Neuer?

"Mit einem Nummer-eins-Status hat das nichts zu tun", stellte Klopp klar und schob hinterher: "Normalerweise kriegen Nationalspieler Spielpraxis in ihren Vereinen. Bei uns ist das anders. Bei uns gibt es all inclusive."

Hi, hi. Er grinste. Ob er das auch dann macht, wenn ein Spieler eben diese Argumentation künftig einmal für sich beansprucht? Klopp wäre nicht Klopp, würde ihm dann nicht etwas Launiges einfallen.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.