Die drei Szenarien für Nagelsmanns Bundestrainer-Zukunft

So viel Geschichte begegnet einem beim Besuch des "Gillette Stadium" in Foxborough, das während der WM "Boston Stadium" heißt. Hier hat das Football-Team der New England Patriots sein Zuhause, Quarterback-Legende Tom Brady hat mit den "Pats" sechs Mal den Super Bowl gewonnen.
Vom ganzen großen Triumph, vom goldenen WM-Pokal, der Sehnsuchtstrophäe im Weltfußball, ist Julian Nagelsmann noch weit entfernt. Vor zwei Jahren, nach dem unglücklichen EM-Aus 2024 im Viertelfinale gegen Spanien (1:2 nach Verlängerung) hatte der Bundestrainer trotzig gesagt: "Es tut weh, dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird." Nun hat das DFB-Team erstmals seit 2014 wieder die Vorrunde einer WM überstanden, ist als Gruppensieger ins Sechzehntelfinale eingezogen.
Nagelsmann reagiert auf Kritik dünnhäutig
Und dennoch hagelte es nach der 1:2-Pleite zum Abschluss der Vorrunde gegen Ecuador Kritik. Es ging um die Aufstellung und mangelnde Einstellung. Die zuvor gute Stimmung nach den beiden Auftakterfolgen gegen Curacao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) trübte sich ein, leichte Wolken zogen auf. Stört ihn die Kritik von ehemaligen Nationalspielern wie Lothar Matthäus oder Philipp Lahm? Hat er das Gefühl, sich gegenüber den Kritikern beweisen zu müssen?
"Tatsächlich geht es mir nur um die Mannschaft und unseren Erfolg", sagte Nagelsmann am Vorabend der Partie im Stadion der New England Patriots und betonte: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendeine Beweispflicht irgendjemandem gegenüber habe - außer den Spielern, dass ich an der Seitenlinie auch emotional mitgehe, was ich auch von meinen Spielern verlange. Und dass ich versuche, ihnen so gut es geht zu helfen während dem Spiel."
Für die Nagelsmann-Zukunft gibt es drei Szenarien
Auf die Nachfrage eines brasilianischen Reporters, wie er persönlich mit dem nun gestiegenen Druck umgehe, antwortete Nagelsmann auf Englisch: "If you win, everything is perfect. If you lose, everything is shit." Auf gut Deutsch: Gewinnst du, ist alles perfekt. Verlierst du, ist alles Sch..."
Es gibt drei Szenarien, was die Zukunft von Nagelsmann nach dem Ende dieser WM betrifft.
Szenario Nummer eins, der absolute Erfolgsfall: Mal angenommen das DFB-Team wird Weltmeister – wäre es gänzlich auszuschließen, dass Nagelsmann bei diesem Best-Best-Best-Case zurücktritt? Auch ein verlorenes Finale gegen einen der Großen des Weltfußballs ebenso wie das Erreichen des Halbfinals müsste mit der Bilanz der vergangenen Turniere (das letzte Halbfinale erreichte der DFB bei der EM 2016 in Frankreich) als Erfolg gewertet werden. All diese Ergebnisse könnten allerdings im zuletzt angespannt wirkenden Nagelsmann einen Denkprozess in Gang setzen, bei dem er am Ende sagt: Macht doch euren Kram alleine! Soll sich doch einer – vielleicht sogar einer der lieben Experten – beweisen! Verkloppt nochmal!

Szenario zwei: Ein K.o. in der Runde der letzten 32, dem neu eingeführten Sechzehntelfinale, wäre vergleichbar mit dem jeweils blamablen Ausscheiden in der Vorrunde in Russland 2018 und in Katar 2022. Schließlich wurde das WM-Teilnehmerfeld für dieses Turnier von 32 auf 48 Nationen aufgebläht. Bei einem Aus gegen Paraguay, den 41. der Fifa-Weltrangliste, wäre die Zukunft von Nagelsmann trotz des Vertrages bis zur EM 2028 – vorsichtig formuliert – ziemlich offen. Ein radikaler Neuanfang müsste her, in der Mannschaft und beim Trainerstab. Im Grunde wäre Nagelsmann durch.
Sorgt Olise dafür, dass Nagelsmann im Amt bleibt?
Schließlich Szenario drei: Ein ehrenwertes und dramatisches, weil knappes Achtelfinal-Aus gegen den Top-Favoriten Frankreich könnte das Nadelöhr für eine Nagelsmann-Zukunft als Bundestrainer sein. Eine Niederlage ist zwar nie verschmerzbar, aber in dem Fall gegen die Superstar-Auswahl um Dembélé, Olise und Mbappé erklärbar. Vorwürfe würde Nagelsmann wohl kaum jemand der Experten machen, außer er verpokert sich bei der Aufstellung wie beim Viertelfinale der Heim-EM 2024 gegen Spanien, als er plötzlich Emre Can aus dem Hut zauberte – und seinen Fehler mit dessen Auswechslung zur Halbzeit korrigierte.
Sorgt also ausgerechnet Bayern-Profi Olise dafür, dass Ex-Bayern-Chefcoach Nagelsmann weiter das DFB-Team um Bayerns Führungsspieler Joshua Kimmich trainiert?