Blinde Schiris, magische Augen

Nach Englands (Nicht-)Tor gegen Deutschland wird die Einführung technischer Hilfen gefordert. In anderen Sportarten ist so etwas längst üblich.
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Drin, da Ding: Manuel neuer kann den Schuss von Frank Lampard nicht parieren, aber der Schir sah nicht, dass der  Ball im Netz war.
dpa Drin, da Ding: Manuel neuer kann den Schuss von Frank Lampard nicht parieren, aber der Schir sah nicht, dass der Ball im Netz war.

Nach Englands (Nicht-)Tor gegen Deutschland wird die Einführung technischer Hilfen gefordert. In anderen Sportarten ist so etwas längst üblich.

JOHANNESBURG Wenigstens hat Señor Larrionda seinen Fehler eingesehen. Als dem Schiedsrichter aus Uruguay der Schuss von Frank Lampard auf Video vorgeführt wurde, entfuhr es ihm: „Oh, my God!“ Der Ball war von der Latte deutlich ins Tor gesprungen, es wäre das 2:2 für England gegen Deutschland gewesen. Larrionda aber ließ weiterspielen – und die Briten tobten. „The Sun“ schrieb: „Larrionda und seine Assistenten waren blind.“ Ein WM-Skandal, der zu vermeiden gewesen wäre, hätte man einen Videobeweis oder andere Hilfsmittel bemühen können.

Doch der Weltverband Fifa weigert sich, Fußball in die technische Moderne zu führen. Das Experiment mit einem Chip im Ball, der dem Referee binnen 0,2 Sekunden anzeigen würde, ob das Spielgerät hinter der Linie war, kam über die Testphase nie hinaus (siehe Kasten rechts). „Das würde das menschliche Gesicht des Spiels zerstören“, hatte Fifa-Boss Sepp Blatter vor der WM erklärt.

Dabei fordern nach dem Lampard-Schuss sogar die Deutschen (die von der Fehlentscheidung profitiert haben) ein Umdenken. „Technische Hilfsmittel sind doch im Football oder im Eishockey gang und gäbe. Warum soll das bei uns nicht funktionieren?“, meinte Nationalstürmer Miroslav Klose. Auch Markus Merk, dreimaliger Weltschiedsrichter, setzt sich für ein elektronisches Auge für die Referees ein: „Wir leben im 21. Jahrhundert und verzichten auf jegliche Technik. Solche Fehler sind Wettbewerbsverzerrungen.“

In anderen Sportarten wird solche Technik längst genutzt:

American Football: Seit 1986 gibt es in der US-Profiliga NFL das so genannte „instant replay“. Der Referee kann eine strittige Spielszene sofort auf einem TV-Monitor anschauen. Seit 1999 darf jeder Cheftrainer pro Spiel zwei Entscheidungen der Schiedsrichter überprüfen lassen.

Dem Referee werden in einem eigenen Monitor alle verfügbaren Fernsehbilder einer strittigen Szene vorgespielt. Innerhalb von 60 Sekunden muss er eine Entscheidung treffen – und darf sie nur abändern, wenn ein „unanfechtbarer visueller Beweis“ vorliegt. In den letzten zwei Spielminuten werden strittige Szenen ausschließlich von einem Offiziellen, der in einer Videokabine sitzt, angeordnet.

Eishockey: In der US-Liga NHL wird die Torkamera eingesetzt um zu überprüfen, ob ein Tor regulär erzielt wurde. Hierzulande hat die DEL solche Kameras bereits Mitte der 90er Jahren bei TV-Spielen eingesetzt, seit 2001 gibt es sie bei jeder Partie.

Basketball: In der NBA gibt es seit 2002 einen Videobeweis, um zu überprüfen, ob ein Wurf noch vor Spielende in den Korb traf. Seit der Saison 2008/2009 wird das Hilfsmittel auch eingesetzt, um zu klären, ob ein Wurf vor oder hinter der Drei-Punkte-Linie abgefeuert wurde.

Tennis: Seit 2006 wacht das „hawk eye“, das Adlerauge. Spieler können pro Satz drei Entscheidungen von diesem High-Tech-System überprüfen lassen. Wegen hoher Kosten (über 50000 Dollar) kommt es aber nur bei großen Turnieren und auch dort nur auf Hauptplätzen zum Einsatz.

Auch im alpinen Skizirkus, bei Cricket, Baseball, Fechten und der Leichtathletik werden elektronische Hilfsmittel eingesetzt. Nur das Millionengeschäft Fußball verweigert sich der neuen Technik. Dass man mit diesen Hilfsmitteln auch die Gefahr von Wettbetrügereien minimieren könnte, wäre ein wunderbarer Nebeneffekt.

Matthias Kerber

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