WM-Gespräch: Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft

Im WM-Gespräch analysiert Marcel Reif das Scheitern der deutschen Elf in Russland, die Fehler des DFB und von Bundestrainer Joachim Löw: "In dieser Gruppe nicht Zweiter zu werden, ist ein Totalschaden."
| Julian Buhl
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Sein Geniestreich in letzter Minute gegen Schweden war nicht genug: Deutschlands Mittelfeld-Taktgeber Toni Kroos.
dpa/AZ Sein Geniestreich in letzter Minute gegen Schweden war nicht genug: Deutschlands Mittelfeld-Taktgeber Toni Kroos.

München - WM-Gespräch mit Marcel Reif. Der 68-jährige Kommentator arbeitet aktuell als TV-Experte beim "CHECK24 Doppelpass" auf Sport1 (Sonntag, 11 Uhr).

AZ: Herr Reif, ab wann war Ihnen klar, dass die deutsche Nationalmannschaft gegen Südkorea (0:2) ein historisches Debakel erleben würde? Beim Blick auf die Aufstellung?
MARCEL REIF: Da habe ich mich gefragt: Was macht er? Ich dachte: "Okay, Löw gibt vor allem Özil und Khedira das Spiel der letzten Chance und wir haben es offenbar schon gewonnen, weil er experimentiert hat." Als Hektik und Hilflosigkeit gegen einen um zwei Klassen schwächeren Gegner losgingen und wie Löw ausgewechselt hat – Khedira war der Erste, der gehen musste –, war mir klar, dass er sich verzockt hat. Es ist diesmal kein Glücksschuss von Kroos passiert. Du kannst nicht Glück und Wunder als Geschäftsmodell verlangen. Es gab keinen ernstzunehmenden Gegner in dieser Gruppe. Die Mannschaft hat nur gegen sich selbst verloren.

Warum?
Wenn du Weltmeister warst, ist es schwer, das noch mal zu werden. Die letzten, die das geschafft haben, waren die Brasilianer mit Pelé 1962. Jungen Menschen, die Weltmeister waren, fällt es schwer, noch mal diese Gier, den Hunger und Willen zu entwickeln. Dann kamen noch andere Sachen hinzu, auch Coaching- und Aufstellungsfehler. In dieser Gruppe nicht Zweiter zu werden, das ist aber ein Totalschaden.

Wie ist der für Bundestrainer Joachim Löw einzuordnen?
Er hat schon gezeigt, dass er eine Mannschaft zum Weltmeistertitel führen kann. Aber das ist ein Desaster, denn der Kader war sogar noch besser als vor vier Jahren. Ich habe da keinen WM-Touristen gesehen, das war in Brasilien anders. Aber auch von Coaching wenig bis überhaupt nichts. Dann lässt man Sané zu Hause, einen Typen der Zukunft. Wenn ich das Gefühl habe, der braucht noch ein bisschen Pädagogik – das kann man am besten in einem solchen WM-Trainingslager machen. Warum hat Julian Brandt gegen Südkorea nicht gespielt? Im ersten Spiel hat Löw Reus draußen gelassen, weil er ihn für die wichtigen Spiele schonen wollte. Naja, das kann er jetzt gerne machen. Aber an einem lässt es sich am besten festmachen.

Die (schlechten) WM-Abschlussnoten für alle deutschen Spieler

An wem?
Toni Kroos. Er hat gegen Schweden Grandioses geleistet. Ein Spiel zu verlieren und dann noch zu gewinnen, das können nur ganz wenige auf der Welt. Aber Kroos ist Weltmeister und vor drei Wochen zum vierten Mal Champions-League-Sieger geworden. Und der soll dann sofort wieder mit der gleichen Motivation hochfahren? Die WM ist mit Kasperlmannschaften gespickt. Da musst du dich durch die Vorrunde durchbeißen. Den Deutschen ist das überhaupt nicht gelungen. Dazu brauchst du die nötige Einstellung. Dafür ist auch ein Trainer zuständig. Deshalb gibt es jetzt keine Frage, die nicht gestellt werden darf. Ich halte Löw für integer genug, zu sagen: "Logisch, ich habe es nicht hingekriegt. Nicht richtig aufgestellt, den Kader nicht richtig zusammengestellt und das Team nicht einstellen können."

Er hat seine Zukunft offen gelassen. Kann er überhaupt eine als Bundestrainer haben?
Das kann er. Einer, der Weltmeister geworden ist, hat enormen Kredit. Aber er muss jetzt erklären, woran es gelegen hat und wie wir so etwas ändern können. Dass der deutsche Klubfußball in einer ganz tiefen Delle steckt, haben wir gesehen. Und auch, dass die Nationalelf seit geraumer Zeit gegen die Großen kaum mithalten kann. Es gibt genug hervorragende Fußballspieler in Deutschland, aber irgendwo stimmt es nicht. Löw wird sich selber fragen: "Habe ich noch mal die Kraft und die Lust?" Den Vertrag vor dem Turnier bis 2022 zu verlängern, ist kein gutes Signal gewesen. Auch diese ganze Marketing-Geschichte war mir zu viel: "Best never rest", die Titelverteidigung. Das war ein Rucksack, den es nicht gebraucht hat.

Erwarten Sie Rücktritte von Spielern?
Nun ja, Khedira wird nachdenken, Gomez sowieso. Ansonsten sehe ich da keinen – die sind ja alle im besten Alter. Warum sollte Neuer, der beste Torhüter der Welt, das tun? Thomas Müller war ein Schatten seiner selbst, wurde im ersten Spiel rechts geparkt und falsch eingesetzt. Soll er jetzt zurücktreten? Quatsch.

Halten Sie es bei Mesut Özil für möglich, nach all der Kritik, die auf ihn eingeprasselt ist?
Eingeprasselt klingt mir zu sehr nach Opfer, da habe ich ein Problem damit. Die ganze Erdogan-Geschichte hat die Vorbereitung erschwert. Die deutsche Mannschaft ist im Prinzip ohne zwei Spieler zur WM gefahren. Gündogan hat das seine Form gekostet. Das hätte man schneller vom Tisch haben können, wenn auch Özil gesagt hätte: "Das war ein Fehler." Wenn er keine Lust mehr hat, werde ich nicht in Tränen ausbrechen.

Die WM geht nun ohne Deutschland weiter. Gibt es für Sie einen Favoriten?
Jetzt sehen wir den richtigen Fußball. Nachdem die Deutschen ausgeschieden sind, glauben die Engländer, dass sie Weltmeister werden können.

Und sonst?
Brasilien rennt um sein Leben, weil sie vor vier Jahren 1:7 im Halbfinale verloren haben. Spanien hat lange nichts gewonnen, war aber mal das Maß der Dinge. Die Franzosen waren das auch mal und haben noch länger nichts gewonnen. Belgien ist seit sechs Jahren der Geheimfavorit. Und Kroatien? Aber wir haben dieses Problem nicht mehr.

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