DFB-Team im "Stade de France": Zurück am Ort der Angst

Beim EM-Gruppenspiel gegen Polen läuft die DFB-Elf wieder im „Stade de France“ in Paris auf – dem Ort des Terrors vom November 2015. „Wir haben keine
| Patrick Strasser
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Die Nacht des Schreckens: Die Nationalspieler Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mario Gomez und Bastian Schweinsteiger im „Stade de France“ am 13. November 2015. Fans verlassen nach den Anschlägen das Stadion.
dpa Die Nacht des Schreckens: Die Nationalspieler Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mario Gomez und Bastian Schweinsteiger im „Stade de France“ am 13. November 2015. Fans verlassen nach den Anschlägen das Stadion.

Beim EM-Gruppenspiel gegen Polen läuft die DFB-Elf wieder im „Stade de France“ in Paris auf – dem Ort des Terrors vom November 2015. „Wir haben keine Sorgen, fühlen uns sicher“, sagt Jérôme Boateng.

Hans-Dieter Hermann ist seit 2004 Mitglied der Mannschaft hinter der Mannschaft. Der 56-Jährige fungiert im Betreuerstab der Nationalelf als Teampsychologe. Seine Dienste jedoch wurden in den Tagen von Évian bisher nicht in Einzelgesprächen beansprucht, heißt es von Seiten des DFB. Auch nicht wegen Paris und der Rückkehr an den Ort des Schreckens. Während der Terror-Attacken des 13. November 2015, als 137 Menschen bei Attentaten starben, hatten Mannschaft und Betreuerstab aus Sicherheitsgründen die Nacht in den Katakomben des „Stade de France“ von Saint-Denis verbringen müssen. Am Mittwoch geht es erstmals wieder zurück dorthin, zum Abschlusstraining ab 18.30 Uhr vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Polen am Tag darauf (21 Uhr, ZDF live).

Die Bilder von damals, irgendwo in der Tiefe des Kopfes vergraben, werden bei jedem einzelnen wieder hochkommen. Die Gedanken von damals, all die Sorgen und Ängste, werden für wenige Momente wieder präsent sein. Erinnerungen und Emotionen kann man nicht abschalten. Womöglich wird all das den ein oder anderen Spieler und dessen Psyche mehr fordern als die Vorbereitung auf den Gegner und dessen Spielweise. Auch wenn – das ist ebenso natürlich wie menschlich – das Thema verdrängt wird.

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Wir reisen ganz normal an, wie nach Lille zum ersten Spiel auch“, sagte Jérôme Boateng, „wir haben keine Sorgen, fühlen uns sicher.“ Damit dem so ist, wurde der gesamte EM-Kader vor Beginn des Turniers von Teammanager Oliver Bierhoff über die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen rund um die Mannschaft in einem Gespräch informiert. Es habe keine Rückfragen gegeben.

Psychologe Hermann bot dennoch Unterstützung an, falls sich jemand durch das Thema und die Erinnerungen belastet fühlen sollte. Keiner nahm das Angebot wahr. „Wir Spieler haben unsere Aufgaben“, sagte Shkodran Mustafi, „konzentrieren uns auf das Sportliche.“ Dennoch geht jeder anders damit um.

Vor allem, was Familienangehörige und Freunde betrifft. Boateng möchte seine Angehörigen wegen der Terrorgefahr nicht in Frankreich dabei haben. „Da ich zwei kleine Töchter habe, habe ich mich entschieden, dass sie nicht reisen“, erklärte Boateng, dem das „Risiko einfach zu groß“ sei. In „Sport-Bild“ hatte der Abwehrchef der Nationalelf gesagt, es sei „natürlich einerseits traurig, dass man sich mit solchen Themen auseinandersetzen muss. Andererseits sind zuletzt eben viele Dinge passiert, die einen nachdenklich machen.“

Lukas Podolskis Frau Monika, die erst kurz vor Turnierbeginn Töchterchen Maya zur Welt brachte, wird in der Vorrunde ebenfalls nicht dabei sein. „Ab dem Achtelfinale entscheiden wir spontan. Meine Frau ist im Moment mit den zwei Kindern so beschäftigt, dass sie keine Zeit hat.“ Premierentorschütze Mustafi gab an Freunde und Familie die Parole aus: „Wer kommen kann, kann kommen – so lange ich noch Karten zur Verfügung habe.“

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Die Nacht in den Katakomben von Paris an jenem dunklen November-Tag war für Boateng „einer der schwierigsten Momente meiner Karriere, die schlimmste Erfahrung meines Lebens“, wie er im Interview mit „DB MOBIL“ berichtete. Der Bayern-Profi weiter: „Auch wenn ein bisschen Zeit verstrichen ist seit November vergangenen Jahres – es war und ist eine schwierige Situation.“ Der 27-Jährige war beim Testländerspiel gegen Frankreich zur Pause ausgewechselt worden und habe dann in der Kabine beim Blick aufs Handy von den Attentaten erfahren. „Sofort stieg ein ungutes Gefühl in mir hoch.

Wir konnten immerhin im Stadion telefonieren und unsere Familien und Freunde beruhigen.“ Bei einem kurzen PR-Termin, den Boateng im Frühjahr in Paris hatte, habe er jedoch gar nicht an jene Nacht gedacht.

Vergessen, verdrängen – so gut es geht. Das empfiehlt auch der Teampsychologe. Hans-Dieter Hermann sagte der „Badischen Zeitung“: „Das kann durchaus eine zeitlang individuell eine sinnvolle Strategie sein. Vor dem Hintergrund des Vertrauens in die Sicherheitsmaßnahmen werden das die meisten so machen.“

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