"Am Ende musste ich ins Tor"

Das EM-Gespräch (2): Roger Cicero singt das offizielle DFB-Lied. Er versuchte sich erfolglos als Keeper – und staunt nun über Manuel Neuer.
| Matthias Kerber
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Das EM-Gespräch (2): Roger Cicero singt das offizielle DFB-Lied. Er versuchte sich erfolglos als Keeper – und staunt nun über Manuel Neuer

AZ: Herr Cicero, hätten Sie sich als Deutschlands bekanntester Jazzmusiker jemals vorstellen können, dass Sie zum Barden des Balls werden?


ROGER CICERO: (lacht) Ein Barde des Balls? Nee, das war sicher außerhalb meiner Vorstellungskraft. Das war auch für mich eine sehr, sehr große Überraschung. Aber als dann die Entscheidung fiel, dass das Lied „Für nichts auf der Welt” der offizielle EM-Song wird, habe ich mich wahnsinnig gefreut.


„Ich drehe mich nicht um, für nichts auf dieser Welt” – das klingt wie die etwas poetischere Umsetzung des Lebensmottos von Oliver Kahn „Weiter, immer weiter”.


Das stimmt. Das ist ein Motto, das man auf die verschiedensten Lebensbereiche anwenden kann. Mir ist das sehr, sehr gut bekannt, wenn ich die Bühne betrete. Hinter der Bühne hat man noch Zeit, über alle möglichen Dinge nachzudenken und sich mit dem Leben zu beschäftigen. An morgen, an gestern, an was auch immer zu denken. Aber sobald man diesen einen Schritt macht, der einen auf die Bühne – oder eben ins Stadion – führt, ist es damit vorbei. Man kann nur noch im Hier und Jetzt sein. Es geht nur noch nach vorne und geradeaus.


Mit Kahn hatten Sie auch sonst etwas gemein. Auch Sie spielten als Torhüter!


Ja, das war allerdings, weil ich im Kicken nie sehr talentiert war. Deswegen musste ich am Ende ins Tor. Da war ich aber noch viel schlechter, deshalb war dann auch meine Torwart-Karriere sehr, sehr schnell beendet und ich habe mich lieber wieder der Gitarre zugewandt.


Sie sollen eher eine Art Ballphobie gehabt haben.


Ich habe mich im Tor eher weggeduckt und von den Bällen abgewendet als mich ihnen entgegen zu werfen. Ja, das stimmt.


Der EM-Song ist ja kein klassisches Fanlied, das erst einmal den Promilletest bestehen muss...


Dieser Song war eigentlich überhaupt nicht als Fußball-Hymne, als Fußballsong konzipiert. Und erst nachdem er angeboten wurde, ist mir selber klar geworden, wie sehr der Text doch auch passt für dieses Event, diese EM, wie sehr er auch auf unsere Mannschaft zugeschnitten ist. Ich denke schon, dass er eine Fußball-Hymne werden kann, dass er motiviert. Ich sehe sehr viele Parallelen zwischen Musik und Fußball. Beide emotionalisieren vollkommen.


Sportler haben ja Musik auch immer als Motivationshilfe benutzt.


Musik ist etwas Beflügelndes. Es gibt für jede Emotion, für jede Situation ein unterstützendes Lied, was einen bestärkt genau in diesem Gefühl oder Vorhaben. Das passt natürlich wunderbar.


Zwei der berühmtesten Motivationslieder für Fußballer waren Xavier Naidoos „Dieser Weg” und „54, 74, 90, 2006” von den Sportfreunden Stiller.


Das sind zwei sehr, sehr gute Lieder. „Dieser Weg” ist ein ganz großartiger Song, mit einem tollen Text. Das ist auch lustig, weil es eine unfreiwillige Fußball-Hymne geworden ist, weil ihn die Spieler selbst zu ihrem Lied gemacht haben. Und die Sportis, die haben ja in Deutschland schon fast Kultstatus. Das ist eine tolle Band, die einen extrem lustigen Song geschaffen hat. Ich kenne die Sportis auch, habe sie selber live gesehen und mag die Band sehr.


Als Vertreter des offiziellen Fußball-Songs stehen Sie aber auch in der Tradition von Michael Schanze mit „Olé Espana”, Peter Alexanders „Mexico Mi Amor”, Village Peoples „Far Away In America” und Udo Jürgens, der mit „Buenos Dias Argentina”, und „Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf”, gleich zwei Mal den offiziellen Song für ein Fußball-Großereignis beisteuern durfte...


Ich schere aber insofern aus dieser Reihe vollkommen aus, da ich bewusst keine Fußballmannschaft als Chor in das Lied integriert habe. Zu den Songs selber kann man nur sagen: Das waren definitiv Sternstunden des Showbusiness.


So wie auch Franz Beckenbauers legendäres „Gute Freunde”.


Ja, noch eine absolute Sternstunde, es hat definitiv sehr großen Unterhaltungswert.


Spötter sagen, die Lieder passten zu den Frisuren.


Das stimmt.


Einer Ihrer Hitsongs lautet: „Frauen regieren die Welt”. Während der EM dürften, zumindest an der Fernbedienung, wieder die Männer die Herrschaft übernehmen.


(lacht) Wer sagt das denn? Ich kenne eine Menge Frauen, die unfassbare Fussballfans sind – und mindestens genauso emotional.


In „Für nichts auf dieser Welt” geht es auch sehr viel um Zweifel. Ist das Zweifeln sehr deutsch? Andere Nationen treten da ganz anders, sehr viel selbstbewusster auf.


Die zweifeln auch, aber sie gehen damit anders um. Das wird eher hinter verschlossenen Türen gezeigt. Ich glaube eigentlich nicht, dass es eine urtypisch deutsche Eigenschaft ist, Zweifel zu haben. ich finde aber Zweifel sogar sehr gesund, weil Zweifel auch für eine gewisse Demut sorgen. Das kann etwas extrem Hilfreiches, Ruhe bringendes sein.


Man kennt Sie nun als gefeierten Star, aber Zweifel sind Ihnen keineswegs fremd...


Mein Weg war gar nicht einfach und auch gar nicht geradlinig. Er war auch immer wieder von Rückschlägen geprägt, von Schlangenlinien und Tingeleien. Es war eine Selbstfindung. Für mich als Künstler, als Person, die auf der Bühne steht. Und ich muss auch ganz klar sagen: Ich bin froh, dass ich Musiker bin, denn dadurch hatte ich länger Zeit, mich zu sortieren. Als Sportler muss man das sehr früh tun. Und ich war wirklich sehr beeindruckt, von der Aura der einzelnen Spieler. Das sind alles ganz, ganz junge Kerle. Aber die sind so fokussiert, konzentriert und diszipliniert, das nötigt großen Respekt ab.


Wessen Aura hat Sie am nachhaltigsten beeindruckt?


Manuel Neuer. Der hat eine sehr selbstbewusste, aber gleichzeitig demütige Haltung. Das ist sehr außergewöhnlich, das habe ich in dieser Art bisher nur bei Tennis-Superstar Roger Federer entdecken können.


Sie stehen selber dem Buddhismus sehr nahe. Was können Sportler vom Buddhismus lernen?


Ich finde, ein sehr schönes spirituelles Prinzip des Buddhismus ist dieses Streben nach der eigenen Buddha-Natur. Übersetzt nach dem Göttlichen, was einem innewohnt. Davon auszugehen, dass alles, was man braucht, dass man das komplette Potenzial was man braucht, um alles tun zu können, bereits in sich trägt, finde ich einen sehr tröstlichen Gedanken.


Vor allem die Textzeile „Für nichts auf der Welt geb ich uns verloren! An Tagen wie diesen werden Sterne geboren!” hat Teammanager Oliver Bierhoff tief beeindruckt und angesprochen – wird der Finaltag für die Deutschen ein Tag, an dem neue Sterne geboren werden?


Das wollen wir doch alle hoffen.

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