25 Jahre Deutschland-Komplex: Ziege erinnert sich an den Wembley-Triumph 1996

Im EM-Achtelfinale muss Deutschland gegen England ran - im Wembley-Stadion. Dort hat Andy Möller am 26. Juni 1996 die Three Lions im Elfmeterschießen ins tiefe Tal der Tränen verbannt.
| Patrick Strasser
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"Danach war ich stolz und erleichtert, dass ich mich getraut hatte", sagt Ziege über seinen verwandelten Elfer im EM-Halbfinale 1996.
"Danach war ich stolz und erleichtert, dass ich mich getraut hatte", sagt Ziege über seinen verwandelten Elfer im EM-Halbfinale 1996. © imago images/Camera 4

London - Wie sagte Kaiser Franz Beckenbauer einst so schön: "We call it a Klassiker." So ist es - England gegen Deutschland in Londons Fußball-Tempel Wembley ist das Nonplusultra (allerdings ohne deutsche Ultras wegen der Corona-Reisebeschränkungen) des Achtelfinales dieser EM-Endrunde (Dienstag, 18 Uhr, ARD und MagentaTV sowie im AZ-Liveticker).

Die Arena im Norden der britischen Hauptstadt atmet trotz der Modernisierung immer noch den Charme der früheren Kathedrale aus Holz und Pathos, der Quelle des heutigen Mythos. Da ist das "Wembley-Tor" vom 1966er-Endspiel, der Schuss von Geoff Hurst in der 101. Minute an die Unterkante der Latte, den der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst erst nach Rücksprache mit dem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow gab.

Stefan Kuntz wollte eigentlich gar nicht schießen

Ach, lassen wir das. 55 years have hurt - seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Stich in die DFB-Seele. 1996 wurde die Wunde etwas geschlossen. Durch den Triumph im Elfmeterschießen an selber Stätte - beim EM-Halbfinale gegen die Gastgeber. Stichtag 26. Juni, diesen Samstag vor genau 25 Jahren.

Matchwinner! Köpke hält den Elfer von Southgate
Matchwinner! Köpke hält den Elfer von Southgate © picture alliance/dpa

1:1 hieß es nach 120 Minuten durch die Treffer von Alan Shearer und Stefan Kuntz, dem heutigen U21-Erfolgstrainer und EM-Experten der ARD. Die Stimmung à la "Football's coming home" unter den 75.000 Fans (diesmal sollen rund 43.000 zugelassen werden) gab's gratis. "Als wir zum Aufwärmen raus sind, hatte ich 35 Minuten lang Gänsehaut", sagte Kuntz: "Ich wollte diese Stimmung einatmen, sie fühlen, verinnerlichen."

Offenbar auch beim Elfmeterschießen. Denn Kuntz, früher Kapitän der Lauterer und damals seit einer Saison bei Besiktas Istanbul, hatte seinen speziellen Plan für das Shoot-out vom Punkt.

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"Ich dachte, wenn ich mich als fünfter Schütze melde, komme ich erst gar nicht mehr dran, weil die Engländer doch sicher nicht fünfmal treffen werden", erzählte Deutschland Fußballer des Jahres (1991) und fügte hinzu: "Als sie aber alle fünf verwandelt hatten, ist mir das Herz tief in die Hose gerutscht und ich hatte große Angst. Eigentlich wollte ich flach schießen, zum Glück ist er dann hoch reingegangen."

Ziege: "Es wollten nicht allzu viele schießen"

Nochmal ganz von vorne: Die Engländer begannen, konnten immer vorlegen. Denn: alle trafen. Shearer, David Platt, sogar Stuart Pearce (der im WM-Halbfinale von 1990 DFB-Torwart Bodo Illgner angeschossen hatte), der begnadete Rowdy Paul Gascoigne ("Gazza") und Teddy Sheringham. Für die Elf von Bundestrainer Berti Vogts zogen Andy Möller, Thomas Strunz und Stefan Reuter nach.

Beim Stand von 4:3 für die Gastgeber war dann Christian Ziege dran. "Es wollten nicht allzu viele schießen. Ich war kaputt wie Sau, angeschlagen, in einem Zweikampf richtig erwischt worden", betont Ziege (49) jetzt im Gespräch mit der AZ und erinnert sich: "Dazu kam die Anspannung, man denkt an die Fans und all die Leute zu Hause. Aber ich habe gerne Elfmeter geschossen, mochte diese Herausforderung. Wenn du antrittst, solltest du dich für eine Sache entscheiden und dabei bleiben. Sonst geht's in die Hose. Ich hatte mir ab der Mittellinie das linke Torwart-Eck vorgenommen - dann mit der Innenseite halbhoch rein damit. Danach war ich stolz und erleichtert, dass ich mich getraut hatte - und nicht zum Deppen der Nation wurde."

Ziege ist "total überzeugt davon, dass wir weiterkommen"

Als es dann 5:5 stand und tatsächlich auch Kuntz - erfolgreich - dran war, schlug die Stunde derjenigen, die zunächst nicht wollten. Gareth Southgate, der heutige Nationaltrainer der Briten (pikant, pikant!), scheiterte am deutschen Torhüter Andreas Köpke und Möller verwandelte seinen Elfer. Daraufhin imitierte er die Jubel-Pose von Gazza. 6:5 - das Finale gegen Tschechien war erreicht, dort trug sich Oliver Bierhoff mit seinem Golden Goal zum 2:1 in die Geschichtsbücher ein.

Möller schießt Deutschland ins Finale und jubelt in Gascoigne-Pose.
Möller schießt Deutschland ins Finale und jubelt in Gascoigne-Pose. © imago images/Horstmüller

Wer diesmal zum Hero wird? "Ich bin ziemlich zuversichtlich", schrieb Ex-Torjäger Shearer in seiner Kolumne bei BBC Sport. "Wir müssen Deutschland mit Sicherheit nicht fürchten. Genau genommen habe ich bei dieser EM noch gar nichts gesehen, wovor wir Angst haben sollten."

Worauf Ziege genüsslich kontert: "Wenn man das schon betonen muss, wird was Wahres dran sein. Sonst betone ich das nicht extra so. Ich bin total überzeugt davon, dass wir weiterkommen."

Und Kuntz meint: "Ich habe ein bisschen die Hoffnung, dass die Engländer wieder ihrem Deutschland-Komplex verfallen." Oder dem bekannten Elfmeter-Komplex. . .

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