Interview

Herbert Hainer über Bayerns Basketballer: "Eine Saison ohne Titel ist eigentlich ein No-Go"

Der Bayern-Präsident bilanziert im AZ-Interview die Saison der Bayern-Basketballer, spricht über die geplante Verpflichtung von Trainer Anton Gavel, die Impulse des neuen Sportchefs und Budgetfragen.
Ruben Stark
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Bayern-Präsident Herbert Hainer.
Bayern-Präsident Herbert Hainer. © IMAGO/kolbert-press

AZ: Herr Hainer, ist die Enttäuschung über die verlorene Meisterschaft schon ein wenig abgeklungen seit Sonntag?
HERBERT HAINER: Die Enttäuschung wird noch eine Weile anhalten, denn eine Saison ohne Titel ist für den FC Bayern Basketball alles andere als zufriedenstellend. Ich war schon sehr frustriert am Sonntag, nachdem wir das Spiel verloren hatten, nach einer tollen ersten Halbzeit mit 20 Punkten Vorsprung. Aber gut, so ist nun mal der Sport, das gehört leider auch dazu. Jetzt gilt es, nach vorne zu schauen und wir sind bereits dran, die nächste Saison zu planen. Wir werden wieder angreifen, darauf kann sich jeder verlassen.

Aufgearbeitet werden muss die Spielzeit dennoch. Wo sehen Sie die Gründe für die erste titellose Saison seit 2022?
Ich glaube, in der Rückschau ergibt sich ein vielfältiges Bild. Wir benötigen keine Ausreden, aber manche Dinge sind durch Erklärung besser zu verstehen. Wenn ich mal ganz vorne anfange: Unser Ziel war es, einen der besten Point Guards in Europa zu verpflichten - und das ist uns mit Rokas Jokubaitis gelungen. Leider hat er sich bei der Europameisterschaft verletzt und bisher keine Minute für uns gespielt. Jo Voigtmann kam lädiert von der EM zurück und wir hatten im vergangenen Sommer insgesamt neun Spieler international beschäftigt, die ohne Pause zu uns kamen, ohne Erholung und Regeneration. Man hat es jetzt doch am Ende vor allem Andi Obst angemerkt, der mehr oder weniger seit vier Jahren durchgespielt hat. Und der Ausfall von Rokas hat ohne Frage ein Ungleichgewicht in den geplanten Kader gebracht.

Hainer: Am Saisonende hat die mentale Frische gefehlt

Dass man auszugleichen versuchte …
Ja, wir haben nachverpflichtet, konnten aber dieses Ungleichgewicht nicht wirklich ausgleichen, das muss ich ganz klar einräumen. Und weiter: Wir haben 86 Spiele gehabt, auch der Spielplan der Euroleague mit einer Phase von neun Auswärtsspielen am Stück war ungewöhnlich. Das kam alles zusammen, dass uns zum Schluss nach meinem Dafürhalten einfach die mentale Frische fehlte. Wir haben ja in Berlin geführt beim vierten Spiel, wir haben zu Hause mit 20 Punkten zur Halbzeit vorn gelegen - und haben es einfach nicht über die Ziellinie gebracht.

In der Pause war die Überzeugung noch da, auch Uli Hoeneß hat sich noch positiv geäußert und sich auch ziemlich sicher gezeigt, dass Anton Gavel Trainer des FC Bayern in der kommenden Saison wird. Gehen Sie ebenfalls davon aus?
Ich bin ja direkt in die operativen Gespräche involviert und kann auch bestätigen, dass ich mit Herrn Stoschek mehrmals telefoniert habe. Die Situation mit Bamberg hat sich deutlich beruhigt. Wir sind in sehr konstruktiven und aussichtsreichen Gesprächen und ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Tagen eine einvernehmliche Lösung finden werden.

Bayerns neuer Trainer Anton Gavel.
Bayerns neuer Trainer Anton Gavel. © Sven Hoppe/dpa

Haben die Äußerungen von Herrn Stoschek denn irgendwie diese gütliche Einigung mit Bamberg, die jetzt offensichtlich auf dem Weg ist, erschwert?
Das würde ich nicht sagen. Ich schätze Herrn Stoschek, was er in seinem Leben geleistet hat, mit Brose sowohl im Basketball als auch mit seinem Unternehmen. Mich hat, das kann ich auch sagen, etwas überrascht, dass und wie er an die Öffentlichkeit gegangen ist. Aber wie ich schon gesagt habe: Wir haben sehr konstruktiv miteinander gesprochen und so wollen wir es auch halten unter Kollegen.

Die Bayern-Basketballer drehen an vielen wichtigen Stellschrauben

Es wird nun definitiv eine neue sportliche Führung die Geschicke übernehmen. Aus Ulm kommt Thorsten Leibenath und als neuer Trainer eben Anton Gavel aus Bamberg, wenn jetzt alles gut geht. Welche Erwartungen haben Sie denn an die beiden?
Ich verfolge Thorsten Leibenath und seine Arbeit in Ulm schon seit vielen Jahren, das wirkte alles sehr positiv und innovativ angesichts der Möglichkeiten dort. Ihm ist es gelungen, immer wieder eher unbekannte Spieler zu verpflichten, die sich dann hervorragend entwickelt haben. Er hat offenkundig ein gutes Auge, ist sowohl national wie auch international sehr, sehr gut vernetzt. Das habe ich in den ersten Gesprächen mit ihm auch sofort gemerkt. Wir sind ja, wenn ich den Euroleague-Vergleich heranziehe, budgetmäßig höchstens im Mittelfeld, eher sogar in der zweiten Hälfte der Klubs. Das heißt: Wir müssen innovativ handeln und Nischen finden. Das traue ich ihm auch in München zu.

Zum Beispiel?
Wir wollen Qualität aufspüren, die noch nicht jeder entdeckt hat. Bei Harry Kane wusste auch ich, dass er ein guter Fußballer ist. Dafür benötige ich keinen Scout. In diesem Zusammenhang möchten wir außerdem die jungen Spieler, die wir mit viel Arbeit und Aufwand bei uns im Nachwuchs ausbilden und die etwa für uns in der ProB spielen, noch stärker in die erste Mannschaft integriert bekommen. Wenngleich das mit der neuen finanziellen Attraktivität der Colleges in Amerika leider deutlich schwieriger geworden ist. Letztes Jahr war Ivan Kharchenkov so ein Beispiel und jetzt geht in Nikolas Sermpezis ein weiteres Eigengewächs in die USA. Nichtsdestotrotz wollen wir weiter unseren Talenten die Chance geben, sich im Kader der Profis zu zeigen und diese Luft zu schnuppern. Auch In dieser Hinsicht hat sich Leibenath in Ulm bewiesen. Klar ist allerdings auch, dass er jetzt in München bei einem Euroleague-Klub natürlich auf einem anderen Anforderungslevel arbeiten wird.

Was glauben Sie, wie viel personellen Input braucht das Team?
Zunächst ist festzustellen, dass unser Kader sehr gut mit deutschen Spielern bestückt ist. Sie sind das Gerüst. Aber natürlich werden wir weitere hochwertige Zugänge benötigen. In der ersten Analyse ist schon klar geworden, dass uns auf mancher Position die nötige Qualität gefehlt hat. Ich komme zur ersten Frage zurück: Eine Saison ohne Titel ist eigentlich ein No-Go für uns. Deswegen müssen und wollen wir uns zur nächsten Saison deutlich verbessern.

Das deutet darauf hin, dass es vorwiegend um die Ausländerpositionen geht.
Ja, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht auch bei den deutschen Spielern umsehen. Unser Ziel ist immer, die besten deutschen Spieler außerhalb der NBA bei Bayern zu haben.

Hainer sieht die Entwicklung der Bayern-Basketballer positiv

Zuletzt setzte der FC Bayern eher auf renommierte, erfahrene Trainer. Ist es auch deswegen ein aufstrebender Coach, auf den die Wahl fiel, weil man etwas gemeinsam über die Jahre entwickeln will?
Wir kennen Anton Gavel sehr lange, er ist Spieler bei uns gewesen und wir haben ihn auch als Trainer intensiv verfolgt. Er hat Ulm zum ersten Titel geführt und wieder etwas aus Bamberg gemacht. Wir schätzen ihn allein als Person, doch ich muss sagen, dass auch seine bisherigen Leistungen als Trainer mir wirklich Respekt abnötigen. Ich glaube, dass er sehr, sehr gut zu uns passen würde, auch mit seinem Spielstil und seinen Prinzipien.

Ist es für ihn sogar gut, dass er nach einer Saison ohne Titel startet?
Das kann man von zwei Seiten sehen. Natürlich kann jetzt ein neuer Trainer erfolgreicher sein. Auf der anderen Seite ist es so, dass eine Mannschaft nach einem Erfolg wieder mit einem gewissen Selbstwertgefühl zurückkehrt.

Er folgt auf einen der wahrscheinlich Größten, die an der Seitenlinie standen. Svetislav Pesic hat zuletzt in der AZ den wirtschaftlich kontinuierlichen Weg des FC Bayern gelobt, mit der er dennoch konkurrenzfähig sei in Europa. Teilen Sie seinen Optimismus?
Ja, absolut. Und wenn Sie zurückblicken, sind wir doch gar nicht so weit weg. Vor vier Jahren und vor fünf Jahren waren wir jeweils in den Playoffs und sind zweimal ganz knapp im fünften Spiel an der Qualifikation für das Final Four gescheitert. Im letzten Jahr fehlte uns ein Sieg zu Platz fünf, dieses Jahr hatten wir mit Svetislav Pesic eine positive Bilanz, es wäre also eigentlich mehr möglich gewesen. Wir haben die Infrastruktur, wir haben die Begeisterung beim FC Bayern für Basketball und wir haben auch das Know-how, eine Mannschaft zusammenzustellen, die in die Playoffs und irgendwann auch mal in Final Four kommen kann. Das ist und bleibt unser Ziel: Wir wollen nicht nur in Deutschland Spitze sein, sondern auch in die europäische Spitze vorstoßen.

Dass die BBL die Budgetzahlen veröffentlicht hat, kam bei Bayern nicht gut an

In Europa muss der FC Bayern kreative Wege suchen, um konkurrenzfähig zu sein. In der Bundesliga steht der FC Bayern wirtschaftlich über allen. Die BBL hat vor ein paar Monaten die Budgetzahlen veröffentlicht. Das kam bei Ihnen nicht gut an.
Das stimmt, das habe ich auch schon mal gesagt, dass wir damit überhaupt nicht einverstanden waren. Es hat jetzt auch diese Woche eine Schiedsgerichtsverhandlung dazu gegeben. Diese hat hervorgebracht, dass die Veröffentlichung der Zahlen durch die BBL rechtswidrig war. Deswegen hat die BBL sie auch sofort von ihrer Webseite genommen und darf sie auch in der Zukunft nicht mehr veröffentlichen. Trotz Ergebnisses in unserem Sinne wollen wir aber konstruktiv mit der BBL zusammenarbeiten und haben deshalb für die Zukunft gemeinsam beschlossen, die Governance der BBL gemeinsam zu überarbeiten. Damit solche Dinge nicht mehr passieren.

Sind Sie denn prinzipiell dagegen und nur in dieser Form?
Wir sind prinzipiell dagegen, weil hier Äpfel mit Birnen verglichen werden und das keinen Mehrwert bringt. Sondern vor allem dazu führt, zu polarisieren.

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