Kolumne

"Verkörpert das, was uns fehlt": Ex-FC-Bayern-Star wünscht sich Deschamps als Bundestrainer

In seiner AZ-Kolumne kritisiert Didi Hamann Coach Julian Nagelsmann. Als Nachfolger für den Bundestrainer plädiert er für Didier Deschamps.
von  Didi Hamann
Einer für den DFB? Didier Deschamps ist mit Frankreich auf Titelkurs.
Einer für den DFB? Didier Deschamps ist mit Frankreich auf Titelkurs. © IMAGO

Liebe Fußballfans, für mich war schon unmittelbar nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay klar, dass es mit Julian Nagelsmann nicht weitergehen kann. Die grundlegenden Dinge haben einfach nicht mehr gestimmt. Was mich bei ihm am meisten gestört hat, war der Verlust an Glaubwürdigkeit. Als Trainer kannst du viel machen, du kannst dich auch mal irren – aber du kannst nicht über Monate eine Linie vorgeben und dann konsequent dagegen handeln.

Rückholaktion von Neuer hat für Irritationen gesorgt

Wenn du sagst, dass Leistung zählt, dann musst du auch nach Leistung aufstellen. Wenn du Spielern öffentlich Druck machst wie beispielsweise bei Leroy Sané und sie am Ende trotzdem spielen lässt, dann verliert die Mannschaft das Vertrauen. Und genau das ist passiert. Auch die Rückholaktion von Manuel Neuer hat bei vielen für Irritationen gesorgt – vor allem, weil Oliver Baumann der sichere Rückhalt auf dem Weg zur WM war. So etwas kann eine Mannschaft spalten – und genau das ist offenbar passiert. Wenn dir die Spieler nicht mehr zuhören, dann bist du nicht mehr zu halten – egal, wie gut deine Ideen sind.

Dazu kamen handwerkliche Dinge, die für mich nicht nachvollziehbar waren: Personalentscheidungen, Nominierungen, Positionswechsel. Warum nehme ich Spieler mit, die keine Form haben, und lasse andere zu Hause, die am Saisonende stark waren? Ich habe ja schon mal gesagt, dass ich Jamal Musiala, weil er einfach noch weit von seiner Topform ist, gar nicht erst mitgenommen hätte. Warum halte ich so lange an Lösungen fest, die offensichtlich nicht funktionieren?

 Ich hatte oft das Gefühl, dass wir alles verkomplizieren.

Didi Hamann

Kimmich war als Rechtsverteidiger ein Missverständnis 

Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger war in mehrfacher Hinsicht ein Missverständnis. Und warum schaffe ich es nicht, aus dieser Mannschaft eine Einheit zu formen? Denn genau das ist die wichtigste Aufgabe eines Bundestrainers. Ich hatte oft das Gefühl, dass wir alles verkomplizieren. Matchpläne, Systeme, Anpassungen – das ist alles schön und gut. Aber wenn der Gegner mehr läuft, mehr Zweikämpfe gewinnt und den größeren Willen hat, bringt dir der beste Plan nichts.

Wir haben ein Mentalitätsproblem. Und daran ist nicht nur der Trainer schuld, aber er muss dafür sorgen, dass genau das anders wird. Jetzt geht es für den DFB darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Für mich ist klar: Ein Jürgen Klopp könnte dieser Mannschaft helfen. Er würde mehr aus ihr herausholen, da bin ich überzeugt. Nicht, weil plötzlich mehr Qualität da ist, sondern weil er es versteht, aus Einzelspielern eine Gemeinschaft zu machen. Und genau das fehlt uns. Klopp würde Energie reinbringen, Klarheit, auch eine gewisse Einfachheit. Und die täte uns gut.

Könnte der neue Bundestrainer werden: Jürgen Klopp.
Könnte der neue Bundestrainer werden: Jürgen Klopp. © IMAGO

Hamann wünscht sich Deschamps als Bundestrainer

Trotzdem sage ich auch: Mein absoluter Wunschkandidat wäre Didier Deschamps. Warum? Weil er genau das verkörpert, was uns fehlt. Er hat es über Jahre geschafft, Star-Ensembles mit großen Egos zu führen – und sie trotzdem in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Er gewinnt Turniere, weil er weiß, worauf es ankommt: Disziplin, Zusammenhalt, Klarheit in der Hierarchie. Bei ihm gibt es keine Diskussionen. Genau das brauchen wir. Wenn es mit Klopp klappt, sehr gut – aber der DFB sollte auch nach Paris schauen, den Kontakt suchen und Deschamps ernsthaft ins Visier nehmen.

Parallel dazu muss es auch bei den Spielern Veränderungen geben. Ich bin kein Freund davon, jemanden öffentlich zum Rücktritt aufzufordern. Aber ich habe selbst meine Erfahrungen gemacht, bin dann 2004 zurückgetreten: Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sagen muss – es reicht. Aus meiner Sicht betrifft das Spieler wie Kimmich, Leon Goretzka oder Sané. Sie hatten mehrere Turniere, mehrere Chancen. Und wir sind nicht weitergekommen. Dann muss man ehrlich zu sich selbst sein und Platz für die nächste Generation machen.

Wir sind nicht mehr das, was wir einmal waren. Aber wir sind auch nicht so schlecht, wie wir aktuell auftreten. 

Didi Hamann

Urbig sollte den Vorzug vor Nübel bekommen

Denn die gibt es. Wir haben junge Spieler mit Talent. Aber wir müssen ihnen jetzt auch vertrauen. Spieler wie Angelo Stiller, Finn Jeltsch, Yann Aurel Bissek, Kevin Schade, Said El Mana, auch Florian Wirtz oder Nick Woltemade. Sie müssen jetzt Vertrauen spüren, Verantwortung übernehmen, Fehler machen dürfen und sich entwickeln. Eine Viererkette mit Bissek, Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah und Nathaniel Brown – das hat Perspektive. Auch im Tor braucht es jetzt Mut: Urbig oder Nübel sollten den Vorzug bekommen.

Am Ende braucht der deutsche Fußball vor allem eines: einen Realitätscheck. Wir sind nicht mehr das, was wir einmal waren. Aber wir sind auch nicht so schlecht, wie wir aktuell auftreten. Jetzt, nach dem Scheitern, ist die Chance für einen echten Umbruch gekommen. Wer sie nicht ergreift, verspielt die Zukunft des deutschen Fußballs.
Euer Didi

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