"Unglaublich nervenaufreibender Job": NFL-Legende verteidigt Bundestrainer Nagelsmann

WM-Countdown: Ex-NFL-Star Markus Kuhn lebt seit Jahren in den USA. Vor dem Turnierstart gibt er im AZ-Interview Einblicke in das WM-Fieber in den USA und erklärt, warum Football in den Staaten immer die unangefochtene Sportart Nummer eins bleibt.
Kilian Kreitmair
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Lebt seit Jahren in New York: Ex-NFL-Star Markus Kuhn.
Lebt seit Jahren in New York: Ex-NFL-Star Markus Kuhn. © IMAGO

AZ: Herr Kuhn, in Ihrer Wahlheimat steht die WM vor der Tür. Herrscht in New York schon eine ähnliche Stimmung wie vor einem Super Bowl?
MARKUS KUHN: Die Stimmung vor dem Super Bowl ist schon nochmal anders. Die Amerikaner kennen sich immerhin mit Super Bowls aus, mit Weltmeisterschaften nicht. Die letzte WM hier war 1994. Trotzdem: Vor allem die Emigranten, also eine andere Demografie als beim Football, freuen sich sehr, dass die WM hier stattfindet.

Viele Amerikaner werden die WM in Sportbars schauen

Also wird der klassische Amerikaner die WM gar nicht schauen? 
Es werden schon viele die WM in den Sportbars schauen. Die Menschen, angefangen vom Präsidenten, sind sehr stolz, dass das Turnier hier ausgetragen wird. Aber Football ist im Land unangefochten die Nummer eins. An den Super Bowl kommt nichts ran.

Wie spürt man diese Vorfreude in der Stadt?
Es gibt zwar noch keine Banner auf den Straßen, aber die WM bestimmt die Schlagzeilen. Jeder redet darüber und ist auf der Suche nach Tickets. Der Fußball schwappt also schon langsam in die Stadt. Es wird ein riesiges Event. New York ist einfach eine Multikulti-Stadt. Da passt die Weltmeisterschaft super hin. Dementsprechend groß ist auch bei mir die Vorfreude auf das Turnier.

Ich werde auf jeden Fall das Spiel zwischen Deutschland und Ecuador hier in New York im Stadion anschauen.

Markus Kuhn

Ex-NFL-Star wird Deutschland gegen Ecuador im Stadion verfolgen 

Wie werden Sie die Weltmeisterschaft verfolgen?
Ich werde auf jeden Fall das Spiel zwischen Deutschland und Ecuador hier in New York im Stadion anschauen. Und das Finale ist ja auch in New York. Da muss ich mal schauen, ob ich mir irgendwie Tickets ergaunern kann. Aber auch wenn ich nicht im Stadion bin, werde ich mir die Deutschlandspiele auf jeden Fall anschauen. Ich bin ein riesiger Fan der Nationalmannschaft.

Heißt: Sie fiebern bei der DFB-Elf mit? Oder haben Sie auch Sympathien für die US-Auswahl?
Ich fiebere nur bei der DFB-Elf mit. Die amerikanische Nationalmannschaft ist mir sowas von egal. Ich bin Deutscher. Und selbst wenn ich irgendwann den amerikanischen Reisepass bekomme, wird sich das nicht ändern.

Markus Kuhn traf das DFB-Team um Bundestrainer Julian Nagelsmann bei der Länderspielreise im Oktober 2023.
Markus Kuhn traf das DFB-Team um Bundestrainer Julian Nagelsmann bei der Länderspielreise im Oktober 2023. © dpa

Kuhn traut DFB-Team den WM-Titel zu

Was trauen Sie der Nationalmannschaft zu? 
Logischerweise traue ich der Mannschaft den Weltmeistertitel zu. Dafür machen sie mit. Und das muss das Ziel sein. Ob sie es schaffen können, weiß ich nicht. Manchmal kommt es gar nicht unbedingt auf die individuelle Leistung an, sondern auf die Teamleistung. So ist es auch oft im Football, wenn man einen Playoff-Lauf hat.

Sie selbst haben Bundestrainer Julian Nagelsmann 2023 bei der US-Tour der Nationalmannschaft kennengelernt. Welchen Eindruck haben Sie von ihm?
Ich habe einen sehr positiven Eindruck von ihm. Er ist ein schlauer und netter Kerl. Wir haben uns über viele Dinge ausgetauscht. Ein Thema war, ob die DFB-Elf nicht mehr Spielzüge wie im Football laufen könnte. Da hat man gesehen: Was das Taktische betrifft, hat er unglaublich viel Ahnung. Er ist ein weiterer Grund, warum ich dem Team nur das Beste wünsche. Aber der Bundestrainerjob ist ein unglaublich nervenaufreibender Job, weil gefühlt alle Deutschen Ahnung haben, obwohl es eigentlich keiner hat.

Langfristig könnte Fußball hier sogar die zweitgrößte Sportart hinter American Football werden.

Markus Kuhn

Fußball könnte in den USA langfristig die Sportart Nummer zwei werden

Hat der Fußball das Zeug, durch die Weltmeisterschaft zu einer ernsthaften Konkurrenz für den Football zu werden?
Nein. Aber wenn sich die Zuschauerzahlen der MLS in den letzten Jahren anschaut, sind dort mehr Leute als beim Baseball im Stadion. Entsprechend hat der Fußball auf jeden Fall das Zeug, hinter Football, Basketball und Eishockey zu kommen. Langfristig könnte Fußball hier sogar die zweitgrößte Sportart hinter American Football werden.

Was kann der Football vom Fußball lernen?
Die NFL macht schon einiges richtig. Deswegen würde ich sagen, dass eher der Fußball etwas vom Football lernen kann. Ich denke da vor allem an die Gehaltsunter- und Gehaltsobergrenzen. Auch Transfersummen sind in der NFL besser geregelt. NFL-Spiele sind auch immer ein friedliches Familienfest. In Deutschland habe ich es vor nicht allzu langer Zeit erlebt, dass bestimmte Personen im Stadion komplett übertrieben haben. Wenn es gewalttätig zugeht, habe ich es gerne auf dem Platz, aber nicht auf der Tribüne.

Würde sich eine Gehaltsobergrenze im Fußball wünschen: Bayern-Aufsichtsrat Karl-Heinz Rummenigge.
Würde sich eine Gehaltsobergrenze im Fußball wünschen: Bayern-Aufsichtsrat Karl-Heinz Rummenigge. © IMAGO

Salary Cap macht die NFL für die Fans attraktiv 

Das Salary Cap ist etwas, das man sich beim FC Bayern vor allem in Person von Karl-Heinz Rummenigge wünschen würde. Wie verändert das den Wettbewerb?
Es gibt in Deutschland zwar Vereine, die mit guter Jugendarbeit und schlauen Transfers immer wieder den Weg nach oben schaffen, aber eigentlich weiß man in Deutschland schon vor der Saison, wer Meister wird. Im Football haben wir jedes Jahr mindestens ein Playoff-Team, das im Jahr davor nicht dabei war. Das macht den Wettbewerb natürlich auch für die Fans von verschiedenen Vereinen attraktiv. Denn wenn alle Teams den gleichen Rahmen haben, haben alle Teams die gleichen Chancen auf Erfolg.

Sie haben vorhin ihre ehemalige Heimspielstätte, das MetLife-Stadium, schon erwähnt. Die DFB-Elf spielt dort gegen Ecuador. Was ist das für ein Stadion?
Es ist ein sehr cooles Stadion, in das 80.000 Leute passen. Ich habe dort bei der Klub-WM schon Fußball geschaut. Das ist schon echt interessant, wie das Stadion aussieht, wenn dort nicht Football gespielt wird. Was ich am lustigsten finde: Für die WM wird ein Naturrasen reingelegt, was sich die Footballspieler immer wünschen. Aber der Naturrasen kommt nach dem Turnier wieder raus.

Für die WM wird ein Naturrasen reingelegt, was sich die Footballspieler immer wünschen.

Markus Kuhn

Football ist mehr Entertainment als Fußball

Was unterscheidet die Stimmung in amerikanischen Stadien im Vergleich zu jenen in Deutschland?
Die Fußballspiele hier sind von der Stimmung her relativ ähnlich wie in Deutschland. Aber im Vergleich zu NFL-Spielen ist die Stimmung schon anders. Es gibt dort Höhen und Tiefen, was die Lautstärke betrifft. Dafür haben wir im Football mehr Entertainment drumherum.

Fehlt das Entertainment dem Fußball wiederum auch ein bisschen? 
Beim Football muss man die Leute bei Laune halten. Die Fans sind hier rund vier Stunden im Stadion. Beim Fußball ist das anders. Man ist dort schon nach knapp zwei Stunden aus dem Laden raus. Allein deswegen braucht es weniger Drumherum. Auch gibt es deutlich weniger Unterbrechungen. Wann sollte man da also noch Entertainment reinpacken? Ich persönlich bräuchte es also beim Fußball nicht unbedingt.

Bad Bunny sorgte in der Halbzeit des Super Bowl für eine gigantische Show.
Bad Bunny sorgte in der Halbzeit des Super Bowl für eine gigantische Show. © IMAGO

Klimabedingungen werden unterschiedlich sein

Auch die klimatischen Bedingungen in den USA sind anders. Worauf müssen sich die Teams da einstellen?
Dadurch, dass die WM in ganz Nordamerika ausgetragen wird, sind die klimatischen Bedingungen von Region zu Region unterschiedlich. Sich als Athlet darauf einzustellen, dass es bei dem einen Spiel sehr kalt und bei dem anderen Spiel sehr heiß ist, ist schwer.

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