Treter, Bekloppte, Höllenlärm: Auf den FC Bayern wartet das wohl unangenehmste Auswärtsspiel Europas

Erstmals erlebt der FC Bayern das Metropolitano, die Heimat von Atlético, in voller Entfaltung. Es warten Aggressivität, Galligkeit und Provokation an der Grenze zur Legalität. Sinnbild dafür ist der Trainer.
Patrick Strasser |
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Die Stimmung im Metropolitano, dem Stadion von Atlético Madrid, ist europaweit gefürchtet.
Die Stimmung im Metropolitano, dem Stadion von Atlético Madrid, ist europaweit gefürchtet. © IMAGO

Es war nicht alles schlecht während der Corona-Pandemie. Nein, nein – dies wird keine gesellschaftspolitische Abhandlung oder gar Abrechnung, lediglich die Erinnerung daran, dass man einen Mehrwert bei der Betrachtung eines Fußballspiels vor leeren Rängen hatte. Neben einigen Kommandos der Trainer von der Seitenlinie durfte man – Thomas Müller sei Dank – auch Wortkreationen hören, die man lange nicht gehört hatte.

Rabaukentruppe zum Beispiel. Während eines Champions-League-Gruppenspiels in der Allianz Arena im Oktober 2020 bezeichnete die Bayern-Legende die Gäste von Atlético Madrid als "größte Rabaukentruppe im Weltfußball". Was über die Außenmikrofone perfekt zu hören war. Mit diesem Ausruf beschwerte sich der Offensivspieler bei jenem 4:0 über eine Schiedsrichterentscheidung.

Am Montagnachmittag machte sich der Reisetross des FC Bayern, sprich diejenigen Profis, die nicht dem anwachsenden Lazarett angehören, auf den Weg nach Madrid – in die Heimat von Atlético zum Duell am Dienstagabend (21 Uhr, Prime Video). Bayerns Bilanz gegen die "Los Colchoneros", auf Deutsch die "Matratzenmacher", so der Spitzname: Acht Spiele, vier Siege, zwei Niederlagen. 2016 scheiterten die Bayern im Champions-League-Halbfinale an den Spaniern.

Das Motto für Atléticos Gegner: Leiden bis der Arzt kommt

Nun könnte man meinen, der Begriff kommt daher, dass sich die Gegenspieler von Atlético nach Spielschluss regelmäßig in der Horizontalen wiederfinden – fertig für die Visite. Aber nein, einst war die meistverkaufte Matratze Spaniens rot-weiß gestreift, wie die Vereinsfarben von Atlético.

Es gibt in Europa wenig Unangenehmeres als ein Auswärtsspiel im Osten der spanischen Hauptstadt. Motto: Leiden bis der Arzt kommt. Das Spiel von Atlético hat über die Jahre Konturen bekommen, die gefürchtet sind: Aggressivität, Galligkeit und Provokation an der Grenze zur Legalität.

"Da wartet eine echte Herausforderung auf den FC Bayern", sagte DFB-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und ergänzte: "Das ist eine dreckige, unangenehm spielende Mannschaft, dazu kommen die positiv bekloppten Fans. Und der Trainer."

Das Buch "Winning ugly", einst geschrieben von Tennis-Ekel Brad Gilbert, hätte auch aus der Feder von Atlético-Trainer Diego Simeone stammen können. Seit 2011 treibt der Argentinier seine Mannschaft am Spielfeldrand wie ein Berserker an, ist dabei stets komplett schwarz gekleidet, als müsse er nach Abpfiff noch in einem Mafia-Streifen mitwirken.

Matthäus erinnert sich mit Schrecken an den Gegner Simeone

Simeone war einst Spieler, an den sich Ex-Bayer Matthäus noch mit Schrecken erinnert, wie er im Rahmen eines Sky-Termins erzählte. Vor allem an heftige Duelle in der italienischen Serie A. Damals traf Matthäus, der Spiel- und Dampfmacher von Inter Mailand, auf Simeone, von 1990 an zwei Jahre in Diensten von Pisa Calcio.

Immer unter Strom: Atléticos wandelnde Trainer-Legende Diego Simeone
Immer unter Strom: Atléticos wandelnde Trainer-Legende Diego Simeone © IMAGO/Alberto Gardin

"Er war ein Treter. Da hast du vorne und hinten Schienbeinschoner gebraucht. Meist war Simeone auf die gegnerischen Offensivspieler angesetzt – so wie ich zu Beginn meiner Karriere gegen Zico, Platini und Maradona." Er selbst, so der heute 65-jährige Matthäus, habe selten gefoult, die Bälle mit seinem enormen Antritt abgelaufen oder dank seines Stellungsspiels antizipiert. "Simeone hat immer getreten, selbst Diego Maradona vom SSC Neapel, den Kapitän seiner argentinischen Nationalmannschaft."

Feuer und Leidenschaft stecken immer noch im 56-jährigen Simeone – was sich auf die Zuschauer überträgt. Die Energie fließt vom Spielfeld auf die Tribünen und zurück. Ein Kessel Saures.

Die Stadionkonstruktion trägt zur außergewöhnlichen Stimmung bei

Nicht alle Gegner sind diesem Druck gewachsen. Dazu trägt die spezielle Akustik ihren Teil bei. Das Wellendach bedeckt fast 96 Prozent der Sitzplätze, wirkt wie ein gewaltiger Schallreflektor. Die Lautstärke der Fans, angetrieben von der Ultragruppe "Frente Atlético" im Unterrang, ist körperlich spürbar. Frei nach Wolfgang Petri: Hölle, Hölle, Hölle.

Eine uneinnehmbare Festung? "Ich glaube nicht, dass die Bayern verlieren", sagte Matthäus, "ich denke, dass sie weiter ungeschlagen bleiben – auch nach dem Spiel bei Atlético." Kann höchstens sein, dass ihnen der Schädel brummt.

Hoffentlich sind die Matratzen im Teamhotel tipptopp.

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