Staatsmann Beckenbauer

Der ehemalige „Focus“-Chefredakteur Wolfram Weimer versucht sich in seinem neuen Buch als Satiriker und hat für das Amt des deutschen Bundespräsidenten einen überzeugenden Mann.
| Gunnar Jans
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Seite an Seite nicht nur im WM-Sommer 2006? Bundeskanzlerin Angela Merkel und Franz Beckenbauer.
dpa Seite an Seite nicht nur im WM-Sommer 2006? Bundeskanzlerin Angela Merkel und Franz Beckenbauer.

Wolfram Weimer, zuletzt als „Focus“-Chef abberufen, meldet sich mit einer spektakulären Idee zurück: Franz Beckenbauer soll Bundespräsident werden! Kanzlerin Bundeskanzlerin Angela Merkel will damit ihre Macht sichern. So läuft der Plot in „Heimspiel“, dem gleichsam dünnen wie unterhaltsamen Büchlein des 47-Jährigen.

AZ-Interview mit Wolfgang Weimer. Der 47-Jährige war Chefredakteur der „Welt“, von „Cicero“ und beim „Focus“ und ist jetzt Verleger für Wirtschaftstitel

AZ: Herr Weimer, warum ausgerechnet Franz Beckenbauer?

WOLFRAM WEIMER: Er ist der Kaiser der Nation, der beliebteste Übervater des deutschen Fußballs. Und in Berlin legt die Politik ja ein immer groteskeres Verhalten an den Tag. Deshalb war Beckenbauer die ideale Figur, um dies zu karikieren: Was wäre, wenn so jemand Kandidat würde?

In Ihrem Buch drehen alle durch: Die Kanzlerin klaut der CSU die Beckenbauer-Idee und lässt sich von Günter Netzer in Fußballfragen beraten, während die SPD versucht, Beckenbauer als frauenfeindlichen Macho zu diskreditieren.

Da sehen Sie mal, wie eine Sache ins Rollen kommen kann in diesem Politikbetrieb. Es geht ja verhältnismäßig harmlos los bei mir: Die CSU schlägt ihn vor, weil sie meint, es müsste mal ein Bayer sein – das ist ja durchaus vorstellbar, zumal Franz Beckenbauer der mit Abstand beliebteste Bayer ist. Und weil er in allen Gesellschaftskreisen beliebt ist, kann Frau Merkel dieses Feld natürlich nicht der CSU überlassen.

Politiker schmücken sich ja gerne mit Fußballgrößen, bei Merkel war dies nicht nur 2006 bei der WM eklatant zu beobachten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nehme ich das ab, sie interessiert sich wirklich für Fußball. Aber bei Gerhard Schröder war es besonders eklatant: Der stand sogar in Cottbus mit Fan-Schal auf der Tribüne – weil er glaubte, so die Ossis für sich gewinnen zu können.

Es heißt ja, dass Regierungen die Nähe zur Nationalmannschaft suchen, weil sie hoffen, dass deren Erfolge auf sie abfärben.

Die Europameisterschaft ist ein Jahr vor der Bundestagswahl, und wir sind ja sowieso schon Aufschwung- und Wirtschaftseuropameister – wenn Deutschland jetzt auch noch Fußball-Europameister wird, wird das Bundeskanzlerin Angela Merkel nützen.

Sie lassen Merkel sogar inkognito in die Fankurve gehen, sie bekommt einen Becher Bier ab und wird in eine Schlägerei verwickelt. Und ihr innerparteilicher Rivale spielt geheime Videoaufnahmen davon einem Privatsender zu. Da haben Sie’s aber übertrieben.

Okay, das ist bei Frau Merkel unvorstellbar, sie kontrolliert alles und jeden, sie würde sich in eine solche Situation nicht begeben. Aber wie hektisch der Politik- und Medienbetrieb darauf reagiert, zeigt schon, wie es läuft zwischen Medien und Politik. In der Wulff-Affäre hat die Realität doch die Satire überholt.

Bei Ihnen fordern die Politiker am Ende sogar eine Frauenquote im Fußball – also gemischte Mannschaften.

Dass ist zwar kaum realistisch durchsetzbar, aber dass Politiker so etwas fordern, weil sie es für opportun halten, wäre absolut möglich. Aus der Politik kommen doch oft Vorschläge, bei denen man fragt: Warum machten die dass? Weil sie glauben, dass es populär wird.

Herr Weimer, auf welcher Position sehen Sie sich selbst? Nachdem Sie beim „Focus“ als Chefredakteur ausgeschieden sind, haben Sie nun den Verlagsbereich der Finanzpark AG gekauft, in dem unter anderem „Börse am Sonntag“ erscheint.

Ich komme mir vor wie ein Fußballer, der jahrelang in dem ein oder anderen Verein ganz gut mitgespielt hat, hier und da war ich auch Kapitän – aber das reicht jetzt: Jetzt will ich mal Trainer sein. Irgendwann muss man mal an den Spielfeldrand und versuchen, ob man das kann, und da fängt man nicht gleich bei Bayern München an, sondern vielleicht bei Greuther Fürth.


Wolfram Weimer: „Heimspiel – eine alternativlose Realsatire“ (Quadriga-Verlag, 128 Seiten, 12.99 Euro)


 

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