Interview

"Eine bodenlose Frechheit": Calmund beschwert sich über Turnier in den USA

Der WM-Countdown läuft: Reiner Calmund spricht im AZ-Interview über Florian Wirtz und seine Wunschinnenverteidigung bei der Nationalmannschaft.
von  Thomas Becker
Reiner Calmund würde bei der WM auf Jonathan Tah und Antonio Rüdiger setzen.
Reiner Calmund würde bei der WM auf Jonathan Tah und Antonio Rüdiger setzen. © IMAGO

AZ: Herr Calmund, schwer hypothetische Frage an den ehemaligen Mister Bayer 04 Leverkusen: Hätte der Jetzt-Liverpooler Florian Wirtz überhaupt reingepasst in diese Bayern-Mannschaft?
REINER CALMUND: Wenn er gut in Form ist, passt der überall rein. Aber bei Bayern hätte es jeder schwer. Wenn man sieht, wie sich jetzt in dieser Saison so ein Michael Olise und ein Luis Diaz entwickelt haben: Das ist dann schon granatenhaft. Das ist die Handschrift des Trainers, der in der Offensive natürlich viele Möglichkeiten hat: Lennart Karl, auch wenn er jetzt verletzt war!

Calmund verfolgt Leverkusen weiterhin

Ein anderer Ex-Leverkusener passt derweil ganz gut rein: Jonathan Tah. Da gibt’s nichts zu meckern, oder?
Nee, auch Josip Stanisic hat ja schon mal bei uns gespielt.

Wie sehr verfolgen Sie Bayer 04 noch, wo Sie 1976 als Jugendtrainer und Stadionsprecher angefangen hatten?
Krankhaft, nach wie vor. Ich bin halt ein Fußballbekloppter, insbesondere bei Bayer 04, da führt kein Weg dran vorbei. Bei Leverkusen sind zuletzt fünf, sechs Spieler für rund 300 Millionen Euro nach England gewechselt – gegen die Summen, die dort gezahlt werden, hast du einfach keine Mittel. Von daher war die Erwartungshaltung vor der Saison gedämpft. Nach den mageren Auftritten zu Saisonbeginn war ich skeptisch, nicht aber wegen der Niederlage gegen die Bayern.

Krankhaft, nach wie vor. Ich bin halt ein Fußballbekloppter, insbesondere bei Bayer 04, da führt kein Weg dran vorbei.

Reiner Callmund

Calmund-Tour begann in Gladbach

Nun sind Sie auf großer Tour über die Bühnen der Republik, mit dem Programm "Ein runder Abend – mit Fußball und Freunden". Sie mit Moderator Thomas Helmer und je einem Überraschungsgast. 34 Auftritte in zwei Monaten, quer durch die Republik. Ganz schön anstrengend für einen 77-Jährigen, oder?
Das haben mir auch viele gesagt. Klar, das ist kein Spaziergang. Aber ich wollte das zum Abschluss meiner jetzigen Fußballkarriere noch machen. Bei "Grill den Henssler" hatte ich auch eine große Abschlusssendung, nach 263 Sendungen in fast 20 Jahren. Aber man kann das ja auch so rechnen: Zwei Monate sind 61 Tage, davon an 34 Tagen Auftritte, bleiben noch 27 Tage übrig: So viel hatte ich noch nie frei. Ich will nicht sagen, dass die Tour wie Urlaub ist, aber diese eineinhalb oder zwei Stunden am Abend sind für mich ja ein Genuss, keine Arbeit.

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Wo waren Sie überall?
Im April ging’s in Mönchengladbach los, mit Rainer Bonhoff. Wir haben die glorreichen Zeiten von Gladbach, aber auch die schwierigen Zeiten angesprochen. Die Bude war knackenvoll. Danach: Köln, Millowitsch-Theater. Da habe ich überlegt: "Wen nimmst du da? Toni Schumacher!" In Aachen hat sich das DFB-Präsident Bernd Neuendorf nicht nehmen lassen. Danach gab’s eine Runde mit Borussia Dortmund, mit Aki Watzke und Niko Kovac, da ging’s auch um wirtschaftliche Aspekte wie die 50 plus 1-Regel. Auf Schalke: Olaf Thon! In Duisburg: Bernhard "Ennatz" Dietz, der 1980 unser Kapitän der Nationalmannschaft war. In Düsseldorf: Berti Vogts, Welt- und Europameister, auch als Trainer Europameister. Auch wunderbar: die Treffen mit Wolfgang Overath und Rudi Völler.

Wird zusammen mit Reiner Callmund über den Fußball philosophieren.
Wird zusammen mit Reiner Callmund über den Fußball philosophieren. © IMAGO

Maier wird im Schlachthof-Theater als Überraschungs-Gast sein

Wir Münchner fragen uns natürlich, wer am 2. Juni im Schlachthof-Theater Ihr Überraschungs-Gast sein wird?
Sepp Maier wird da sein. Der hatte ja nicht nur als Spieler, sondern später auch als Torwarttrainer jahrelang großen Anteil an den Erfolgen des Teams, weshalb ich ihn auch für meine Weltauswahl als Trainer der Torhüter ausgewählt habe. Das wird ein großartiger Abend!

Mit Sicherheit wird es auch um die Weltmeisterschaft gehen. Was wird das denn nun für ein Turnier in den USA?
Ich muss vorher nochmal zurückschauen: Die Klub-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr war für mich eine bodenlose Frechheit. Wer da plötzlich alles mitspielen durfte! RB Salzburg? Aus sportlichen Gesichtspunkten kann ich diese Klub-WM nicht akzeptieren. Bei der kommenden Weltmeisterschaft sieht das anders aus. Ich finde, man kann über die Erhöhung auf 48 Teams diskutieren. Das ist schon grenzwertig, keine Frage. Aber: Die Fifa hat 211-Mitgliedsstaaten – da könnte man ein Turnier mit 48 Teams schon akzeptieren, das halte ich eigentlich für noch vertretbar. Zumal im Endeffekt nur für die Endspielteilnehmer eine Runde mehr gespielt werden muss. Und zu sagen, wir gehen jetzt auch nach Mexiko und Kanada, ist absolut okay für mich. Was nicht okay ist, sind die Eintrittspreise in Amerika. Wer vom ersten Gruppenspiel seines Teams bis zum Endspiel alles gucken will, liegt selbst in der günstigsten Kategorie bei 7.000 bis 18.000 Euro, ohne Flug- und Übernachtungskosten plus Verpflegung. Das ist für normale Fans nicht vertretbar, viel zu teuer.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn ein Manuel Neuer auch noch mitfahren würde.

Reiner Callmund

Calmund sieht DFB-Team nicht als Favorit bei der WM

Schauen wir aufs Sportliche: Was trauen Sie den Nagelsmännern zu?
Die Favoriten sind für mich die üblichen Verdächtigen: Frankreich, Brasilien, Spanien und Argentinien werden wieder ihre Rolle spielen, wie in allen Jahren. Aber ich sehe unsere Chancen nicht so schlecht.

Beim DFB gesetzt: Jonathan Tah.
Beim DFB gesetzt: Jonathan Tah. © IMAGO

Die Abwehr-Formation scheint noch nicht so ganz zu stehen, oder wie sehen Sie das?
Dieser Dreierblock ist mir manchmal etwas zu offensiv. Ich hätte hinten gern mehr Stabilität. Jonathan Tah und Antonio Rüdiger sind für mich als Paar gesetzt, als die besten Innenverteidiger. Wenn einer bei Real Madrid Stammspieler ist, können wir da nicht einfach vorbeigehen. Ich glaube, es muss Völler und Nagelsmann gelingen, dem zu sagen: So, das kannst du machen, das nicht. Ansonsten ist für mich dann Joshua Kimmich etwas freier für die offensive Seite.

Wen sehen Sie in der Sturmspitze?
Kai Havertz, auch wenn er jetzt ein bisschen angeschlagen ist. Rechts und links dann Jamal Musiala und Florian Wirtz. Und ob dann Deniz Undav oder Nick Woltemade dazu kommt? Undav ist vielleicht flexibler, was den Gesamtbereich angeht. Aber es gibt auch Situationen, wenn du plötzlich mal mit hohen Bällen gegen eine massive Abwehr spielen musst, dann kann auch der Lange mal ganz gut sein. Insgesamt sind wir jetzt nicht so schlecht, wie das im Moment oft dargestellt wird. Mit ein bisschen Teamleistung, guter taktischer Disziplin und ein wenig Glück haben schon viele Mannschaften einiges auf die Beine gestellt.

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