"Konnte der Verlockung nicht widerstehen": Sforza bezeichnet Abschied vom FC Bayern als Fehler

AZ: Herr Sforza, Sie haben 79 Länderspiele für die Schweiz bestritten, wurden zwei Mal Fußballer des Jahres in Ihrer Heimat, haben einige Vereine in der Super League, der höchsten Spielklasse der Schweiz, trainiert. Aus Sicht eines Chefcoaches: Ist es angebracht und zielführend, dass DFB-Bundestrainer Julian Nagelsmann den WM-Titel als Ziel proklamiert oder eher unrealistisch und daher kontraproduktiv?
CIRIACO SFORZA: Wer Julian kennt, der weiß, dass er sehr überzeugt von sich und seiner Arbeit ist – und das ist auch gut so. Sein Kader besitzt die Qualität, um in den USA ganz weit zu kommen. Ich glaube, er hat es auch nicht provokant gemeint, sondern gesagt, was er denkt. Und zwar: Wenn alle fit sind, wenn seine Mannschaft als Team eine positive Entwicklung nimmt, dann kann Deutschland Weltmeister werden. Ja, wieso nicht? Für ihn ist das ein Ziel, das er mit dieser Mannschaft erreichen will und kann. Natürlich wird es schwierig, es gibt viele andere Nationen, die zum Favoritenkreis gehören. Aber ich finde, es ist sein gutes Recht als deutscher Nationaltrainer zu sagen: Wir wollen Weltmeister werden.
"Die Voraussetzung muss sein, dass es in der Gruppe atmosphärisch stimmt"
Am Freitag trifft die DFB-Auswahl in Basel in einem WM-Test auf die Schweiz. Welche Faktoren könnten auf dem Weg zum WM-Titel entscheidend sein?
Es müssen alle fit sein, dann sind die Deutschen stark. Und wenn jeder für den anderen da ist, wenn die Disziplin stimmt, wenn die Leidenschaft und die Bereitschaft als Mannschaft Erfolg zu haben, dazukommen, wäre das ein weiteres großes Plus. Davon profitieren die Einzelspieler mit ihrer individuellen Qualität, wie etwa ein Jamal Musiala oder Florian Wirtz.
Wie sehr kann der so lange verletzte Musiala, der auch für die aktuellen Testspiele im März ausfällt, bei der WM im Sommer das DFB-Spiel prägen?
Die Voraussetzung muss sein, dass es in der Gruppe atmosphärisch stimmt. Dann ist es auch für einen Spieler wie Musiala, der so lange gefehlt hat, einfacher, wieder reinzukommen. Funktioniert die Mannschaft, kann auch ein Einzelkönner wie Musiala performen. Aber wenn ein einzelner Spieler so viel Last auf sich nehmen muss, wird es schwierig.

"Wir alle wissen, dass Kimmich lieber im Zentrum spielt"
Sie haben stets im zentralen Mittelfeld gespielt. Otto Rehhagel, Ihr Trainer bei Bayern und beim 1. FC Kaiserslautern nannte Sie damals "meinen Quarterback". Wie finden Sie es, dass Nagelsmann Joshua Kimmich, den Sechser unter Bayern-Trainer Vincent Kompany, in der Nationalelf als Rechtsverteidiger einsetzt?
Erstens: Es ist Nagelsmanns Entscheidung. Zweitens: Wir alle wissen, dass Kimmich lieber im Zentrum spielt. Drittens: Nagelsmann sieht qualitativ eine große Lücke auf der rechten Seite. Er hat, viertens, viel Qualität im Zentrum, mit Aleksandar Pavlovic, mit Leon Goretzka, plus andere Spieler dahinter. Und für rechts hinten hat er eben nur Kimmich, von dem er in dieser Rolle überzeugt ist. Ich würde ihn auch dort einsetzen.
Kommen wir zur Schweizer Nationalmannschaft, der "Nati". Wie weit kann das Team von Trainer Murat Yakin im Sommer kommen?
Mittelfeldspieler Granit Xhaka ist der Chef. Dann haben wir die Säulen Manuel Akanji, Silvan Widmer und Ricardo Rodriguez, die wahrscheinlich ihr letztes Turnier spielen. Sie bilden eine Achse, vorne stürmt Breel Embolo. Dazu kommen viele junge, sehr talentierte Spieler, die aktuell in den europäischen Topligen bei großen Vereinen jedes Wochenende auf Topniveau spielen. Also Johan Manzambi vom SC Freiburg, Luca Jaquez vom VfB Stuttgart oder Zachary Athekame von der AC Mailand. Wenn alle bereit und fit sind, wenn die Mischung stimmt, haben sie das Potenzial, um das erste Mal nach langer Zeit wieder ins Viertelfinale zu kommen. Bei den letzten drei Turnieren 2014, 2018 und 2022 war immer im Achtelfinale Schluss.
"Kobel ist die neue Persönlichkeit auf der Torhüter-Position"
Ein weiterer Garant ist Gregor Kobel, richtig? Der BVB-Torhüter hat das Erbe von Yann Sommer angetreten.
Kobel ist die neue Persönlichkeit auf der Torhüter-Position, besitzt Ausstrahlung und liefert auf internationalem Niveau konstant ab.
In Deutschland ist das Vertrauen in Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim, dem Nachfolger und Manuel Neuer und Nutznießer der tragischen Verletzungsserie von Marc-André ter Stegen, nicht so groß.
Aber Baumann hat doch konstant seine Leistung gebracht, oder nicht? Nochmal: Wenn die deutsche Mannschaft als Gruppe und damit als Einheit funktioniert, wird auch Baumann mitgetragen. Man muss ihm das Vertrauen geben, dann wird ihn die Mannschaft unterstützen. Da sehe ich kein Problem, überhaupt nicht.

Schweiz schied bei der EM 2024 im Viertelfinale aus
Was zeichnet Murat Yakin aus, der das Amt schon seit August 2021 ausübt, aber nie ganz unumstritten ist als Nati-Trainer in der Schweiz?
Bei der EM 2024 in Deutschland ist die Schweiz nach einem 2:0 gegen Italien erst im Viertelfinale ausgeschieden – und das im Elfmeterschießen gegen England. Da war man sehr nah dran. Murat kann ein Spiel lesen, ist ein schlauer Fuchs. Bei ihm muss man immer aufpassen (lacht). Wenn er heute etwas zur Taktik oder zur Aufstellung sagt, dann weißt du, dass es morgen anders kommt. Pokern kann er (lacht).
Was bringt das Testländerspiel am Freitag so kurz vor den entscheidenden Phasen für die Vereine in den Ligen und in der Champions League?
Yakin und Nagelsmann werden ein paar taktische Dinge ausprobieren und Spieler testen, mehr nicht. Eine Stammelf kann man jetzt, knapp drei Monate vor der WM, nicht einspielen lassen. Und die Spieler wollen sich nicht verletzen, passen auf. Das ist normal – haben wir früher auch gemacht.
Sforza bereut Abschied vom FC Bayern
Von 1995 bis 1996 und 2000 bis 2002 haben Sie beim FC Bayern gespielt - die schönste Zeit Ihrer Karriere?
Ja, ich war 15 Jahre in Deutschland, das ist mein zweites Zuhause. Mit Bayern habe ich den Weltpokal, die Champions League, den Uefa-Cup und die Meisterschaft gewonnen – wie mit Kaiserslautern zuvor auch. Aber mit Bayern alles zu gewinnen und bei so einem Verein spielen zu dürfen, was will man mehr? Nur der Wechsel 1996 von München zu Inter Mailand war aus heutiger Sicht ein Fehler.
Wieso?
Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen. Meine Eltern kommen aus Italien und dann wurde Roy Hodgson, zuvor mein Nationaltrainer, bei Inter Chefcoach. Er hat mich dorthin gelockt. Aber Bayern München ist eine andere Welt. Zum Glück konnte ich ein paar Jahre später noch einmal zurückkommen.

Sforza nimmt an Ausbildung zum Sportdirektor teil
Sind Sie am Freitag im Basler St. Jakob-Park vor Ort?
Nein, ich bin bis Samstagabend in Bern, nehme dort an einer Ausbildung zum Sportdirektor teil. Ich will mich weiterentwickeln, solange ich kein Traineramt innehabe, eine andere Seite kennenlernen.
Steht bei Ihnen nach diversen Trainerstationen, unter anderem in Luzern, bei den Grashoppers in Zürich, beim FC Basel oder bis März 2025 beim FC Schaffhausen, nun ein Seitenwechsel an?
Trainer zu sein juckt mich schon noch. Ich würde gerne mal eine Zeit im Ausland arbeiten und kann mir gut vorstellen, als nächsten Schritt nach Deutschland in die Zweite Bundesliga zu gehen. Dafür musst du mental bereit sein und das bin ich jetzt.