"Selbst für mich als Fußball-Experten anstrengend": Schweinsteiger warnt vor den Bedingungen in den USA
AZ: Herr Schweinsteiger, wie sehr freuen Sie sich auf die WM?
BASTIAN SCHWEINSTEIGER: Ich freue mich sehr. Für mich war die WM immer das Größte. Meine erste WM, die ich geschaut habe, war die WM 1990 in Italien.
Schweinsteiger findet Blick hinter die Kulissen interessant
Wenn Sie Ihre jetzige Rolle als Experte mit jener als Spieler vergleichen: Können Sie die WM jetzt mehr genießen?
Der Blick hinter die Kulissen ist schon sehr interessant. Davon bekommst du in der Spielerblase nicht viel mit. Auch nach den Sendungen kann ich abseits des Stadions alles intensiver erleben, sei es in der Interaktion mit Fans oder mit ehemaligen Fußballern.
Sie selbst haben in den USA bei Chicago Fire gespielt. Wie wird der Fußball dort gelebt?
Jedes Spiel ist ein Event. Wir hatten bei jedem Spiel Feuerwerk und es wurde die Hymne gespielt. Die Amerikaner haben einfach eine große Begeisterung für den Sport. Für Soccer ist es jetzt natürlich eine riesige Chance, sich dem Basketball oder dem Football zu nähern. Da hat die US-Nationalmannschaft während der WM eine große Aufgabe vor sich, den Heimvorteil zu nutzen, um einen Hype zu entfachen.
Die klimatischen Bedingungen werden selbst für mich als Fußball-Experten anstrengend.
Bayern-Legende warnt vor klimatischen Bedingungen
Sie dürfte dabei einen Vorteil haben, was die Anpassung an die klimatischen Bedingungen angeht.
Die Spielzeiten sind schon ein bisschen anders. Wenn man am Mittag in Houston spielen muss, schaut man als Spieler schon noch zehn Minuten auf die Uhr. Die klimatischen Bedingungen werden selbst für mich als Fußball-Experten anstrengend.
Haben Sie denn schon mit der Vorbereitung begonnen?
Natürlich. Ich schaue viel Fußball, unter anderem habe ich mir Deutschland gegen Ghana angeschaut. Und während des Turniers versuche ich auch, so viele Spiele wie möglich zu schauen. Ich kenne zum Beispiel von Curacao nicht jeden Spieler persönlich. Das ist schon eine Schwierigkeit. Ich kann mich noch erinnern, dass ich eine ähnliche Situation bei der WM 2014 hatte, als wir gegen Algerien gespielt haben, da kannte ich nicht sofort jeden Spieler zu Beginn.

WM 2006 bleibt Schweinsteiger in Erinnerung
Wenn wir bei der WM 2014 bleiben: War dieses Turnier für Sie persönlich das Emotionalste?
Mit dieser Mannschaft, mit diesen Spielern die WM zu gewinnen, war schon besonders. Wir haben über Jahre versucht, einen großen Titel zu holen und das ist uns endlich 2014 gelungen. Emotional habe ich auch noch die WM 2006 in Deutschland im Kopf. Wir haben uns als Land so präsentiert, dass die anderen Nationen uns anders wahrgenommen haben. Wayne Rooney und Zlatan Ibrahimovic haben danach zu mir gesagt, dass es das schönste Turnier war, das sie gespielt haben. Und sie haben nicht die WM gewonnen! Es war einfach die Art und Weise, die 2006 besonders war. Das war auch für Deutschland ein viel größerer Erfolg als der dritte Platz, den wir am Ende geholt haben.
Schauen wir auf die jetzige Nationalmannschaft: Wie weit kann das DFB-Team bei der WM kommen?
Ich würde es als Erfolg ansehen, wenn wir das Halbfinale erreichen. Aber es kann auch schon davor Schluss sein, wenn wir im Achtelfinale einen echten Brocken wie Frankreich erwischen. Wichtig ist, dass wir gut in das Turnier reinkommen und zeigen, dass wir uns gegen Widrigkeiten stemmen können. Denn man wird bei jedem Turnier vor Probleme gestellt. Da bin ich gespannt, ob die DFB-Elf das kann.
Wenn man bei einem Turnier Erfolg haben möchte, muss man davor schon seine Arbeit machen.
Schweinsteiger fehlt bei DFB-Elf Konstanz
Wenn man die Mannschaft mit jener aus dem Jahr 2014 vergleicht: Was fehlt dem Team?
Wir haben Spieler auf Weltklasseniveau. Ich denke da vor allem an Joshua Kimmich, Jamal Musiala, Aleksandar Pavlovic und Florian Wirtz. Aber der große Unterschied ist die Konstanz und der Leistungsabfall. Wenn man bei einem Turnier Erfolg haben möchte, muss man davor schon seine Arbeit machen. Argentinien war 2022 vor dem Titelgewinn zum Beispiel schon vor dem Turnier 20 Spiele ungeschlagen. Bei Italien und Spanien war es das Gleiche.
Kann man dann überhaupt noch auf das Niveau von Weltklasse-Nationen wie Frankreich kommen?
Dafür braucht es mannschaftliche Geschlossenheit. 2014 haben wir Bayern-Spieler das Gerüst gebildet. Das war gefestigt und so stark, dass wir die anderen mitgezogen haben. Das braucht es jetzt auch.

Block des FC Bayern ist für DFB-Team wichtig
Der Bayern-Block ist also enorm wichtig für das Abschneiden der WM?
Aus der Historie heraus, ist es auf jeden Fall wichtig. Vor allem, wenn sie jetzt diesen positiven Schwung mitnehmen, kann es eine Säule sein. Deswegen wäre es auch nicht schlecht, wenn die Bayern die Champions League und den DFB-Pokal gewinnen. Das würde den Spielern nochmal einen Schwung für die Nationalmannschaft geben.
Ein Risiko sehen Sie für das XXL-Turnier also nicht, dass die Bayern-Spieler nach der anstrengenden Saison ausgepumpt nachreisen könnten?
Für mich persönlich wäre es ein Push. Klar, wenn sich jetzt noch jemand verletzt, wäre es für die verbleibende Vorbereitung schwer. Sie müssen gesund und physisch fit zu diesem Turnier reisen.
Manu ist mit seiner aktuellen Verfassung ganz vorne dabei. Ginge es also nach mir, wäre er bei der WM dabei.
Schweinsteiger sieht Pavlovic als Führungsspieler beim DFB-Team
Wenn wir nochmal auf die Achse schauen: Welche Spieler sind für Sie die Führungsspieler, die bei dieser WM vornewegmarschieren?
Natürlich muss man da zuerst Kimmich als Führungsspieler nennen. Ich würde sehr gerne auch Pavlovic in dieser Rolle sehen. Er hat sich bei den Bayern super entwickelt und spielt dort eine zentrale Rolle. Es gehören für mich aber auch noch andere, erfahrene Spieler, in diesen Kreis, wie Leon Goretzka und Jonathan Tah. Auch Nico Schlotterbeck hat das Potenzial, ein Führungsspieler zu werden. Und Musiala und Wirtz haben mit ihrer Kreativität, ähnlich wie Franck Ribéry und Arjen Robben damals beim FC Bayern, ebenfalls das Potenzial, eine gewisse Verantwortung zu übernehmen.
Es sieht danach aus, als würde es das erste Turnier für den DFB nach 16 Jahren ohne Manuel Neuer werden. Sie würden ihn trotzdem gerne bei der WM sehen.
Manu ist mit seiner aktuellen Verfassung ganz vorne dabei. Ginge es also nach mir, wäre er bei der WM dabei. Für ihn selbst wäre es auch gut, sich in den USA, Mexiko und Kanada zu präsentieren. Aber es ist wohl entschieden. Mit Baumann haben wir auch einen Torhüter, der in der Nationalmannschaft gute Leistungen gezeigt hat.

