"Immer zwei Stück am Rand des Buffets platziert": FC-Bayern-Legende Roth verrät Kuchengeheimnis
Es war, rein sportlich, der absolute Höhepunkt – und zugleich der Anfang vom Ende einer Ära. Am 12. Mai 1976, auf den Tag genau vor 50 Jahren, gewann der FC Bayern zum dritten Mal hintereinander den Europapokal der Landesmeister. Zuvor gelang solch ein Titel-Hattrick lediglich Ajax Amsterdam (1971 bis 1973) sowie Real Madrid (sogar fünf Erfolge von 1956 bis 1960). Die Königlichen triumphierten auch in der Neuzeit, nach der Einführung der Champions League, noch ein weiteres Mal im Dreierpack – von 2016 bis 2018.
Maier in der AZ: "Wir hatten einen sehr guten Torwart"
Das Finale von Glasgow gegen den damaligen französischen Spitzenklub AS Saint-Étienne war kein fußballerischer Leckerbissen. "Nichts Besonderes, wirklich nicht. Die Franzosen waren besser, wir cleverer. Außerdem hatten wir viel Glück und einen sehr guten Torwart", erinnert sich Sepp Maier (82) im Gespräch mit der Abendzeitung und lacht schelmisch. Nicht zu vergessen: Franz, genannt Bulle, Roth.

Der Mittelfeldspieler versenkte einen indirekten Freistoß – der goldene Treffer zum 1:0-Erfolg. "Ich wollte den Ball kraftvoll an der Mauer vorbei versenken. Das war ein Gewaltschuss, aber mit guter Schusstechnik. Der Ball ist herrlich im Eck eingeschlagen", sagt der heute 80-Jährige. Kraft hatte er, der Bulle aus dem Allgäu, der nach 1967 und 1975 zum dritten Mal in einem europäischen Finale das 1:0 erzielte.
Ob Käse-, Pflaumen- oder Kirschkuchen. Für mich wurden immer zwei Stück reserviert und am Rand des Buffets platziert.
Roth war der Frühaufsteher beim FC Bayern
Kraft dank Kuchen. Zwei Stück vor jedem Spiel, das war sein Ritual. "Ob Käse-, Pflaumen- oder Kirschkuchen. Für mich wurden immer zwei Stück reserviert und am Rand des Buffets platziert", so Roth zur AZ, der auf einem Bauernhof aufwuchs und daher stets der Frühaufsteher der Mannschaft um Kapitän Franz Beckenbauer, Katsche Schwarzenbeck, Gerd Müller und Uli Hoeneß war.
Lediglich 600 Anhänger begleiteten die Bayern nach Glasgow – die Anreise war länger und umständlicher als 1974 nach Brüssel und 1975 nach Paris, zigtausende Fans kamen in den Jahren zuvor mit. Die Erfolge im Landesmeister-Bewerb waren ein kleinwenig zur Routine geworden, für die Bundesliga konnten sich die von den ständigen Titelfeiern müden Helden (Deutscher Meister 1974, Europameister 1972, Weltmeister 1974) kaum noch motivieren.

FC Bayern wurde in der Saison 1974/75 nur Zehnter
"Nach dem großen Triple mit dem WM-Gewinn 1974 haben wir uns voll auf den Europapokal konzentriert", erklärt Maier, "das war uns wichtig - hat gut geklappt." In der Liga wurden die Bayern unter Trainer Dettmar Cramer, der Anfang des Jahres 1975 auf Udo Lattek folgte, lediglich Zehnter (74/75) und Dritter (75/76). "Uns war klar: Ein Umbruch stand bevor", sagt Roth im Rückblick. Er selbst erlitt 1977 einen Achillessehnenriss. Der Kaiser wechselte im selben Jahr in die US-Liga zu Cosmos New York, Hoeneß erholte sich von einer Knieverletzung nicht mehr, fing 1979 als Self-made-Manager an.
Den Champions von Glasgow '76 ist das Finale nicht wegen des Spiels, sondern einer ganz besonderen Begegnung in Erinnerung: Im Team-Quartier, dem etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Hotel Albany, logierten auch die Rolling Stones. Am Finaltag spielten sie ein Konzert im Apollo Theatre, bei den Proben im Hotel schauten Beckenbauer und Müller zu.
Die liefen uns immer mal wieder über den Weg und machten mit ihrer Entourage ihrem Ruf als echte Rockband nachts alle Ehre.
Maier: "Ich war großer Beatles-Fan"
"Die liefen uns immer mal wieder über den Weg und machten mit ihrer Entourage ihrem Ruf als echte Rockband nachts alle Ehre", erzählt Roth. Mick Jagger und der Kaiser ließen gemeinsame Fotos machen. Nichts für den Sepp: "Die haben mich nicht so interessiert, ich war großer Beatles-Fan." Als Bandleader Jagger am Spieltag in die Teambesprechung im Konferenzraum hineinplatzte, wurde er von Trainer Cramer hinauskomplimentiert mit den Worten: "Mick, wir müssen uns aufs Spiel vorbereiten – du bitte auf dein Konzert."
Jagger trollte sich brav. Als sich der Bayern-Tross in einem klapprigen Mannschaftsbus auf den Weg zum Stadion Hampden Park machte, wurden sie von der Wagen-Kolonne der Stones überholt. Von sechs weinroten Bentleys. "Die waren ständig zugedröhnt und sind so zum Konzert“, meint Maier und sagt laut lachend: "Vielleicht hätten wir vor unserem lausigen Spiel gegen Saint-Étienne auch besser ein wenig von dem Zeug genommen."
FC Bayern durfte den Henkelpott behalten
Zurück in München gab es keinen Empfang der Stadt, selbst der Oberbürgermeister ließ sich entschuldigen. Als die Sondermaschine auf dem Flughafen in Riem landete, erschien lediglich der zweite Stellvertreter aus dem Münchner Rathaus zur Gratulation. Durch den dritten Triumph hintereinander durften die Bayern den Henkelpott behalten.
Vor dem Heimspiel drei Tage später gegen den VfL Bochum wurde das silberne Original plus zwei kleinere Pokal-Kopien auf einem Tisch samt Blumen dekorativ präsentiert. Was lediglich 26.000 Fans ins Olympiastadion bestaunten. Ein weiterer Beleg für das Ende einer großen Ära.
