Rummenigge im Interview: "Reif für Hollywood"

Wieso Boss Rummenigge Chelseas Abramowitsch nett findet, wie viele Karten er fürs Finale hat – und warum ein Triumph der größte Erfolg in Bayerns Vereinsgeschichte wäre.
| Gunnar Jans, Jochen Schlosser
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Karl-Heinz Rummenigge: Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern empfing die AZ-Redakteure Jochen Schlosser und Gunnar Jans (r.) an der Säbener Straße.
AZ Karl-Heinz Rummenigge: Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern empfing die AZ-Redakteure Jochen Schlosser und Gunnar Jans (r.) an der Säbener Straße.


AZ: Am 19. Mai steigt das Finale dahoam, das Champions-League-Endspiel Bayern gegen Chelsea in der Allianz Arena. Wie viele alte Freunde haben sich zuletzt bei Ihnen gemeldet, Herr Rummenigge?

KARL-HEINZ RUMMENIGGE: (lacht) Viele, sehr viele, aber ich musste die meisten enttäuschen. Wir müssen dafür sorgen, dass so viele Bayern-Fans wie möglich im Stadion sitzen.


Es werden pro Klub 17500 sein, der Rest der Tickets geht an Sponsoren, VIPs...


Das ist zu wenig, aber letztendlich müssen wir glücklich sein, dass wir 17500 bekommen.


Ärgern Sie sich eigentlich, dass Sie damals nicht ein größeres Stadion gebaut haben. Es ist eh immer ausverkauft.


Franz Beckenbauer hat damals von 100000 Plätzen gesprochen, aber das wäre nicht zu machen gewesen. Erstens hätte das einen großen dreistelligen Millionenbetrag mehr gekostet, außerdem war der damalige Stadionpartner (TSV 1860, d. Red.) für dieses Projekt nicht zu begeistern.


Wie viele Final–Karten hat denn der Vorstandschef des FC Bayern selbst?


Ich habe ein paar, aber nicht annähernd so viele wie ich bräuchte.


Haben Sie eine solche Nachfrage jemals erlebt?


Nein, das schlägt alles, was wir bislang hier zu bewältigen hatten. Es waren 1,2 Millionen Anfragen, dann wurde zugemacht – es wären zwei Millionen geworden. Was daran liegt, dass wir das Finale dahoam haben. Wir sind Gastgeber und auch Teilnehmer. Ich bin ja immer etwas auf die Bremse getreten, aber jetzt ist dieser Riesentraum schon einmal wahr geworden – und wir träumen weiter.


Präsident Uli Hoeneß hat es 2011 bei der Jahreshauptversammlung angekündigt: „Da müssen wir dabei sein.” Haben Sie da etwas gezuckt?


Nein, wir haben das Finale immer im Hinterkopf gehabt. Aber planbar ist das nicht! Die Champions League hat eine unglaubliche Qualität, die Unterschiede auf diesem Niveau sind minimal – da muss alles auf den Punkt passen.


Nun hat es auf den Punkt gepasst. Unglaublich, oder?


Ja, als wir drei – der Uli Hoeneß, Karl Hopfner und ich – in Madrid im Auto zum Hotel gefahren sind, habe ich zu den beiden gesagt: Wenn man einen Film drehen würde, dann wäre dies das perfekte Drehbuch. Das ist reif für Hollywood! Kein Regisseur hätte sich das besser einfallen lassen können: Man spielt eine perfekte internationale Saison, man hat das Finale im eigenen Stadion – und jetzt hoffe ich, dass es zu einem Happy End kommt.


Nochmal im Elfmeterschießen?


Von mir aus. Ich bin immer für ein Herzschlagfinale – und ganz nah bei Gary Lineker...


...Englands Star, der 1990 sagte: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.” Zum Glück geht es also gegen Chelsea.


Wir werden jetzt in die Favoritenrolle gedrängt, aber dieses Chelsea erinnert mich ungemein an den FC Bayern der Saison 1975 und 1976. Da haben wir in der Liga einen schönen Mist gespielt, aber diese Mannschaft – da waren auch die meisten schon über ihren Zenit – konnte sich dann in den Spielen gegen Real Madrid oder in den Finalspielen gegen Leeds oder St. Etienne unglaublich zusammenreißen. Das hat mich – ich war damals ein junger Bursche von 19, 20 Jahren – unglaublich erstaunt: Das waren zwei unterschiedliche Mannschaften.


Sie warnen also vor Chelsea. Für diese Truppe ist es ja wohl auch die letzte Chance.


Diese Generation – Lampard, Terry, Drogba – hat sicherlich ein Verfalldatum. Und der Besitzer Roman Abramowitsch lechzt seit dem ersten Pfund, das er investiert hat, nach diesem Titel.


Allein an Ablösesummen waren es seit 2003 circa 869 Millionen Euro.


Es wird kolportiert, dass es insgesamt eine Milliarde war, die ihn Chelsea gekostet hat.


Sind Sie denn neidisch auf diese Summe?


Nein, ich hasse diese Arm-Reich-Debatte.


Auch kein Neid auf den milliardenschweren Roman Abramowitsch mit all seinen Yachten und seinem Luxus?


Nein, außerdem habe ich ihn kennengelernt und muss sagen: Er ist absolut sympathisch – und kein Mensch der großspurig oder arrogant auftritt. Er ist eher zurückhaltend. Es ist eben so: Der eine hat höhere Einnahmen, der andere geringere. Was ich allerdings weiß, ist, dass Chelsea die Kritierien des Financial Fairplay derzeit nicht erfüllen würde.


Erklären Sie das doch bitte einmal für den Laien.


Michel Platini (der Uefa-Präsident, d. Red.) kam vor drei Jahren zu mir mit diesem Plan – Financial Fairplay. Ich habe das als Vorsitzender der ECA (Verband der europäischen Klubs, d. Red.) von Beginn an unterstützt. Vor anderthalb Jahren gab es eine Sitzung in Manchester, dort haben alle 200 Mitglieder zugestimmt. Es ist kein Geheimnis, dass 60 Prozent der Profiklubs in Europa rote Zahlen schreiben. Da keimte die Einsicht, dass es notwendig ist, auf die Bremse zu treten, damit wir Ähnliches, was gerade mit dem Euro passiert, im Fußball verhindern müssen.


Das heißt?


Es gibt jetzt eine Übergangsphase, in der alle Klubs überprüft werden. Wichtig ist, dass die Klubs in der Bilanz break even sind, also verlustfrei arbeiten. Ab 2014 geht es dann seriös zur Sache. Dann gibt es das Limit für Besitzer. Sie dürfen maximal pro Saison 15 Millionen Euro zuschießen. Wie die Sanktionen dann aussehen, sollte sich ein Klub nicht daran halten, ist offen. Aber Platini hat gesagt, dass Namen keine Rolle spielen.


Wer von den Champions-League-Halbfinalisten – außer dem FC Bayern – würde dieses Kriterium denn erfüllen?


Real - break even, Barcelona – break even...


...und der FC Chelsea?


Ich möchte keinen Klub an den Pranger stellen.


Aber es gibt bei Ihnen eine Genugtuung, ohne Mäzenatentum im Finale zu stehen.


Natürlich, aber es ist schwierig. Es gibt Spielzeiten, da wird man nur Dritter oder Vierter, da kocht die Fanseele . Aber auch dann muss man abwägen, was realistisch möglich ist. So haben wir beispielweise 2007 richtig viel Geld in die Hand genommen – und es ist gut gegangen. Das größte Gut, das wir hier beim FC Bayern haben, ist, dass wir seit 15 Jahren mit positivem Ergebnis wirtschaften.


Trotzdem steht der FC Bayern zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren im Champions-League-Finale.


Und es ist heutzutage viel schwieriger die Champions League zu gewinnen als zu meiner Zeit. Da ging’s gegen Jeunesse Esch, dann gegen Malmö, dann in die Winterpause. Dann kam Benfica Lissabon – und erst im Halbfinale der Kracher mit Real. Dieses Jahr hatten wir schon in der Gruppenphase zwei Kracher - mit Manchester City und dem SSC Neapel.


Klingt fast so, als wäre ein Triumph gegen Chelsea höher zu bewerten als alle anderen Europacup-Siege zuvor?


Ja, das wäre historisch betrachtet der größte Triumph der Vereinsgeschichte – auch, weil wir zu Hause spielen.


Und danach kommt ein Umbruch? Oder kann diese Mannschaft eine Ära prägen?


Wir haben nun noch zwei Spiele vor der Brust. Ich weigere mich, jetzt weiterzudenken. Aber egal wie es ausgeht: Danach muss man sich schütteln – und weiter geht’s. Aber einen Umbruch? Ich denke, diese Mannschaft hat ihren Zenit noch nicht erreicht.


Und was ist an Feierlichkeiten geplant?


Noch nichts konkret, aber: Wir können sehr schnell reagieren.


Und was gönnen Sie sich dann persönlich?


Nichts! Mir würde dieses unglaubliche Glücksgefühl vollauf genügen.

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