Roland Koch: Die Bayern? Ein bisschen frankfurt-gesteuert

Hessens früherer Ministerpräsident Roland Koch (61, 1999-2010) ist Mitglied des Beirats von Eintracht Frankfurt. Koch spricht in der AZ über Bayern-Trainer Niko Kovac, das Duell mit der Eintracht und Uli Hoeneß: "Er hat dem deutschen Fußball einen großen Dienst erwiesen."
| Maximilian Koch
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Ein Ex-Frankfurter – Niko Kovac – führt die Bayern als Trainer zur Meisterschaft. Die AZ hat mit Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch gesprochen.
sampics, Minkoff/bd. AK Ein Ex-Frankfurter – Niko Kovac – führt die Bayern als Trainer zur Meisterschaft. Die AZ hat mit Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch gesprochen.

AZ: Herr Koch, schlägt Ihr Fußballherz als früherer hessischer Ministerpräsident automatisch für die Eintracht?
ROLAND KOCH: Ich gehe durchaus regelmäßig zur Eintracht, bin Vereinsmitglied und Mitglied des Beirates. Also: ja. Ich bin zwar kein Fußballexperte, aber ein interessiert begleitender und emotionaler Eintracht-Fan. Und bei der derzeitigen Stimmung in Frankfurt lohnt der Besuch immer.

Roland Koch über Frankfurt: "Gewinnen können wir schon"

Was tippen Sie für das Duell am Samstag? Bayern war zuletzt nicht in Bestform.
Die Bayern sind zu gut, als dass wir sie deklassieren würden. Aber gewinnen können wir schon, das ist bei einem Heimspiel unser Anspruch.

Begeistert Sie die Eintracht schon seit Kindestagen?
Als Jugendlicher war ich bereits Eintracht-Fan, da haben Leute wie Jürgen Grabowski und Klaus Hölzenbein gespielt.

Waren Sie selbst mal aktiver Fußballer?
Nein. Ich bin ein Mensch, der sich aus dem Sport relativ früh zurückgezogen hat. Ich war Judoka und Leistungsschwimmer. Mit den Füßen hatte ich es nicht so.

Was sind die Gründe dafür, dass sich Eintracht Frankfurt so positiv entwickelt hat?
Die Eintracht hat das geschafft, was wir uns alle erhofft haben: Das Stadion ist fast immer voll mit 50 000 Zuschauern, es wird erfolgreicher Fußball gespielt. Man muss auch sehen, wo der Klub herkommt. Dreimal abgestiegen, fast insolvent. Es hat in den letzten Jahren eine kontinuierliche positive Entwicklung stattgefunden, zunächst eine Konsolidierung, jetzt sind die richtigen Leute in verantwortlicher Position wie etwa Fredi Bobic. Die Eintracht spielt auf einem guten internationalen Niveau.

Befürchten Sie, dass Manager Bobic in den Fokus größerer Klubs gerät, vielleicht sogar von Bayern gelockt wird?
Ich glaube, dass sich Bobic bei uns sehr wohl fühlt. Man sieht an der Art, wie wir Transferpolitik betreiben, dass Spieler zu uns kommen, die absolute Spitze sind, sich toll weiterentwickeln, die wir aber nicht ewig halten können. Wir werden wohl noch viele Jahre mit Bobic sehen. Aber wir müssen aufpassen, dass unser System weder von Spielern noch von Trainern oder Managern abhängt. Dahinter stehen 80 000 Mitglieder und eine leistungsfähige Gesellschaft. Das ist eine sehr ordentliche Grundlage, auf der Bobic arbeiten kann.

Wie sehr schmerzt es, dass das positive Bild, zu dem auch die leidenschaftlichen Eintracht-Fans beitragen, durch Ausschreitungen bei Auswärtsspielen getrübt wird?
Die Eintracht ist ein fan-getriebener Verein. Die Choreografien, auf die die Fans zurecht stolz sind, sind zu einem Markenzeichen geworden. Ich persönlich finde es sehr ärgerlich, dass Menschen glauben, sie müssten gegen Regeln verstoßen, um ihre Ekstase zum Ausdruck zu bringen. Das schadet dem Fußball, wir zahlen ja bittere Preise dafür: Keine Fans in London (beim Europa-League-Auswärtsspiel gegen Arsenal, Anm.d.Red), keine Fans bei Standard Lüttich. Ich hoffe, dass es irgendwann gelingt, diesen banalen Satz zu beherzigen: Gewalt ist verboten. Punkt. Aus. Aber manche Probleme, die sich bei den Ultras abspielen, bekommt der deutsche Fußball nicht in den Griff. Das ist einfach schade.

Roland Koch: "An Hoeneß kann man sich ein Beispiel nehmen"

Ein Blick auf die Bayern: Uli Hoeneß kandidiert nicht mehr als Präsident. Wie groß ist die Lücke, die das reißt?
Das können die Bayern und mein Freund Edmund Stoiber besser beurteilen. Aber für den deutschen Fußball ist es generell wichtig, dass Figuren da sind, die wichtige Dinge entscheiden können und die Fähigkeit und das Charisma besitzen, Emotionen zu bündeln, auf Ziele auszurichten. Hoeneß gehört zu diesen Figuren. Er hat dem deutschen Fußball einen großen Dienst erwiesen, weil er sich als Persönlichkeit in die Mitte der Sache gestellt hat. Das wird bei ihm immer so bleiben. Es ist auch keineswegs selbstverständlich, dass jemand so souverän seine Nachfolge in Vernunft und Ruhe regelt. Auch in diesem Punkt ist Hoeneß jemand, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann. Ich bin gespannt, wie gelassen er von der Seitenlinie auf seine Bayern schauen wird.

Das klingt so, als seien Ihnen Hoeneß und der FC Bayern durchaus sympathisch.
Ich bin Frankfurter. Aber das heißt nicht, dass ich ignorant bin und den Blick verloren hätte auf das, was Hoeneß aufgebaut hat. Wenn Bayern gut spielt, sind die Deutschen auch stolz darauf. So lange wir Frankfurter der Auffassung sind, dass wir Bayern schlagen können und das schon bewiesen haben, sehen wir das Ganze noch gelassener. So lange Niko Kovac, den wir hier sehr schätzen, weil er Unglaubliches geleistet hat, Trainer bei Bayern ist, müssen die Bayern damit leben, dass wir sie ein bisschen für Frankfurt-gesteuert halten. Das ist in Bayern sicher kein Kompliment, aber das macht es uns leichter, den Bayern gelassen entgegenzutreten.

Hatte es Kovac in Frankfurt leichter als in München?
Nicht immer. Es gab auch schwierige Zeiten, speziell die letzte Phase, nachdem er sich für München entschieden hatte. Trainer sind heute vollständig in die Kategorie der Politiker eingeordnet. Sie müssen mit dieser Art eines emotionalen, gehässigen und oft auch unwahren Umgangs leben. Aber das gehört zum Beruf, das weiß Kovac. Er hat einfach einen gefährlichen Job. Es geht darum, Menschen zu einem Team zu fügen und selbst relativ hilflos an der Seite zu stehen. Bisher hat Kovac diese Herausforderung sehr gut gemeistert – sogar beim FC Bayern.

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