Nachlässigkeit gegen Union: Hier will Bayern gegen Real besser werden

Zum Glück ist Harry Kane Brite, also von Natur aus ein Mensch mit Humor. Und so konnte der Stürmerstar in den Katakomben der Allianz Arena schon wieder ein bisserl lachen – über sich selbst und seinen denkwürdigen Last-Minute-Fehlschuss gegen Union Berlin. "Über die letzte Chance", schmunzelte er, "werde ich ein paar Stunden nachdenken, ganz sicher."
Kanes kurioser Lupfer
Was Kane meinte: In der 89. Minute war der 32-Jährige allein auf Union-Keeper Frederik Rönnow zugestürmt – eigentlich ein todsicheres Ding für den 31-Tore-Angreifer. Aber anstatt die Kugel an Rönnow vorbei ins Netz zu schieben, setzte er zu einem (zu) lässigem Lupfer an und der Ball trudelte links am Pfosten vorbei. Die 75.000 Zuschauer in der Arena trauten ihren Augen kaum: Was war denn da los? Was erlaube Harry?!
"Ich habe wahrscheinlich die schwierigste Chance des Spiels genutzt (sein Drehschuss zum zwischenzeitlichen 3:0, d. Red.) – und die leichteren vergeben. So ist das Leben eines Stürmers", erklärte Kane – und beschrieb damit quasi stellvertretend Bayerns großes Manko im Spiel gegen die Eisernen: die mangelnde Chancenverwertung.
Torflut mit Schönheitsfehler
Natürlich klingt es erst mal paradox, bei einem 4:0 überhaupt von einem Manko zu sprechen, zumal die Münchner in dieser Spielzeit zu einem absoluten Tor-Monster mutiert sind.
Allein 22 (!) Treffer waren es in den letzten sechs Spielen – so gesehen, ist es wirklich nur noch eine Frage der Zeit, bis der Allzeit-Rekord von 101 Toren aus der Saison 1971/1972 fällt. "Jetzt haben wir 97 Tore geschossen – das ist schon beeindruckend", rechnete Sportdirektor Christoph Freund in Gegenwart der Reporter noch mal nach – was bedeutet, dass die scheinbar ewige Bestmarke womöglich sogar schon beim nächsten Bundesliga-Spiel in Freiburg am Samstag in zwei Wochen fallen könnte, also am 28. Spieltag!

Selbst für die so erfolgsverwöhnten Rekordjäger von der Säbener Straße wäre das "etwas Historisches und für die Mannschaft etwas ganz Besonderes", wie Freund versicherte.
Allerdings war natürlich auch dem Österreicher aufgefallen, dass an diesem Nachmittag längst nicht nur Kane beste Chancen ausgelassen hatte: "Heute wären noch zwei, drei mehr möglich gewesen", sagte Freund und dürfte damit vor allem die Szenen von Doppelpacker Serge Gnabry und auch Lennart Karl (Pfostenschuss) gemeint haben, die beide überraschend fahrlässig und eben so gar nicht Bayern-like mit ihren Möglichkeiten umgegangen waren.
Kompanys Rückendeckung für die Offensive
Für Coach Vincent Kompany kein Problem: "Nervös sind wir nicht geworden", betonte der Belgier und nahm seine Offensiv-Abteilung in Schutz: Gnabry, Karl, auch 1:0-Torschütze Michael Olise, Luis Díaz und Kane seien doch genau die Spieler, für die die Fans ins Stadion kommen würden.
Was gegen einen limitierten Gegner wie Union, die zwar tapfer verteidigten, aber nur fünf Mal aufs Tor schossen (Bayern 31 Mal), nicht ins Gewicht fällt, könnte sich allerdings gegen ein Team wie Real Madrid rächen. Die abgezockten Königlichen, die mal wieder pünktlich zur Crunchtime in der Champions League in Form zu kommen scheinen, sind bekannt dafür, solche Nachlässigkeiten eiskalt zu bestrafen.

"Wir wissen, dass auch Spiele kommen werden, wo wir weniger Chancen haben – und da wollen wir dann alle Chancen nutzen", erklärte dazu Leon Goretzka am Sky-Mikro. Das weiß auch sein Kollege Kane. "Gegen Madrid musst du immer auf gefährliche Spieler achten", sagte der Kapitän der Three Lions, schob aber mit Blick auf die bevorstehenden Viertelfinal-Duelle gegen die Madrilenen (7. und 15. April) hinterher: "Am Ende liegt es an uns selbst."
Mia san mia – und vor allem selbstbewusst!
Blick auf Real Madrid und die Crunch-Time
Man merkt Kane & Co. immer deutlicher an, wie vor allem die zwei Statement-Siege (6:1 und 4:1) in den beiden Achtelfinal-Begegnungen gegen Atalanta Bergamo den Triple-Glauben der Münchner weiter haben wachsen lassen.
Und bei ihm selbst ziemlich sicher auch den Glauben an den einzigen Rekord, den er im Bayern-Trikot (noch) nicht geknackt hat. Zehn Tore fehlen Kane aktuell auf Robert Lewandowskis 41 Treffer aus der Saison 2020/2021, als der Pole damals den eigentlich als unknackbar geltenden Gerd-Müller-Rekord übertrumpfte.
Zehn Tore in sechs Bundesliga-Partien – das müsste doch machbar sein, Herr Kane? "Ende April wissen wir mehr. Ein Hattrick und ein paar Doppelpacks könnten reichen", sagte der Stürmer mit einem besonders breiten Grinsen. Wie ein Spaß klang das aber nicht.