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Nach WM-Aus gegen Paraguay: Bundestrainer-Freund rät Nagelsmann zum Neuanfang bei einem Verein

Die Nationalmannschaft scheidet bei der WM gegen Paraguay aus. Nagelsmann-Freund Alexander Schmidt sieht strukturelle Probleme beim DFB und rät dem Coach zum Neuanfang bei einem Verein.
Kilian Kreitmair
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Bleibt er Bundestrainer? Julian Nagelsmann steht vor einer schweren Entscheidung.
Bleibt er Bundestrainer? Julian Nagelsmann steht vor einer schweren Entscheidung. © IMAGO

AZ: Herr Schmidt, die DFB-Elf scheidet im Sechzehntelfinale im Elfmeterschießen gegen Paraguay aus. Wie wollte es Julian Nagelsmann angehen? 
ALEXANDER SCHMIDT: Generell war die taktische Herangehensweise ähnlich wie in den Gruppenspielen. Nathaniel Brown war wieder mehr im Mittelfeld zu finden und Florian Wirtz kam eher über den Flügel. Mit Deniz Undav wollte Julian im Sturm eine weitere Anspielstelle schaffen, weil sich Kai Havertz oft aus der Spitze herauszieht. Aber er hatte wenige Aktionen. Man hat bei ihm immer das Gefühl, dass er nicht zu 100 Prozent austrainiert ist.

DFB-Mannschaft fehlte gegen Paraguay das letzte Feuer

Wo haben Sie noch Schwachstellen beim DFB-Team erkannt? 
Wir haben keine Mittel gefunden, den tiefen Block auszuspielen. Da hat es an Durchschlagskraft gefehlt. Mit Jamal Musiala lief es zwar besser als mit Leroy Sané, weil er deutlich variabler war und mehr Zug zum Tor hatte, aber es hat am Ende nicht gereicht. Waldemar Anton hat mir sehr gut gefallen. Er hat Emotionalität und Robustheit in den Zweikämpfen gezeigt. Man hat bei ihm gemerkt, dass er heiß ist.

Analysiert für die Abendzeitung die Taktik der Nationalmannschaft: Nagelsmann-Kumpel und Trainer Alexander Schmidt.
Analysiert für die Abendzeitung die Taktik der Nationalmannschaft: Nagelsmann-Kumpel und Trainer Alexander Schmidt. © AZ-Montage

Die Mannschaft wirkte insgesamt erneut nicht so gierig wie Paraguay. 
Ich will nicht sagen, dass sie nicht motiviert waren, aber das letzte Feuer hat gefehlt. Und das ist auch die Quintessenz aus dem Spiel. Paraguay wollte den Sieg mehr. Sie haben Willen, Zweikampfhärte und Robustheit an den Tag gelegt.

Wir gehören einfach von der individuellen Klasse nicht mehr zur Weltspitze.

Alexander Schmidt

Nationalmannschaft ist ein Spiegel der Gesellschaft

Sehen Sie da Nagelsmann in der Verantwortung, so ein Feuer zu entfachen? 
Wenn man die Mannschaft als Bundestrainer nur selten hat, ist es schwer. Nationen wie Paraguay sehen in so einem Spiel oftmals eine große Chance. Und fußballerisch können wir solche Mannschaften einfach nicht mehr spielerisch auseinandernehmen, sondern wir brauchen da schon die Mischung aus Mentalität und Spielwitz. Wir gehören einfach von der individuellen Klasse nicht mehr zur Weltspitze. Frankreich zum Beispiel ist auch nicht ganz fehlerfrei, aber sie können das durch die individuelle Qualität ausgleichen. Dazu kommt bei unserer Mannschaft, dass sie nicht homogen wirkt.

Denken Sie, dass Julian Nagelsmann das noch in den Griff bekommen kann?
Grundsätzlich muss man sagen, dass es schon auch eine Sache der Gesamtmentalität um die Nationalmannschaft ist. Viele in Deutschland warten nur darauf, dass das Team schlecht spielt, um darauf rumzuhacken. Das ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass er trotz seiner Trainerstationen bei vielen großen Klubs, noch ein sehr junger Coach ist und die Situation sehr schwer ist.

Bereits als Schattentrainer von Julian Nagelsmann gehandelt: Jürgen Klopp.
Bereits als Schattentrainer von Julian Nagelsmann gehandelt: Jürgen Klopp. © IMAGO

Selbst Klopp würde Probleme beim DFB haben

Sie sehen Nagelsmann also noch als zu unerfahren für so eine komplexe Situation? 
Er hat noch nicht das Standing wie zum Beispiel ein Jürgen Klopp. Die Diskussionen um ihn wird es jetzt natürlich geben, weil die Kritik an Julian jetzt natürlich groß ist. Aber von außen spricht es sich leicht und ich bin mir sicher, dass es auch unter Klopp Probleme geben würde.

Also liegt das Problem beim DFB Ihrer Meinung nach tiefer? 
Es wäre ungerecht, wenn man alles nur auf Julian ausmacht. Wir haben in Deutschland schon ein strukturelles Problem. Man muss sich zum Beispiel die Frage stellen, warum die Franzosen so eine Vielzahl an Talenten haben und wir nicht. Solche Themen muss man angehen. Wir haben unter anderem mit Hannes Wolf, mit dem ich den Fußballehrer gemacht habe, fähige Leute, die Dinge verändern können. Aber das wird nicht von heute auf morgen funktionieren. Eine strukturelle Veränderung dauert Jahre. Klar, Deutschland ist ein Fußballvolk und jeder erwartet das Maximum, aber wir müssen vielleicht auch unsere Erwartungshaltung ein bisschen nach unten schrauben.

Offen gesagt, würde ich ihm raten, wieder eine Vereinsmannschaft zu übernehmen, in der er sich voll einbringen kann.

Alexander Schmidt

Auslandserfahrung würde Nagelsmann guttun

Nagelsmann selbst hat seinen Rücktritt zunächst ausgeschlossen. 
Offen gesagt, würde ich ihm raten, wieder eine Vereinsmannschaft zu übernehmen, in der er sich voll einbringen kann. Das liegt ihm mehr. Da kann er seine Kreativität und sein Fachwissen besser einbringen. Gerade eine Station im Ausland würde ihm meiner Meinung nach guttun. Beim DFB ist es jetzt schon sehr schwierig, dass du wieder die Kurve bekommst. Entsprechend soll sich Julian in Ruhe Gedanken machen und entscheiden, ob es künftig nicht besser ist, wieder eine Vereinsmannschaft zu trainieren.

Wie geht er generell mit so einer Niederlage um? 
Er zieht sich nicht zurück, sondern er meldet sich schonmal bei mir. Aber klar ist auch, dass so eine Situation etwas mit dir als Trainer macht. Auch wenn er es nicht sagen will, belastet ihn das, wenn alle auf ihm rumhacken. Er wollte ja auch nur das Beste. Aber im Grunde genommen ist es ein größeres Problem und man braucht einen strukturellen Wandel beim DFB. Mit einer neuen und jungen Truppe muss man versuchen, wieder den Anschluss an die anderen Nationen herzustellen.  

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