Lyon, da war doch was: Franz Beckenbauer und die berühmte Wutrede

Für die Bayern geht es im Halbfinale gegen Lyon. Schon 2001 hat Olympique eine ganz wichtige Rolle beim Münchner Triumph in der Champions League gespielt. Beckenbauers Brandrede ist legendär.
| Patrick Strasser
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Würde Hansi Flick am liebsten für eine halbe Ewigkeit verpflichten: Bayern-Legende Franz Beckenbauer.
imago images/Frinke 2 Würde Hansi Flick am liebsten für eine halbe Ewigkeit verpflichten: Bayern-Legende Franz Beckenbauer.
Die "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" verlor im März 2001 mit 0:3 gegen Lyon: Bayerns Giovane Elber (l) im Duell mit Jeremie Brechet von Olympique.
dpa 2 Die "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" verlor im März 2001 mit 0:3 gegen Lyon: Bayerns Giovane Elber (l) im Duell mit Jeremie Brechet von Olympique.

München - Wer Lyon sagt, denkt an Paul Bocuse († 2018), einst Koch des Jahrhunderts und Wegbereiter der "Nouvelle Cuisine". Wer im Kontext Fußball an Lyon denkt, grübelt dieser Tage über die wahre Stärke des Favoritenschrecks, auf den Bayern am Mittwoch im Halbfinale der Champions League trifft.

Und da war doch noch was? Genau. Wer an Lyon denkt, sagt auch: Franz Beckenbauer und seine Wutrede von 2001. Als "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" beschimpfte der damalige Vereinspräsident seine Bayern im Anschluss an das blamable 0:3 in der Zwischenrunde der Champions League bei Olympique Lyon. "Altherrenfußball" hätten die Spieler um Oliver Kahn und Kapitän Stefan Effenberg gespielt, so der zürnende Kaiser in der Nacht vom 6. auf den 7. März 2001 während des traditionellen Sponsoren-Banketts im Mannschaftshotel.

Beckenbauer mit Brandrede nach Bayern-Niederlage

Seine Brandrede gilt als Auslöser des späteren Triumphs in der Königsklasse. Auf die Wutrede folgten regelrechte Wutkicks. Doch der Reihe nach: Lyon-Stürmer Sidney Govou nahm bei jener Demontage die Münchner Abwehr um Patrik Andersson, Thomas Linke und Sammy Kuffour mit zwei Treffern und einer Vorlage auseinander – 0:3.

Für Torhüter Oliver Kahn, heute im Vorstand der Bayern, im Rückblick "eine der schrecklichsten Niederlagen meiner Karriere, weil wir richtig vorgeführt wurden". Erst auf dem Platz, dann beim Mitternachtsdinner. Selten hat man solche Bilder gesehen: Gestandene Profis stocherten mit hängenden Köpfen auf ihren Tellern herum, wie Schulbuben, die erwischt wurden, nachdem sie eine Fensterscheibe im Hof eingeschossen hatten.

"Das ist nicht Fußball, das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft"

Beckenbauer ergriff das Mikrofon, sprach vernichtende Worte: "Das war eine Blamage. So, wie wir gespielt haben, aber das hat sich schon in den letzten Wochen und Monaten angedeutet, das hat nichts mit Fußball zu tun. Das ist eine andere Sportart, die wir spielen. Lyon hat Fußball gespielt. Wir haben nicht Fußball gespielt. Wir haben zugeschaut, wir haben körperlos gespielt."

Die "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" verlor im März 2001 mit 0:3 gegen Lyon: Bayerns Giovane Elber (l) im Duell mit Jeremie Brechet von Olympique.
Die "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" verlor im März 2001 mit 0:3 gegen Lyon: Bayerns Giovane Elber (l) im Duell mit Jeremie Brechet von Olympique. © dpa

Und weiter, nicht weniger schonungslos: "Das ist nicht Fußball, das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball. Tut mir leid, wenn ich das so sagen muss. Es ist so. Da schaust du aus wie ein Lehrbub, und zum Schluss kannst froh sein und sagen: ‘Vielen Dank, dass wir nur 3:0 verloren haben’. In Zukunft könnt Ihr das nicht machen, sonst müssen wir uns alle einen anderen Beruf suchen, das ist vielleicht gescheiter. Tut mir leid, wenn ich das so schonungslos sagen muss. Wenn einer Nachhilfe-Unterricht braucht, werde ich ihm noch etwas ganz anderes sagen. Ich stehe heute noch und die nächsten Tage zur Verfügung." Beckenbauer beschloss die Rede mit "bis auf das Spiel war es eigentlich ein schöner Ausflug" und blickte in ein verdutztes, teils geschocktes, Auditorium.

Effenberg: Wir hätten am liebsten den Saal verlassen

"Wir hätten am liebsten während der Rede den Saal verlassen, sind danach alle geschlossen aufgestanden und auf die Zimmer gegangen", schildert der damalige Kapitän Effenberg die Reaktion auf die verbale Vernichtung. Heute ist ihm klar: "Ab und zu braucht man mal einen Tritt in den Allerwertesten, aber diese Worte haben uns damals schon sehr gewurmt."

Und haben etwas ausgelöst, das Beckenbauer gezielt bezwecken wollte. Effenberg: "Nach der Rückkehr aus Lyon haben wir uns in der Kabine an der Säbener Straße zusammengesetzt, ohne Trainer und Betreuer, und haben darüber gesprochen. Wir waren alle der Meinung, dass wir das nicht verdient hatten. Also haben wir uns geschworen, darauf die passende Antwort zu geben. Jetzt zeigen wir’s dem Franz!"

Wenige Wochen später raunte Effe in der Kabine Beckenbauer nach dem Triumph im Finale 2001 gegen Valencia zu: "120 Minuten marschieren und noch die Nerven behalten im Elferschießen – nicht so schlecht für eine Altherrentruppe, oder!?" Der Kaiser lachte, bot "Effe" das Du an. "Damit", so Effenberg, "war die Sache erledigt".

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