"Keiner hat so oft gegen Bayern gewonnen wie ich"

Eintracht-Legende Jürgen Grabowski spricht über Duelle der Frankfurter mit dem FC Bayern früher und heute, Philipp Lahms Rücktritt aus der Nationalelf und die Erkrankung von Ex-Sturmpartner Müller.
| Julian Buhl
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Der Bayern-Schreck in Aktion: Frankfurts Jürgen Grabowski (M) beim Torschuss. Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck (l.) und Klaus Augenthaler schauen zu.
imago Der Bayern-Schreck in Aktion: Frankfurts Jürgen Grabowski (M) beim Torschuss. Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck (l.) und Klaus Augenthaler schauen zu.

AZ: Herr Grabowski, der FC Bayern hat mit zehn Siegen in zehn Spielen einen Startrekord in der Bundesliga aufgestellt. Kann Eintracht Frankfurt die Serie heute stoppen?

JÜRGEN GRABOWSKI: Eigentlich nicht, weil Bayern eine überragend besetzte und spielstarke Mannschaft hat. Das ist kaum noch zu überbieten. Im Fußball gibt es zwar immer wieder Überraschungen, aber ich bin auch Realist: Bayern ist der klare Favorit.

Was erwartet die Bayern bei dem Gastspiel in Frankfurt?

Eine Mannschaft, die alles daran setzen wird, so lange wie möglich Paroli zu bieten. Und man weiß ja, wie es im Fußball manchmal gehen kann, mit einem Elfmeter oder einem Eigentor oder Ähnlichem. Dann kann so ein Spiel auch dramatisch werden.

In den 70er Jahren war der FC Bayern ähnlich dominant wie heute. Sie haben es mit Frankfurt trotzdem häufig geschafft, die Bayern zu ärgern.

Wir waren in Frankfurt eine spielstarke Mannschaft, und die Motivation gegen die Bayern war immer eine besondere. Gerade auch gegen meine Kollegen aus der Nationalmannschaft.

1974 und 1975 haben Sie den Bayern den Pokalsieg weggeschnappt und sie in der Saison ‘75/’76 mit 6:0 nach Hause geschickt. Ihnen gelangen dabei ein Tor und zwei Vorlagen.

Das war ein Highlight. Wir haben in der Halbzeit 5:0 geführt. Es hätte noch ein schlimmeres Debakel für Bayern werden können, wir hatten in der zweiten Halbzeit noch Chancen en masse. Ich habe ein sensationelles Tor fast von der linken Eckfahne aus geschossen, mit dem linken Fuß ins lange Eck. So ein Spiel vergisst man natürlich nicht.

Ihre persönliche Bilanz gegen Bayern kann sich ja auch durchaus sehen lassen.

(lacht) Ich habe da nicht so genau mitgezählt. Aber ich bin wohl tatsächlich der Spieler, der in seiner Karriere am häufigsten gegen Bayern gewonnen hat. Ich glaube 13 oder 14 Mal war das.

Kein Wunder, dass der FC Bayern Sie verpflichten wollte. Wie war das damals?

1968 ist Bayern-Manager Robert Schwan an mich herangetreten und hat dann ein Gespräch mit dem damaligen Eintracht-Präsidenten Rudolf Gramlich geführt. Ich hatte mich schon weit aus dem Fenster gelehnt und gesagt: „Ja, ich gehe zu Bayern.“ Die Entscheidung wurde mir aber abgenommen, weil Gramlich mich nicht freigab. Im Nachhinein muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich fast ein bisschen froh war, dass es normal in Frankfurt weiterging. Es sind ja dann 441 Spiele und 15 Jahre bei der Eintracht geworden, elf davon als Kapitän. Das war schon eine tolle Zeit.

In der Nationalelf spielten Sie gemeinsam mit den Bayern.

Ich war da so ein bisschen Einzelkämpfer, Bernd Hölzenbein kam ja erst 1973 als zweiter Frankfurter dazu. Ich habe dort als Rechtsaußen gespielt und damals musste man an der Linie kleben. Wenn du in die Mitte gezogen bist, hieß es, der macht das Spiel eng. Heute würde jeder sagen: „Mensch, was hat der für einen Aktionsradius.“ Damals musste ich warten, bis ich Bälle bekomme. In Frankfurt war das anders, da habe ich in der Mitte gespielt. Ich hatte eine super Zeit in der Nationalmannschaft, aber richtig entfalten konnte ich mich dort nicht.

Vor allem auch eine sehr erfolgreiche Zeit mit drei WM-Teilnahmen. 1972 sind sie Europameister und 1974 bei der Heim-WM Weltmeister geworden – an Ihrem 30. Geburtstag in München.

Als Zehnjähriger habe ich noch am Radioladen vor der Scheibe gestanden, als Deutschland 1954 Weltmeister geworden ist. Und dann ist man selbst plötzlich im WM-Endspiel. Dann kommt der Schlusspfiff und man ist plötzlich Weltmeister – das ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Traum, der wahr wird.

Danach sind sie aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Ich weiß nicht, ob es richtig war, mit 30 schon in der Nationalelf aufzuhören.

Damals habe ich gedacht, es wäre das Richtige.

Philipp Lahm hat nach dem WM-Triumph 2014 ebenfalls mit 30 seine Nationalelf-Karriere beendet.

Er macht den Eindruck, dass er sich genau überlegt, was er tut. Ich kann mir aber vorstellen, wenn er mal in einer ruhigen Minute über die Sache nachdenkt, dass er sagt: „Mensch, vielleicht hättest du doch noch zwei, drei Jahre dranhängen und die EM oder vielleicht Olympia mitnehmen können.“

Wie war es, damals mit Gerd Müller zusammenzuspielen?

Ich habe viele Länderspiele mit ihm zusammen gemacht und ihm auch das ein oder andere Tor aufgelegt. Er hatte Fähigkeiten, die einmalig waren. Er war nicht nur herausragend durch seine Tore. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass der Gerd ein unwahrscheinlich guter Typ ist. Ein netter Kerl, der immer bescheiden geblieben ist.

Kürzlich wurde seine Alzheimer-Erkrankung bekannt.

Das tut mir unwahrscheinlich leid. Ich sehe jede Woche meinen Neffen, der schwere Kopfverletzungen erlitten hat und im Pflegeheim liegt. Da treffe ich auch immer Demenzkranke. Das ist schon ein Leid, das einem sehr nahe geht. Dass Gerd Müller jetzt davon betroffen ist, tut mir natürlich weh.

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