Hoeneß über Breitner: Der letzte große Führungsspieler

AZ: Herr Hoeneß, an diesem Samstag wird Paul Breitner 75 Jahre alt, ein großes Jubiläum. Wie haben Sie ihn zwischen 1979 und 1983 als Mitspieler beim FC Bayern erlebt?
DIETER HOENESS: Paul war ein klassischer Leader und Führungsspieler. Er hat als Kapitän nicht nur die Binde durch die Gegend getragen, sondern ist immer mit Leistung vorangegangen. Seine Pässe haben ihn besonders ausgezeichnet, er konnte ein Spiel lesen. Besonders "Kalle" (Karl-Heinz Rummenigge, d. Red.) hat davon profitiert, das Zusammenspiel der beiden war wirklich ideal. Paul war ein Stratege auf dem Platz. Heute würde man ihn als klassischen Achter bezeichnen. Ein exzellenter Fußballer.
Breitner hatte vor seiner Rückkehr zum FC Bayern schon viel Erfolg, er wurde 1974 Weltmeister, ging dann zu Real Madrid, ehe er über Eintracht Braunschweig 1978 wieder zu Bayern kam. Hat man da gemerkt, dass er ein noch reiferer und stärkerer Spieler geworden war?
Ich denke schon, wobei ich seine Zeit vorher ja nur als Zuschauer verfolgt habe. Ich bin 1979 zu Bayern gekommen. Er hatte am Anfang natürlich eine andere Position, war Außenverteidiger. Heute würde man sagen: Schienenspieler. Als ich dann mit ihm zusammen bei Bayern gespielt habe, hat er im zentralen Mittelfeld die Fäden gezogen. Dadurch hat sich sein Spektrum noch mal erweitert.
Sie hatten in dieser Zeit gemeinsam viel Erfolg, haben 1980 und 1981 die Meisterschaft gewonnen, 1982 zudem den DFB-Pokal – auch dank Ihres Turban-Kopfballtores. Was fehlte, war nur die europäische Krönung 1982 im verlorenen Endspiel im Cup der Landesmeister gegen Aston Villa …
Das war bitter. Wir haben 90 Minuten in eine Richtung gespielt, nur leider ist uns kein Tor gelungen. Ich habe zwar einen Treffer erzielt, doch der wurde wegen Abseits zurückgenommen. Ich weiß nicht, ob der heute mit dem VAR auch aberkannt worden wäre. Es wäre die Krönung für uns gewesen, im Rückblick sehr schade.

Wie war Breitner eigentlich abseits des Fußballplatzes? Er galt ja auch als "Revoluzzer" und Querdenker. 1979 führte eine Spielerrevolte beim FC Bayern zum Rücktritt des damaligen Präsidenten Wilhelm Neudecker, Mitte der 1970er zeigte sich Breitner mal mit einer Mao-Bibel.
Ich habe ihn auch in der Kabine als Leader erlebt, als Meinungsbildner. Das mit Mao war ja eher in seiner Anfangszeit (lacht).
Mit welchem heutigen Spieler würden Sie Breitner vergleichen?
Dafür hat sich der Fußball zu stark verändert. Es gibt nicht mehr diese Führungsspieler, die eine solche Dominanz haben. Das verteilt sich heutzutage deutlich mehr.