Hitzlsperger: "Man muss sich einfach bewusst sein, dass jede Aussage Wellen schlägt"
AZ: Herr Hitzlsperger, Sie engagieren sich stark gegen Rassismus und Homophobie. Wie schwer fällt es Ihnen als TV-Experte, sich bei politischen Themen zurückzuhalten?
THOMAS HITZLSPERGER: Zurückhalten muss ich mich gar nicht unbedingt – ich darf ja Kommentare abgeben. Aber ich muss mir immer überlegen, was das bedeutet. Jede Äußerung löst Reaktionen aus, und die kann man heute ziemlich gut einschätzen. Dann stelle ich mir die Frage: Will ich mir das jetzt antun oder nicht? Manchmal sage ich ganz bewusst: Jetzt ist der richtige Moment, jetzt äußere ich mich. Und manchmal denke ich mir: Eigentlich würde ich was sagen, aber alles, was danach kommt, spare ich mir lieber.
Sie sprechen die Reaktionen an – hat sich der öffentliche Druck durch soziale Medien verändert?
Absolut. Früher war es so, dass man vielleicht Leserbriefe bekommen hat oder mal eine kritische Stimme gehört hat. Heute kann sich jeder jederzeit äußern. Das führt dazu, dass Reaktionen viel unmittelbarer und oft auch viel heftiger sind. Deshalb muss man sich einfach bewusst sein, dass jede Aussage Wellen schlägt. Und dann ist es eine bewusste Entscheidung, ob man diese Wellen auslösen möchte oder nicht.
"Es gibt eben keine klare Erwartung mehr, dass sich die Mannschaft positionieren muss"
Der DFB will sich nach den Erfahrungen der WM in Katar weniger politisch positionieren. Ist das angesichts der aktuellen Lage - gerade mit Blick auf die USA - überhaupt realistisch?
Ich finde es erstmal gut, dass klar ist: Die Spieler stehen nicht mehr so im Fokus dieser Themen. Der Verband versucht eher, Dinge im Vorfeld anzusprechen und vielleicht auch zu klären. In Katar war das alles extrem intensiv, das hat man ja gemerkt - und ich glaube, das war für die Mannschaft am Ende zu viel. Diese Erfahrung hilft jetzt. USA ist auch nochmal etwas anderes als Katar. Da geht es um eine andere Dimension von Politik. Für mich persönlich war Katar eine Situation, wo ich gesagt habe: Da muss ich mir genau überlegen, ob ich überhaupt hinreise. In den USA ist das anders gelagert, auch wenn ich natürlich längst nicht alles gutheiße, was dort passiert.

Bedeutet das auch, dass Spieler sich künftig eher zurückhalten werden?
Ich würde nicht sagen, dass sie sich nicht äußern dürfen. Soweit ich das sehe, wird keinem etwas verboten. Aber es gibt eben keine klare Erwartung mehr, dass sich die Mannschaft positionieren muss. Die Spieler wissen auch: Das ist ein heißes Thema. Wenn sie sich äußern, hat das Konsequenzen - und zwar nicht nur positive. Manche finden es gut, andere lehnen es ab, nennen es „zu woke“ oder politisch. Deshalb braucht es schon ein echtes, persönliches Anliegen, damit jemand sagt: Das ist es mir wert, das spreche ich jetzt an.
Hitzlsperger: "Denn das kann Auswirkungen auf die Mannschaft haben, auch auf die Leistung"
Ist dieser vorsichtigere Ansatz des DFB aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Ich finde es legitim zu sagen: Wir wollen ein gutes Turnier spielen und uns auf das Sportliche konzentrieren. Gleichzeitig weiß man, dass Spieler eigene Meinungen haben. Wichtig ist, dass man vorbereitet ist und nicht überrascht wird, wenn jemand etwas äußert. Denn das kann Auswirkungen auf die Mannschaft haben, auch auf die Leistung. Wenn man das im Griff hat und niemandem den Mund verbietet, ist das für mich ein nachvollziehbarer Weg.
Sie haben einmal gesagt, Fußball sei insgesamt anstrengender geworden. Was meinen Sie damit konkret?
Fußball ist nicht mehr nur das Spiel auf dem Platz. Es geht um Politik, gesellschaftliche Fragen, wirtschaftliche Interessen - alles hängt miteinander zusammen. Dazu kommt diese allgemeine Unsicherheit, die wir gerade erleben. Man weiß oft gar nicht, was als Nächstes passiert. Das macht es für alle Beteiligten anspruchsvoller. Aber ich sage auch ganz klar: Meine Freude am Fußball hat mir bisher keiner genommen - weder Gianni Infantino noch Donald Trump oder sonst irgendwer.
Hitzlsperger über Nagelsmann: "Das ist ein riesiges Amt, das merkt man"
Sie waren zuletzt selbst für eine Dokumentation in Nordamerika unterwegs. Mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekommen?
Es ist schon eine gewisse Unsicherheit spürbar. Viele Menschen sind überfordert mit der politischen Lage, weil sich Dinge sehr schnell verändern. Gleichzeitig bleibt Fußball ein verbindendes Element. Ich freue mich auf die WM und darauf, vor Ort zu sein. Aber ich gehe auch mit einem Bewusstsein hin, dass dort vieles passiert, was man kritisch sehen kann.
Kommen wir zur Nationalmannschaft: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation unter Bundestrainer Julian Nagelsmann?
Das ist ein riesiges Amt, das merkt man. Er muss sich mit Themen beschäftigen, die weit über den Fußball hinausgehen. Ich finde schon, dass er das insgesamt ordentlich macht. Die EM hätte auch anders laufen können - wenn Deutschland weitergekommen wäre oder vielleicht sogar gewonnen hätte, würden wir heute ganz anders sprechen. Aber so ist der Fußball: Ergebnisse prägen die Wahrnehmung.
Hitzlsperger sieht Deutschland nicht als Topfavoriten
Sehen Sie Deutschland aktuell als Topfavoriten auf den WM-Titel?
Ich würde sagen, Deutschland gehört momentan nicht zu den Top drei. Andere Nationen sind aktuell stärker einzuschätzen. Aber gleichzeitig ist es so: Teams wie Deutschland oder Brasilien haben bei Turnieren immer einen gewissen Respekt auf ihrer Seite - allein durch ihre Geschichte. Wenn man dann einen guten Start erwischt oder einen starken Gegner schlägt, kann sich schnell etwas entwickeln.
Ein viel diskutiertes Thema ist der Umgang mit Spielern wie Dennis Undav. Wie sehen Sie das?
Ich glaube nicht, dass diese Diskussion schon zu Ende ist. Vielleicht versucht der Bundestrainer gerade, sie ein Stück weit zu beenden, aber ich denke, das Thema bleibt. Ich kann verstehen, wenn man sagt, vom Profil passt er vielleicht nicht perfekt rein. Aber die Realität ist eben auch: Er trifft verdammt oft. Und dann ist es die Aufgabe des Trainers, sich zu überlegen, wie man diese Qualität einbindet. Wenn man ihn partout nicht haben will, muss man einen anderen Weg finden, das Thema zu lösen. Aber ich glaube schon, dass ein Spieler wie er einer Mannschaft guttun kann, weil er etwas mitbringt, das andere nicht haben.
Hitzlsperger: Ausfall von Serge Gnabry wieg schwer
Wie wichtig sind solche unberechenbaren Spielertypen generell?
Sehr wichtig. Du brauchst unterschiedliche Profile im Kader. Es bringt nichts, wenn alle Spieler gleich sind. Gerade in engen Spielen oder gegen tief stehende Gegner kann so ein Spieler den Unterschied machen. Das haben wir auch bei Füllkrug gesehen - nicht der klassische Spieler für jedes System, aber mit einem besonderen Element, das entscheidend sein kann.
Ein weiteres Thema ist die personelle Situation - etwa der Ausfall von Bayern-Star Serge Gnabry. Wie schwer wiegt das?
Das ist schon ein echter Verlust, weil Serge eine sehr gute Saison gespielt hat. Wenn Deutschland weit kommen will, brauchst du eigentlich deine besten Spieler in Topform. Deshalb ist sein Ausfall für mich schon bedenklich. Einen klassischen Eins-zu-eins-Ersatz gibt es nicht - das ist im Fußball ohnehin selten.
Welche Alternativen sehen Sie konkret?
Es gibt mehrere Optionen, und das hängt stark vom Gegner ab. Spieler wie Maximilian Beier können in bestimmten Spielen eine Rolle spielen. Aber ich finde es auch spannend, auf die jüngeren Spieler zu schauen. Lennart Karl ist zum Beispiel einer, bei dem ich sehr neugierig bin, wie er sich entwickelt. Wenn er seine Qualität zeigt, kann er durchaus ein Faktor werden.

"Für den ganz großen Titel fehlt mir im Moment noch ein bisschen der Glaube"
Trauen Sie ihm das schon bei einer WM zu?
Das hängt natürlich davon ab, wie schnell er wieder auf sein Niveau kommt. Aber grundsätzlich gilt: Der Bundestrainer ist sehr taktisch orientiert. Er wird sich genau anschauen, welcher Spielertyp gegen welchen Gegner am besten passt. Deshalb glaube ich nicht, dass es "den einen" Ersatz für Gnabry gibt, sondern eher mehrere Lösungen - je nach Spielsituation.
Also mehr Flexibilität statt fester Hierarchie?
Genau. Du musst flexibel sein, gerade in einem Turnier mit unterschiedlichen Gegnern. In der Gruppenphase hast du drei völlig verschiedene Spiele - da brauchst du unterschiedliche Ansätze. Und genau deshalb können auch mehrere Spieler diese Rolle ausfüllen, ohne dass einer allein als klarer Ersatz festgelegt wird.
Abschließend: Was erwarten Sie insgesamt von dieser WM?
Es wird eine besondere WM, allein schon wegen der Größe und der politischen Begleitumstände. Ich hoffe, dass der Fußball im Mittelpunkt steht und wir gute Spiele sehen. Und natürlich hoffe ich als Fan, dass Deutschland weit kommt. Für den ganz großen Titel fehlt mir im Moment noch ein bisschen der Glaube, aber im Fußball ist immer alles möglich.
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